Nachwuchsmangel: Perfektionsdrang schürt Angst

Fabian Peters

Nachwuchsmangel: Perfektionsdrang schürt die Angst vorm Kinderkriegen. Junge Mütter sind durch den gesellschaftlichen Perfektionsdruck überfordert.

25.11.2010

Frauen möchten als Mütter gern alles richtig machen, wobei für 78 Prozent von ihnen die Gelassenheit bei der Erziehung ein ideale Ausgangsbasis darstellt. Allerdings schaffen es nur 44 Prozent der Frauen, bei dem Thema Kinder auch wirklich entspannt zu bleiben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Kölner Rheingold-Instituts für qualitative Markt- und Medienanalysen, bei der 1.000 Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren zur Nachwuchsplanung befragt wurden.

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Den Ergebnissen der Studie zufolge lastet auf den Frauen ein erheblicher Perfektionsdruck, der viele von ihnen daran hindert, Kinder in die Welt zu setzten. So verzweifeln nach Aussage des Rheingold-Instituts viele junge Frauen am Ideal vom „entspannten Muttersein“. Zwar wollen 78 Prozent der Frauen gelassen mit allem rund um Kind, Familie und Job umgehen, aber nur 44 Prozent gaben an, tatsächlich entspannt zu sein. Ines Imdahl, Psychologin und Studienleiterin am Rheingold-Institut betonte: „Die Frauen strengen sich so sehr an, gelassen zu sein, dass sie es nicht mehr sind.“ Denn die meisten sehen Angesichts des Kinderkriegens finanzielle Belastungen, Veränderungen in der Partnerschaft und den Anspruch, zugleich erfolgreiche, attraktive Frau und liebende, perfekte Mutter zu sein, auf sich zukommen und fühlen sich diesem Druck oft nicht gewachsen.

So erklärte Ines Imdahl, dass Muttersein für viele Frauen mit einer Art Identitätsverlust einhergehe, da sie zum Einen voll und ganz Mutter sein, ihr Kind optimal fördern und für es da sein wollen, zum Anderen nach außen jedoch keine Veränderung zeigen und die attraktive Lebenspartnerin und beruflich erfolgreiche Frau bleiben möchten. Daher fühlen sich viele Frauen zwischen den unterschiedlichen Rollen innerlich zerrissen. Dabei wird der Druck nach Ansicht der Psychologin des Rheingold-Instituts, durch den gesellschaftlichen Wert der Kindern und der mütterlichen Erziehung beigemessen wird, noch erheblich verschärft. So hätten zum Beispiel 61 Prozent der Befragten erklärt, es sei Aufgabe der Mütter, die Kinder optimal zu fördern.

Druck zur Perfektion und Gelassenheit
Der Druck zur Perfektion und Gelassenheit führt dazu, dass viele Frauen von sich aus den Kinderwunsch zurückstellen. Zudem zeigten sich zahlreiche Frauen überzeugt davon, dass Kinderkriegen für sie das Risiko mitbringe, trotz guter Ausbildung sozial abzusteigen. So haben 58 Prozent der Befragten Kinder als Kostenfaktor angegeben und 48 Prozent verbanden mit dem Mutterwerden konkrete finanzielle Sorgen. Neben den finanziellen Bedenken, hat jede zweite Frau Angst davor, dass ihre Partnerschaft mit dem Kinderkriegen in den Hintergrund rückt und ihr Partner sie „nur noch“ als Mutter und nicht mehr als Frau wahrnimmt, erklärte Ines Imdahl.

Die vom Rheingold-Institut durchgeführte Studie „Kinderkriegen in Deutschland“ wurde vom Babynahrungsmittelhersteller „Milupa“ in Auftrag gegeben. Dabei hat das Rheingold-Institut 1.000 Frauen im Alter von 20 bis 40 Jahren befragt, unter ihnen Mütter von Babys bis zwölf Monaten, Schwangere sowie Frauen mit und ohne Kinderwunsch. Darüber hinaus wurden von den Wissenschaftlern des Forschungsinstituts mit 70 Frauen ausführliche tiefenpsychologische Interviews geführt. Dabei kam auch zur Sprache, was Frauen sich an Verbesserungen im Hinblick auf die Situation der Mütter wünschen würden. Für Ines Imdahl war das Fazit an dieser Stelle eindeutig: Die Frauen „wünschen sich vor allem, dass es normal wird, dass berufstätige Frauen Kinder haben“ und suchen daher fast schon händeringend Unterstützung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Bisher jedoch lediglich mit bescheidenem Erfolg, denn auch wenn vereinzelte Lichtblicke wie betriebseigenen Kindergärten und ähnliche Maßnahmen öffentlichkeitswirksam gelobt werden, stoßen Frauen bei der Suche nach Unterstützung immer noch zu häufig auf verschlossene Türen. (fp)