Intelligenz kann sich im Lebensverlauf ändern

Fabian Peters

Intelligenzquotient von Kindern schwankt im Lebensverlauf

21.10.2011

Bisher galt die Intelligenz als ein Faktor, der sich – im Gegensatz zum Bildungsstand – über die Jahre wenig bis gar nicht verändert. Doch Forscher des University College in London berichten nun in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature“, dass sich der Intelligenzquotient (IQ) während der Teenager-Zeit noch maßgeblich verändern kann – zum Positiven aber auch zum Negativen.

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Im Rahmen ihrer Untersuchungen habe sich gezeigt, dass die Intelligenz von Kindern im Laufe der Jahre nicht konstant bleibt, sondern sich bis zum Teenageralter noch unterschiedlich entwickeln kann, erklärte Studienautorin Cathy Price. Die „Tendenz, Kinder relativ früh im Leben zu beurteilen und ihren Ausbildungsweg festzulegen“, könnte demnach eine grundsätzlich falsche Herangehensweise sein, so Price weiter.

Deutliche Sprünge des IQ festzustellen
Die britischen Forscher des Wellcome Trust Centre for Neuroimaging am University College of London hatten die Intelligenz von 33 Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 16 Jahren untersucht und diese Untersuchung nach vier Jahre wiederholt. Neben einem gewöhnlichen Intelligenztest wurden außerdem Untersuchungen des Gehirns mittels Magnetresonanztomografie (Kernspin, MRT) durchgeführt. Die Forscher um Cathy Price bemerkten, dass bei den Kindern teilweise deutliche Sprünge des IQ festzustellen waren. Einige haben ihren IQ offenbar deutlich gesteigert, andere vorher leistungsstarke Kinder büßten indes Potenzial ein, erläuterten die Wissenschaftler. Die bisherige Annahme, der IQ ändere sich im späteren Verlauf des Lebens nicht, sei mit den aktuellen Ergebnissen widerlegt. Bei den Intelligenztests analysierten die Forscher Allgemeinwissen, Sprachvermögen und Gedächtnis aber auch Fähigkeiten wie das Festellen fehlender Bildelementen oder das Lösen von Puzzles.

IQ entwickelt sich parallel zur grauen Hirnsubstanz
Bei der ersten Untersuchung lagen die Intelligenzquotienten der 33 Studienteilnehmer zwischen 77 und 135, bei der zweiten Untersuchung erreichten die Probanden Werte zwischen 87 und 143, so die Aussage der Forscher. Im einzelnen haben einige Jugendlichen ihr Ergebnis in dem zweiten Test um bis zu 20 Punkte verbessert, wohingegen andere beim IQ einen vergleichbaren Einbruch feststellen ließen, schreiben Cathy Price und Kollegen. Auch in Bezug auf die einzelnen getesteten Bereiche, seien beim zweiten Test teilweise deutliche Abweichungen im Vergleich zur Ersten Untersuchung festzustellen gewesen. Die MRT-Aufnahmen zeigten dabei, dass sich die graue Hirnsubstanz, welche zum Großteil aus Nervenzellen besteht, parallel zu der Entwicklung des IQ verändert habe, berichten die Forscher. So ging zum Beispiel ein Anstieg des verbalen IQ mit einer Zunahme der Dichte grauer Hirnsubstanz im Bereich der linken motorischen Großhirnrinde einher. Dieser Bereich werde beim Sprechen aktiviert, so die Erklärung der britischen Wissenschaftler. Verzeichneten die Forscher eine Zunahme des non-verbalen IQ (Puzzle- und Bildsuche-Fähigkeiten), sei parallel im vorderen Kleinhirn eine Zunahme der Dichte der grauen Hirnsubstanz festzustellen gewesen, so die Aussage von Cathy Price und Kollegen. Auch hier bestehe ein logischer Zusammenhang, da die Hirnregion mit Bewegungen der Hand und räumlichem Denken in Verbindung gebracht wird.

Das Gehirn lebenslang formbar
Wieso sich der Intelligenzquotient bei einigen Probanden noch im späteren Lebensverlauf verändert hat, bei anderen hingegen konstant geblieben ist, konnten die Wissenschaftler bisher nicht eindeutig klären. Möglich sei zum Beispiel, dass manche Kinder Früh- beziehungsweise Spätentwickler sind, erläuterte Cathy Price. Aber auch die Ausbildung und Förderung der Fähigkeiten könne möglicherweise eine Rolle spielen. Die bisherige Annahme das die Intelligenz sich im Leben nicht groß verändert, müsse angesichts der aktuellen Ergebnisse jedoch verworfen werden, so das Fazit der Experten. Vielmehr bestehe Grund zu der Annahme, dass das Gehirn im Lebensverlauf formbar bleibt und sich neuen Herausforderungen anpassen kann, erläuterten die britischen Wissenschaftler. (fp)