NDM-1: Keine Panik vor dem Superkeim

Heilpraxisnet

Sind die multiresistenten Keime NDM-1 tatsächlich so gefährlich, wie viele berichten? Viele Wissenschaftler geben Entwarnung und warnen vor unnötiger Panik.

(21.08.2010) Der neue multiresistente Keim NDM-1 ist nun auch nach Europa gelangt. Zahlreiche Medienberichte verbreiten eine unnötige Panik-mache, die die Menschen verunsichert. Grund für die Verunsicherung vieler Menschen war ein medizinischer Fachbericht in dem Magazin "Lancet". Hier wurde von einem internationalen Forscher Team berichtet, dass gegen den neuen "Superkeim" keine Antibiotika und auch keine herkömmlichen Reserveantibiotika wirksam seien. Der Keim NDM-1 sei demnach Multi-resistent. Die Wissenschaftler warnten vor einer möglichen, weltweiten Ausbreitung der mutierten Bakterien.

Keime die das Gen NDM-1 inne haben, wurden vor allem in Indien und Pakistan nachgewiesen. Dort breiten sich die Bakterienstämme nicht nur in Krankenhäusern aus, sondern werden mittlerweile auch von Mensch zu Mensch übertragen. Die Keime mit dem NDM-1-Erreger wurden in den letzten Wochen auch bei Patienten in verschiedenen europäischen Ländern nachgewiesen, so auch in Großbritannien und Deutschland. Doch laut Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) sind gerade einmal 4 Menschen in Deutschland erkrankt. Damit treten solche Gen-mutierten Bakterien äußerst selten auf. Dennoch verweist das Institut darauf, dass sich neue Bakterienstämme aufgrund des weltweiten Reiseverkehrs schnell und überall verbreiten können.

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Was jedoch ist das Besondere an den sogenannten Superkeimen? Die Bakterien verfügen über ein verändertes Gen der in der medizinischen Fachwelt "NDM-1" genannt wird. Das Gen kommt u.a. in Bakterienstämmen wie Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae vor. Der Keim ist keine neue Mikrobe, sondern ein Gen. Diese beiden Mikroben siedeln sich in der menschlichen Darmflora und in der Lunge an. Bislang war es so, dass bei einer Antibiotika Resistenz der Keime meistens Reserveantibiotika wie Carbapeneme einen Therapie-Erfolg erlangten. Doch bei den mutierten Bakterienstämmen mit dem Gen NDM-1 können auch Reserveantibiotika nicht mehr helfen. Sie sind mittlerweile Multi-resistent.

Doch müssen sich die Menschen nun um ihre Gesundheit sorgen oder ist eine Panik angebracht? Mediziner und Forscher schätzen das Risiko für die Bevölkerung in Deutschland als sehr gering bis unbedeutend ein. Denn es ist völlig normal, dass sich Bakterien im menschlichen Organismus ansiedeln. Das erklärte u.a. auch das "Nationale Referenzzentrum (NRZ) für gramnegative Krankenhauserreger". Bakterien siedeln sich nun mal im menschlichen Körper an, durch die Besiedelung wird längst noch keine Krankheit ausgelöst. Es kommt nämlich auf die Struktur der Mikroben an. Nur bestimmte Arten und Varianten lösen eine Erkrankung aus und stellen unter Umständen eine Gefahr für die Gesundheit dar. So kann es sein, dass man bereits Darmbakterien in sich trägt, die genverändert sind und durch das NDM-1 mutiert wurden. Doch eine Erkrankung wird nicht ausgelöst, der Mensch merkt nicht, das solche Bakterien sich im Darm angesiedelt haben. Viele Bakterien sind eher harmloser Natur und können dem Menschen nicht anhaben. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die allgemeine gesundheitliche Verfassung. Menschen mit chronischen Erkrankungen, ältere Patienten mit einem geschwächten Immunsystem sind mehr gefährdet, als Menschen mit einer gesunden, stabilen Verfassung.

Falsch berichtet wurde bislang, dass überhaupt kein Arzneimittel wirksam sei. Die Wissenschaftler berichteten im Fachmagazin "Lancet", dass die NDM-1 Bakterien auf Reserveantibiotika "Tigecyclin" und "Colistin" an sprangen und wirksam bekämpft werden konnten. Allerdings besitzen diese sehr starken Antibiotika im Vergleich zu den Konventionellen Präperaten über starke und zahlreiche Nebenwirkungen.

