Krebstherapie: Aspirin stoppt Krebs-Tumore

Astrid Goldmayer

Krebstherapie: Aspirin könnte Tumorwachstum bremsen

21.03.2012

Acetylsalicylsäure (ASS) kann das Wachstum von Tumoren bremsen und das Krebsrisiko vermindern. Das fanden britische Wissenschaftler um Peter M. Rothwell von der Universität Oxford im Rahmen einer Metastudie heraus. Das besser als Aspirin bekannte Medikament hat jedoch auch Nebenwirkungen, die nicht zu vernachlässigen sind.

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Wunderwaffe Aspirin gegen Krebs?
Es klingt zu schön, um wahr zu sein: Mit einer Aspirin am Tag können nicht nur Kopfschmerzen vertrieben, sondern laut einer Metastudie auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs vorgebeugt werden. Rothwell und seine Kollegen analysierten zahlreiche Daten, die zu einer neuen Bewertung des Allzweckmittels führen. In drei Studien, die in den renommierten Fachblättern „The Lancet“ und „Lancet Oncology“ erschienen sind, bekräftigen die Forscher, dass Aspirin scheinbar das Krebsrisiko reduziert.

Für die Untersuchung analysierten Wissenschaftler zunächst 51 Studien, an denen mehr als 80.000 Probanden teilnahmen. Die Forscher wollte die dem Medikament nachgesagte Wirkung auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen überprüfen. Dafür wurden die Studienteilnehmer zufällig entweder in eine Gruppe eingeteilt, die mehrere Jahre Aspirin erhielt oder der Vergleichsgruppe zugeordnet, die wirkfreie Placebos einnahm. Dann analysierten Rothwell und sein Team die Studien erneut, um herauszufinden, ob Aspirin Krebs verhindert und wenn ja, ab welchem Zeitpunkt.

Das Ergebnis der Auswertung zeigte, dass sich das Risiko an Krebs zu sterben nach fünf Jahren um 40 Prozent reduzierte, wenn täglich Aspirin eingenommen wurde. Nach drei Jahren wurde bei den Gruppen, die das Medikament erhielten, 25 Prozent weniger Krebs festgestellt. Dies galt sowohl für Männer als auch für Frauen.

Statistischer Zusammenhang muss noch in der Realität überprüft werden
So erfreulich die Ergebnisse auch scheinen mögen, handelt es sich zunächst nur um einen statischen Zusammenhang. Über die genauen Wirkungsmechanismen, die dahinter stecken, ist bislang noch nicht viel bekannt. Die praktischen Ergebnisse stützen sich größtenteils auf Mausmodelle in der Petrischale. Daraus konnte abgeleitet werden, dass Aspirin in erster Linie zwei Enzyme anspricht. Cox-1 und Cox-2 wirken wie ein Signal zur Bildung von sogenannten Prostaglandinen – hormonähnliche Stoffe – in der Zelle. Diese Prostaglandinen sind für Tumore äußerst wichtig, denn sie lassen diese schneller wachsen. Werden die Cox-Enzyme durch Aspirin gehemmt, sind weniger Prostaglandine für die Krebszellen vorhanden. Die Folge: das Tumorwachstum wird gebremst. „Wir testen gerade, welche Menschen am besten durch Cox-Hemmer vor Krebs geschützt werden und wer am anfälligsten für Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Blutungen ist", erklärt Prof. Cornelia Ulrich, Direktorin des Nationalen Zentrums für Tumorerkrankungen und Wissenschaftlerin am Deutschen Krebsforschungszentrum. „Einfach allen Aspirin zu geben, ist nicht sinnvoll. Unter anderem unsere Gene bestimmen, wie groß der Vorteil wirklich ist."

