Nabelschnurblut: Geschäfte mit Angst der Eltern

Astrid Goldmayer

Nabelschnurblut: Unseriöse Geschäftemacherei mit Angst der Eltern?

08.06.2012

Seit einigen Jahren werben private Nabelschnurblutbanken in Zeitschriften und im Internet um Eltern, die mit der Bluteinlagerung in die zukünftige Gesundheit ihrer Kinder investieren sollen. Experten kritisieren das Angebot der privaten Blutbanken, da mit der Angst der Eltern Geschäfte gemacht würden. Der medizinische Nutzen sei bisher noch nicht geklärt.

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Stammzellen aus Nabelschnurblut können an öffentliche Blutbanken gespendet werden
Bei der Stammzellenforschung versuchen Wissenschaftler herauszufinden, wie sie mit dem kostbaren Gut aus dem Nabelschnurblut später einmal Krankheiten behandeln und heilen können. Bislang werden Stammzellen nur bei Erkrankungen des Blut- und Immunsystems in klinisch anerkannten Verfahren eingesetzt. Dennoch werben zahlreiche private Nabelschnurblutbanken in Zeitschrift und Online-Portalen teilweise mit prominenten Gesichtern um neue Kunden. Es kostet demnach bis zu einigen 1000 Euro, die Stammzellen eines Neugeborenen einfrieren zu lassen. Besorgte Eltern möchten mit der Nabelschnurblutentnahme sicherstellen, dass ihr Kind – sollte es im Verlauf seines Lebens einmal ernsthaft erkranken – mit den eingefrorenen Stammzellen geheilt werden könnte. Fachleute kritisieren das Geschäft mit der Angst der Eltern. Abgesehen vom eigenen Kind können Stammzellen jedoch auch anderen Menschen helfen. So ist es möglich, das Nabelschnurblut an eine öffentliche Blutbank zu spenden.

„Man muss unterscheiden zwischen der Vorsorge für das eigene Kind, bei der Nabelschnurblut entgeltlich eingefroren wird. Dann gibt es den altruistischen Ansatz, das Blut einer Bank zur Verfügung zu stellen, so dass anderen Menschen mit den Stammzellen aus dem Blut geholfen werden kann, beispielsweise bei Bluterkrankungen“, erklärt Professor Gerhard Ehninger, Geschäftsführender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie. Zudem sei es möglich die Stammzellenspende für ein kranken Geschwisterkind zu verwenden. Vorraussetzung dafür sei jedoch, dass die HLA-Eigenschaften auf der Oberfläche der Blutzellen durch Zufall identisch seien.

Bislang keine medizinische Begründung zur Einlagerung von Nabelschnurblut
„Es gibt keine anerkannte medizinische Begründung, diese Zellen zu entnehmen und einzufrieren. Es wird behauptet, dass Kindern schon geholfen wurde damit“, berichtet der Arzt aus Dresden. „Das waren aber alles Behandlungen im Rahmen von experimenteller Medizin, das hat nichts zu tun mit einer Regelversorgung.“ Dennoch scheint die Nachfrage groß zu sein. „Wir bekommen viele Anfragen von werdenden Eltern und auch Großeltern zum Thema Nabelschnurblut,“ erklärt Ira Herrmann vom Kompetenznetzwerk Stammzellforschung NRW. „Früher wurde vielleicht ein Konto oder ein Sparbuch für ein Kind angelegt, heute wird darüber nachgedacht, das Nabelschnurblut privat einlagern zu lassen, gerade auch, weil es eine überschaubare Investition in finanzieller Hinsicht ist.“

Bislang gibt es jedoch nur wenige Einsatzgebiete für Stammzellen. „Man muss den Menschen reinen Wein einschenken. Es gibt derzeit nur einen einzigen Bereich weltweit, in dem Stammzellen in klinisch anerkannten und geprüften Verfahren regelmäßig eingesetzt werden, und das sind Erkrankungen des Blut- und Immunsystems“, sagt Herrmann. Für diese Verfahren würden sowohl Stammzellen aus dem Knochenmark als auch aus Nabelschnurblut verwendet. Perspektivisch sei die Stammzellenforschung sicherlich wichtig, „aber kein seriöser Stammzellforscher wird Ihnen einen genauen Zeitpunkt nennen, ob und wann Krankheiten wie Diabetes oder neurodegenerative Erkrankungen mit stammzellbasierten Therapien standardmäßig behandelt werden können.“

Dennoch gibt es zahlreiche private Anbieter für das Einfrieren von Nabelschnurblut. Angeblich hätten bereits zahlreiche Familien das Angebot wahrgenommen, dessen Preise stark variieren. Die Anbieter stellen auch Informationen über Geburtskliniken zur Verfügung, in denen eine Nabelschnurblutentnahme durchgeführt werden kann. Zudem wird das Thema Versicherungen bei Unternehmensinsolvenz thematisiert. Ein großer Anbieter berichtet beispielsweise darüber, wie die Entnahmebox vor der Geburt nach Hause geschickt wird und der weitere Ablauf aussehen soll.

