Krankenkassen fordern Abbau von Ärzte-Überschuss

Fabian Peters

Gesetzliche Krankenkassen fordern Abbau von Ärzte-Überschuss

31.05.2011

Während Ärzteverbände und Politiker vor einem drohenden Ärztemangel insbesondere in ländlichen Regionen warnen, fordert aktuell der Verband der Ersatzkassen (vdek) im Vorfeld des 114. Deutschen Ärztetages in Kiel einen Abbau des Überangebots an Ärzten.

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Auf dem Ärztetag soll unter anderem die vom Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) geplante Änderung des Versorgungsgesetzes thematisiert werden. Mit Hilfe der Neuregelungen hofft der Gesundheitsminister einem drohenden Ärztemangel entgegenzuwirken, der in Zukunft erhebliche Engpässe bei der medizinischen Versorgung bedingen könnte. Doch der Verband der Ersatzkassen bestreitet eine bevorstehende Unterversorgung in der hausärztlichen Versorgung und fordert stattdessen einen Abbau des Ärzteüberschusses.

Ärztemangel oder Ärzteüberschuss?
Unterschiedlicher könnten die Positionen kaum sein: Politik und Ärzteverbände warnen vor einen drohenden Ärztemangel, während der Verband der Ersatzkassen von einem „Überschuss an Ärzten“ ausgeht. Thomas Ballast, Vorsitzender des Verbandes der Ersatzkassen (vdek), erklärte, dass die Ärztedichte mit 397 Ärzten pro 100.000 Einwohner im Jahr 2010 ein neuen Höchststand erreicht habe. Insgesamt waren letztes Jahr rund 31 Prozent mehr Ärzte in Deutschland tätig als im Jahr 1991, betonte der vdek-Vorsitzende. Damit könne von drohendem Arztmangel keine Rede sein, denn die Gesundheit der Bevölkerung habe sich im gleichen Zeitraum kaum verschlechtert bzw. es wurden nicht wesentlich mehr medizinische Leistungen erforderlich. Die Ärzte müssten jedoch flexibler sein, damit in den unterversorgten Regionen der Ärztemangel vermieden werden könne, erklärte Ballast. Während „in Städten der Bedarf weit mehr als gedeckt“ ist, fehlen „gut ausgebildete Ärzte in bestimmten ländlichen Regionen“, so der vdek-Vorsitzende weiter.

Verband der Ersatzkasse: Nicht in Überversorgung investieren
Wie die Ärzte dazu bewegt werden sollen, sich verstärkt in den ländlichen Regionen niederzulassen, geht aus den Darstellungen von Thomas Ballast allerdings nur ansatzweise hervor. „Wir sollten die Beitragsgelder der Versicherten dort einsetzen, wo Probleme oder Engpässe sind, nicht jedoch noch in Überversorgung investieren“, so die wenig konkrete Aussage des vdek-Vorsitzenden. Auch die Erklärung, dass Diagnostik und Therapie auf das medizinisch notwendige Maß konzentriert werden sollten, lässt relativ viel Interpretationsspielraum. Am Ende seiner Mitteilung betonte der vdek-Vorsitzende: „Weniger ist oft mehr, zu viel Medizin kann den Patienten auch schaden.“ Die dahinter stehende Aussage ist vermutlich als Aufruf zur Begrenzungen der Zulassungen für niedergelassen Arztpraxen in den Städten zu verstehen, um eine vermehrte Ansiedlung im ländlichen Raum zu erreichen. Doch konkrete Aussagen des vdek-Vorsitzenden fehlen an dieser Stelle.

„In 20 Jahren fehlen 50.000 Ärzte“
Die Ärzteverbände warnen hingegen vor einem massivem Ärztemangel, der sich bereits heute abzeichne. So hat Frank-Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer, im Interview mit der „Passauer Neuen Presse“ erklärt, dass die Arbeitsbedingungen derart unattraktiv seien, dass viele Mediziner nach Abschluss ihres Studiums im Ausland oder der Industrie tätig werden, anstatt sich als Arzt in Deutschland niederzulassen. Im vergangenen Jahr sein „schon wieder 3.500 deutsche Ärzte ins Ausland gegangen“, betonte Montgomery. Der Vizepräsident der Bundesärztekammer ergänzte: „Wenn es so weiter geht wie bisher, werden uns in 20 Jahren rund 50.000 Ärzte fehlen.“

Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt vor Ärztemangel
Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) warnte vor dem bevorstehenden Ärztemangel und erklärte, dass erste Anzeichen bereits heute zu erkennen seien. Für viele niedergelassene Ärzte hätten sich bereits im vergangenen Jahr keine Nachfolger gefunden, so dass 2010 fast 700 Arztpraxen schließen mussten, betonte der Hauptgeschäftsführer der KBV, Andreas Köhler. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung geht in ihren Hochrechnungen davon aus, dass 66.830 niedergelassene Ärzte bis zum Jahr 2020 in den Ruhestand gehen. Der demografische Wandel bedinge jedoch, dass die Bevölkerung im gleichen Zeitraum „immer älter und somit auch kränker“ wird, erklärte Köhler. Daraus könne sich in absehbarer Zeit eine ärztliche Unterversorgung ergeben. Die Ärzteverbände hoffen daher, dass im Rahmen des neuen Versorgungsgesetzes entsprechende Maßnahmen ergriffen werden, um dem Ärztemangel entgegenzuwirken. Darüber hinaus forderte der Vizepräsident der Bundesärztekammer eine Reform der ärztlichen Gebührenordnung bis zum Ende der Legislaturperiode, um auch die finanziellen Anreize für Mediziner zu erhöhen.

Gesundheitsminister plant neues Versorgungsgesetz
Im Rahmen des Versorgungsgesetzes möchte der Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), dass drohende Ärzte-Defizit in ländlichen Regionen vor allem durch finanzielle Anreize bzw. verbesserte Verdienstmöglichkeiten auf dem Land beheben. Er könne „ja keinen Arzt zwingen, sich auf dem Land niederzulassen“, wenn dieser lieber in Köln, Berlin oder München arbeiten möchte, erklärte Bahr im Gespräch mit „Welt Online“. Außerdem sollten den Vorschlägen von Bahr zufolge Arztpraxen in den Ballungsräumen geschlossen werden. Doch mit diesen Vorschlägen bestätigt der Bundesgesundheitsminister im Prinzip die Aussagen des Verbandes der Ersatzkassen. Denn Bahr schlägt eine Behebung des Ärztemangels durch Umverteilung bzw. erhöhte Mobilität der Mediziner vor. Doch sollten die Ärzteverbände mit ihren Warnungen recht behalten, sind generell nicht genug Ärzte vorhanden, um die Patientenversorgung auf dem bisherigen Standard zu gewährleisten. Die neuen Anreize des Versorgungsgesetzes von denen Bahr spricht, wenn er erklärt, wie der drohende Ärztemangel vermieden werden soll, greifen an dieser Stelle wahrscheinlich zu kurz. Denn die Anzahl der Mediziner, die ihre Tätigkeit in Deutschland ausüben, wird sich durch die geplanten Änderungen kaum beeinflussen lassen. Auch sind die von den Ärzteverbänden geforderten Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und der Verdienstmöglichkeiten bisher nur in Ansätzen zu erkennen. (fp)