Doch sind solche multiresistente Bakterien, die über solche Mutationen in den Genen verfügen tatsächlich neu? Ganz und gar nicht. Denn multiresistente Bakterien, sogenannte MRSA-Keime, sind auch in Deutschlands Krankenhäusern schon seit längerer Zeit zu beobachten. Die häufigsten und schwerwiegendsten Komplikationen verursachen MRSA-Bakterienstämme (Multi- resistenter Staphylococcus aureus). Diese MRSA Bakterien sind ebenfalls Antibiotika Resistent und entstehen dort, wo am Meisten Antibiotika eingesetzt wird- in Krankenhäusern. Sie führen zu Hautkrankheiten, schweren Entzündungen am Herz, Lungenentzündungen und Blutvergiftungen.

Laut dem Nationale Referenzzentrum (NRZ) für gramnegative Krankenhauserreger sind die NDM-1 Genmutierten Keime nicht die ersten, die auch gegen das Reserveantibiotika Carpabenem immun sind. Bislang ungeklärt ist, ob die neue Variante resistenter ist, als die bislang bekannten Erreger.

Können sich Menschen wirksam vor einer Ansteckung schützen? Damals wie heute gilt seine Hände regelmäßig zu waschen. Vor allem in Kliniken und Krankenhäusern sollten Patienten, Ärzte und Krankenhauspersonal auf die Hygiene achten und die Hände mehrmals am Tag waschen und desinfizieren. Aber auch zu Hause sollten die Hände vor allem nach de Kontakt mit anderen Menschen gewaschen werden. Aber auch hier gilt ein gesundes Maß anzuwenden. Andauerndes Hände waschen und die Vermeidung von sozialen Kontakten ist mehr als übertrieben.

Doch die Entstehung von Resistenten gegen Antibiotika wird allerdings auch durch die Verwendung von Reinigungsmitteln, die sogenannte „quatäre“ Ammoniumverbindungen (QAV) mit desinfizierender Wirkung enthalten, begünstigt. Denn die selben Gene der Bakterien, welche die QAV-Resistenz liefern, vermitteln ihnen auch die Resistenz gegen Antibiotika.

Wird es in Zukunft wirksame Medikamente geben? Momentan sieht es nicht so aus, als wenn Pharmahersteller neue Wirkstoffe entwickelt hätten. Denn in den letzten 10 Jahren hat sich auf diesem Gebiet kaum etwas getan. Der Hauptgrund dafür ist, dass die Pharmakonzerne kaum in die Forschung neuer Antibiotika investiert haben, weil sich schlicht und ergreifend damit nicht genügend Geld verdienen lässt. Das bestätigt auch der Mikrobiologe und Antibiotika-Experte an der Universität Tübingen, Wolfgang Wohlleben. Die Pharmakonzerne hätten sich in der Vergangenheit kaum bemüht, wirksame Antibiotika zu entwickeln. "Das ist deshalb sehr problematisch, weil die Entwicklungszeit und Forschung sehr aufwendig und zeitintensiv ist". Bis ein neues Präparat entwickelt ist, können zwischen 10 und 20 Jahren vergehen. Der Experte verweist darauf, dass Reserveantibiotika nur im Notfall eingesetzt werden dürfen, um neue Resistenten in den Genen der Bakterien zu vermeiden.

Hat man sich mit einem Krankheitserreger infiziert, so ist es zudem äußerst wichtig, das Antibiotika Medikament tatsächlich bis zum Ende und nach ärztlicher Weisung einzunehmen. Denn wenn die Arzneien zwischendurch abgesetzt werden, bevor die Therapie beendet ist, kann sich eine Resistenz bilden. Ein Grund für die Ausbreitung des NDM-1 Erregers ist, dass Patienten in Indien Antibiotika ohne Rezept in Apotheken kaufen können. Viele nehmen die Arzneien nur bis zur Symptom-Minderung ein, die Bakterien waren noch nicht vollständig besiegt. Hierdurch entstand eine Resistenz der Bakterienstämme. (sb, gr)