Trotz Nabelschnurblutentnahme gibt es keine Sicherheit
Im Jahr 2005 kritisierten Hebammen bereits die private Einlagerung von Nabelschnurblut. Sie argumentierten, dass ein „Geschäft mit der Angst der Eltern“ gemacht werden. „Die Haltung ist gleichgeblieben“, betont Edith Wolber, Pressesprecherin des Deutschen Hebammenverbandes.
„Wir haben nicht unbedingt etwas gegen Nabelschnurbluteinlagerung, aber gegen die Privatisierung dieser Idee.“ Denn das sei nichts anderes als Geschäftemacherei. „Den Eltern wird von den privaten Anbietern eine Sicherheit suggeriert, die wir gar nicht haben“, kritisiert sie. „Da wird eine Riesenerwartungshaltung geschürt, was mit den Zellen medizinisch einmal möglich sein würde, wenn das eigene Kind erkrankt.“

Es seien auch noch technische Fragen zur Nabelschnurblutentnahme und der Stammzellenverwendung offenen. So sei nicht klar, ob die Stammzellen nach jahrzehntelanger Einlagerung im Eisschrank noch einsetzbar seien, gibt Herrmann zu bedenken. „Dann muss man auch wissen: Viele Erkrankungen haben einen genetischen Hintergrund oder man kann diesen zumindest nicht ausschließen.“ Bei Leukämie könnten deshalb häufig keine eigenen Zellen verwendet werden.

Ehninger bezieht ebenfalls eine eindeutige Postion zu dem Thema: „Ganz sicher hilft die private Nabelschnurbluteinlagerung denen, die es einlagern – bei ihnen klingelt nämlich die Kasse.“ Anders sei es mit der Nabelschnurblutspende für Forschungszwecke oder andere Menschen. Öffentliche Blutbanken beführworten auch Wolber und Herrmann. Einige private Anbieten haben inzwischen auch eine Kombination im Programm, so dass die Stammzellen auch anderen, bedürftigen Patienten helfen können.

Stammzellenforschung ist in Deutschland nur eingeschränkt möglich
Blutbildende Stammzellen werden als adulte Stammzellen bezeichnet. Sie werden bereits seit über 40 Jahren zur Behandlung von Patienten eingesetzt. Ihr Haupteinsatzgebiet ist die Regeneration des Organismus nach einer Chemotherapie bei Leukämie oder zum Ausgleich von Zellschädigungen durch andere Erkrankungen. Die adulten Stammzellen werden dem Krebspatienten oder einem geeigneten Spender vor der Behandlung aus dem Knochenmark entnommen. Nach Abschluss der Chemotherapie werden sie wieder injiziert. Die blutbildenden Stammzellen helfen dann beim (Wieder-)Aufbau der roten und weißen Blutkörperchen.

Embryonale Stammzellen, die nur im frühen Embryo auftreten, sind im Gegensatz zu adulten pluripotent. Sie sind in der Lage, sich in jede Zellart es Körpers zu entwickeln. Seit ihrer Entdeckung vor 14 Jahren wurde viel über ihre Einsatzmöglichkeiten geforscht. In verschiedenen Studien ist die Ausdifferenzierung embryonaler Stammzellen in unterschiedlichste Gewebearten gelungen. Allerdings bezogen sich die Forschungsaktivitäten bislang überwiegend auf Laborversuche oder Studien an Tieren. Klinische Studien zur Verwendung embryonaler Stammzellen beim Menschen sind selten, obgleich nach der Entdeckung über zahlreiche Einsatzmöglichkeiten diskutiert wurde. In Deutschland ist es nach dem Embryonenschutzgesetz unzulässig, menschliche Embryonen, zu denen auch Blastozysten als Quelle für embryonale Stammzellen gehören, für die Forschung herzustellen, zu klonen oder zu zerstören. (ag)