Aspirin hat zahlreiche Nebenwirkungen
Selbst ein Allzweckmittel wie Aspirin ist nicht ohne Nebenwirkungen. Die Liste im Beipackzettel ist lang: Neben Übelkeit und Erbrechen, kann es zu Sodbrennen und Magenschmerzen kommen. Ebenso können allergische Reaktionen und Atemnot bei Asthmatikern auftreten. Folgenschwere Nebenwirkungen wie starke Blutungen seien aber nicht häufig der Fall, weil das Medikament über einen längeren Zeitraum eingenommen werde, erklären die britischen Wissenschaftler. Das Risiko einer lebensbedrohlichen Blutung steige in den ersten drei Jahren an, sinke dann jedoch wieder. Nach Ansicht von Rothwell und seinen Kollegen überwiege dabei dennoch der Nutzen von Aspirin, so dass die Nebenwirkungen in Kauf genommen werden könnten. Cornelia Ulrich ist anderer Meinung: „Ich würde es auf Risikogruppen beschränken.“

Die Einnahme von Aspirin führt zur Verflüssigung des Blutes, da die gerinnungsfördernde Wirkung der Blutplättchen gehemmt wird. Dieser Mechanismus scheint nicht nur vor Schlaganfall und Herzinfarkt zu schützten , sondern auch zur Verminderung des Krebsrisikos beizutragen. Der Preis dafür ist jedoch eine erhöhte Blutungsneigung. Besonders Magenblutungen können durch Aspirin ausgelöst werden.

Aspirin kann bei der Behandlung von Darmpolypen, die als eine Vorstufe von Krebs angesehen werden, nachweislich erfolgreich eingesetzt werden. Betroffene, die mit über 60 Jahren bereits einmal an einem Darmpolypen litten, können mit Mitteln wie Aspirin, das Risiko erneut zu erkranken, um etwa die Hälfte reduzieren. Menschen mit Vorstufen von Speiseröhren- oder Magenkrebs könnten möglicherweise ebenfalls von der Einnahme des Mittels profitieren.

Metastasierung ebenfalls durch Aspirin eingeschränkt
Rothwell und seine Kollegen wiesen nach, dass Aspirin die Metastasenbildung weit ab vom Tumor um 30 bis 40 Prozent vermindert. „In Tierstudien konnte das schon gezeigt werden, jetzt sehen wir Belege auch beim Menschen", erklärt Rothwell. „Wahrscheinlich spielt die Metastasenbildung über die Blutplättchen dabei eine Rolle." Die Forscher empfehlen Ärzten deshalb, das Medikament nicht während der Krebstherapie abzusetzen, sondern zu erwägen, ob es ergänzend zur Behandlung verabreicht werden kann.

Kritische Stimmen fordern weitere Studien
Cornelia Ulrich ist weniger euphorisch: „Andererseits können die Ergebnisse der Studie auch etwas zu positiv wirken. Vielleicht waren die Patienten aus den Studien öfter wegen Nebenwirkungen beim Arzt, so dass bei der Gelegenheit auch ein Krebs früh erkannt und behandelt wurde. Eine andere Möglichkeit ist, dass Tumoren und ihre Vorläufer durch Aspirin schneller bluten und so besser gefunden werden." Die Expertin bestätigt jedoch, dass Hemmer des Enzyms Cox-2 bald zur Krebstherapie eingesetzt werden könnten. Entsprechende Studien würden bereits laufen. „Aspirin ist aber vor einer Operation ungünstig, da es die Wahrscheinlichkeit von Blutungen erhöht.“ Alternative Mittel könnten dann besser geeignet sein.

Prof. Bernd Mühlbauer, Chef der Klinischen Pharmakologie am Klinikum Bremen und Vorstandsmitglied der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, steht den Studienergebnissen kritisch gegenüber: „Alle Daten zu Aspirin und Krebs stammen aus Studien, die eigentlich die Wirkung auf Herz und Gefäße untersuchen; da ist das Verzerrungspotential groß. Eine gute Studie, die den Einfluss von Aspirin auf Krebs direkt untersucht, würde man sich von unabhängigen Stellen wie dem Forschungsministerium oder der WHO wünschen." (ag)