Neuer Tuberkulose-Impfstoff entdeckt?

Fabian Peters

Forscher testen neuen Tuberkulose-Impfstoff

05.09.2011

Forscher haben einen neuen Impfstoff gegen Tuberkulose entwickelt. Wie die Wissenschaftler des Albert Einstein College of Medicine in New York in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ berichten, haben sie an Mäusen erfolgreich einen Tuberkulose-Impfstoff getestet, der die Erreger für das Immunsystem erkennbar macht und so deren Bekämpfung durch die körpereigene Immunabwehr ermöglicht.

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Der neue Tuberkulose-Impfstoff habe sich in den Versuchen mit Mäusen als äußerst effizient erwiesen und biete außerdem deutliche Vorteile gegenüber den bisherigen Impfstoffen wie zum Beispiel dem vor fast einem Jahrhundert entwickelten sogenannten Bacille Calmette-Guérin (BCG), berichtet Studienleiter William Jacobs. BCG wurde über Jahrzehnte als einziger Impfstoff gegen Tuberkulose verwendet, bot jedoch lediglich eine 50- bis 80-prozentige Sicherheit vor Tuberkulose-Erkrankungen, so die Aussage der US-Forscher. Jacob erklärte weiter, dass bei den herkömmlichen Tuberkulose-Impfstoffen zudem nicht selten relativ starke Nebenwirkungen aufgetreten seien und daher in der Wissenschaft seit Jahren intensiv nach einem neuen Vakzin (Impfstoff) gesucht wird.

Hier könnte der Ansatz der US-Forscher möglicherweise den Durchbruch bedeuten, denn anders als BCG verlangsamt der neue Tuberkulose-Impfstoff nicht nur das Wachstum der Bakterien im Körper, sondern ist dazu in der Lage, die Erreger in infiziertem Gewebe komplett abzutöten, betonte Studienleiter William Jacobs. Obwohl der neuartige Impfstoff im Rahmen der Studie nicht bei allen Mäusen die gleiche Wirkung zeigte, sehen die US-Forscher in ihrem Vakzin die Grundlage für die zukünftige Tuberkulose-Vorbeugung. Wie Jacobs betonte, erzeugt „weder BCG noch einer der zurzeit erforschten Impfstoffe eine so offensichtliche oder so lange Immunität“. Zwar seien weitere Forschungsarbeiten notwendig, doch anscheinend bietet der neuartige Impfstoff „etwas, von dem wir seit Jahren geträumt haben: einen längeren Schutz und eine Bakterien abtötende Immunität,“ erklärten die Wissenschaftler des Albert Einstein College of Medicine.

Impfstoff enttarnt die Tuberkulose-Bakterien
Die Forscher um William Jacobs haben ihren neuartigen Tuberkulose-Impfstoff aus dem Mycobacterium smegmatis, einem ungefährlichen Verwandten der Tuberkulose-Bakterien (Mycobacterium tuberculosis) gewonnen. Durch die Blockade des sogenannten esx-3-Gens in dem Mycobacterium smegmatis konnten die Wissenschaftler den Bakterien ihre Tarnung nehmen und diese für das Immunsystem erkennbar machen. Durch die genetische Manipulation war die Immunabwehr anschließend in der Lage, die Bakterien erfolgreich zu bekämpfen, erklärte William Jacobs. Die genetisch veränderten Erreger des Mycobacterium smegmatis nutzten die Forscher im Rahmen ihrer Studie zur Impfung von Mäusen und infizierten die Tiere daraufhin mit Tuberkulose-Erregern. Dabei seien die Tiere tatsächlich gegenüber Infektionen mit den gefährlichen Bakterien immun gewesen, erläuterten die US-Forscher. Bei den Mäusen, die am längsten überlebten, waren die Erreger im Gewebe nicht mehr nachzuweisen, so die Aussage der Wissenschaftler. Die Schutzwirkung werde dabei wesentlich durch die sogenannten T-Helferzellen bedingt, welche andere Immunzellen aktivieren und ihnen bei der Identifizierung der Erreger helfen, schreiben William Jacobs und Kollegen. Die T-Helferzellen waren den US-Forschern zufolge nach einer erstmaligen Impfung mit dem neuartigen Impfstoff auch dazu in der Lage, die Tuberkulose-Schutzwirkung zu übertragen. Durch die Injektion der gereinigten T-Helferzellen bei anderen, bisher ungeschützten Tieren, wurden auch diese immun gegenüber der gefährlichen Infektionskrankheit, erklärten die Wissenschaftler.

Neun Millionen Tuberkulose-Infektionen jährlich
Tuberkulose ist den Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor allem in Asien, Afrika und den osteuropäischen Staaten auch heute noch relativ weit verbreitet. Jährlich infizieren sich rund neun Millionen Menschen mit Tuberkulose und mehr als 1,7 Millionen Menschen sterben in Folge der Infektion. Als typische Anzeichen der auch als Schwindsucht oder „die Motten“ bekannte Krankheit gelten Infektionen der Lunge mit anhaltendem Husten, chronische Müdigkeit, Gewichtsverlust, Fieber und nächtliche Schweißattacken sowie ein schmerzhaftes Stechen in der Brust. Rund 50 Prozent der unbehandelten Tuberkulose-Erkrankungen verlaufen tödlich, warnte das Robert-Koch-Institut (RKI), dessen Namensgeber die Tuberkulose-Bakterien 1882 entdeckt hatte, im Rahmen des Welt-Tuberkulose-Tages im März dieses Jahres. Wer Anzeichen einer Tuberkulose-Erkrankung bei sich entdeckt, sollte daher dringend einen Arzt aufsuchen.

Sicherere und effizientere Tuberkulose-Impfstoffe erforderlich
Während in Deutschland die Zahl der Tuberkulose-Erkrankungen seit Jahren deutlich zurückgeht, ist laut WHO in Afrika, Osteuropa und einigen asiatischen Staaten eine kontinuierlicher Anstieg der Tuberkulose-bedingten Infektionen und Todesfällen zu verzeichnen. Als besonders besorgniserregend beurteilen die US-Wissenschaftler um William Jacobs die Situation im südlichen Afrika. Denn die hier gehe die erhöhte Anzahl von HIV-Infektionen mit einem erhöhten Anteil tödlicher Tuberkulose-Erkrankungen einher. Das geschwächte Immunsystem der Aids-Patienten kann den Tuberkulose-Erregern nichts entgegen setzten und entsprechend hoch ist die Anzahl der tödlichen Tuberkulose-Erkrankungen, so die Aussage der US-Forscher. Daher wäre William Jacobs und Kollegen zufolge ein nachhaltiger Tuberkulose-Impfschutz hier besonders dringend erforderlich. Doch ausgerechnet in den Regionen mit den meisten Tuberkulose-Infektionen und -Todesfällen habe sich der herkömmliche Impfstoff BCG als unzuverlässig herausgestellt, erläuterten die US-Forscher. Denn eine Schutzwirkung sei hier oftmals kaum oder gar nicht messbar. Außerdem ist BCG laut Aussage der Wissenschaftler aufgrund möglicher Nebenwirkungen für Patienten mit der Immunschwächekrankheit Aids nur begrenzt zu verwenden. Insbesondere bei HIV-infizierten Kindern drohen schwere Nebenwirkungen, erklärte William Jacobs und unterstrich damit seine Aussage, dass „neue Tuberkulose-Impfstoffe, die sicherer und effizienter sind als BCG, dringend gebraucht“ werden. (fp)