Pfeifenblumen – Krebs-Gefahr durch „Heilpflanze“

Dr. Utz Anhalt
Die chinesische Heilkunde nutzt Pfeifenblumen gegen Rheuma, Darmbeschwerden und Regelprobleme; in Europa dienten sie als Geburtshelfer und zur Abtreibung. Wissenschaftler fanden jetzt heraus: Pfeifenblumen enthält Stoffe, die Leberkrebs auslösen können und fordern strikte Einschränkungen für den Gebrauch der Pflanze.

Tumore in den Harnwegen
Aristolochiasäuren in der Pfeifenblume fördern Karzinome in Blase, Nierenbecken und Harnleiter. Das ist schon länger bekannt, und der Einsatz von Präparaten, die diese Stoffe enthalten, ist in Deutschland verboten, in China und Taiwan stark kontrolliert.

Die Gewöhnliche Osterluzei diente historisch dazu, die Geburt einzuleiten und Föten abzutreiben. Doch Forscher warnen heute: Die in solchen Pfeifenblumen enthaltenen Aristolochiasäuren verursachen Krebs.

500 Arten
Die Pfeifenblumen sind eine Gattung der Osterluzeigewächse, und weltweit gibt es davon rund 500 verschiedene Arten. In Europa wächst die Gewöhnliche Osterluzei, auch als Biberkraut, Wildschweinranke oder Wolfskraut bekannt.

Weit verbreitet
Die Pfeifenblume ist in der chinesischen Volksmedizin nach wie vor weit verbreitet. In Russland galt sie als Mittel gegen Fieber, Furunkel und zur Wundheilung, in Norwegen zur Blutreinigung, in Italien gegen Rheuma und in Ungarn gegen Menstruationsbeschwerden.

Problem bekannt?
Chinesische Ärzte wissen seit langem um die Giftigkeit der Pfeifenblumen. Die chinesische Medizin meint aber, durch gezielten Einsatz die Giftstoffe unter Kontrolle zu haben.

Traditioneller Geburtshelfer
In Europa diente die Osterluzei in der Medizin im Mittelalter dazu, die Kindsgeburt zu erleichtern. Aristolochia bedeutet „die gut Gebärende“ (aristos heißt griechisch „das Beste“, „lockeius“ zum Gebären gehörend). Außerdem war sie ein verbreitetes Mittel, um eine Abtreibung einzuleiten. Ihre Giftigkeit verbannte Aristolochia indessen 1981 in Deutschland auf die Liste der verbotenen Arzneimittel.

Giftige Abtreibung
Aristolochia kann tatsächlich eine Abtreibung herbeiführen, und zwar wegen den Vergiftungssymptomen. So führt die Säure zur Beschleunigung des Pulses, zum Senken des Blutdrucks, zu Erbrechen und Krämpfen. Diese Krämpfe betreffen auch den Unterleib und damit die Gebärmutter.

Alte Heilpflanze
Die antiken Römer und Griechen nutzten Osterluzei gegen Schlangenbisse, und dies taten vermutlich auch American Natives mit dortigen Verwandten. Im christlichen Mittelalter galt sie als magische Pflanze und wurde einerseits verteufelt, andererseits war und ist sie ein Bestandteil von Mariensträußen. Aristolochia clematitis fand sich früher regelmäßig in Bauern- und Klostergärten.

Wurzeln sind der Giftspeicher
Die Osterluzei enthält bis zu 1% Aristolochiasäure in den Wurzeln, in den Blättern hingegen höchstens 0,03 %.

Das Balkan-Mysterium
In den 1950er Jahren wurde eine Krankheit beschrieben, die von Kroatien bis Rumänien Menschen mit Nierenversagen und Karzinomen plagte – die „Balkan-Nekrophatie“. Im Unterschied zu manch anderen Erkrankungen der Nieren stieg der Blutdruck nicht an. Die Ursache: Die Betroffenen hatten die zwischen dem Getreide wachsende Gewöhnliche Osterluzei (Aristolochia clematitis) in Brot verarbeitet.

Nierenversagen in Belgien
1998 gerieten Pfeifenblumen in die Schlagzeilen. 100 Frauen litten an Nierenversagen, nachdem sie versehentlich einen Kräutermix mit Aristolochia fangchi zu sich genommen hatten. 18 der Betroffenen bekamen Tumore im oberen Darmtrakt, und vielen von ihnen wurden Nieren und Harnleiter entfernt.

Leberkrebs:Ergebnisse aus drei Kontinenten
Wissenschaftler der Duke-NUS Medical School in Singapur stellten jüngst in einer Analyse von Lebertumoren bei Patienten aus drei Kontinenten fest: Die Aristolochiasäuren verursachen auch Leberkrebs, so meldet Science Translational Medicine, 2017 (doi: 10.1126/scitranslmed.aan6446)

Gen-Signatur eindeutig
Tumore, die durch Aristolochiasäure beeinflusst sind, weisen eine typische Gen-Signatur auf. Das Team aus Singapur stellte diese Signatur mittels einer speziellen Software jetzt bei untersuchten Leberkarzinomen fest.

Gehäuft bei traditioneller chinesischer Medizin
Am häufigsten fanden die Forscher die spezifische Gen-Signatur in Taiwan, wo TCM oft praktiziert wird. 76 der 98 Lebertumore aus Taiwan zeigten die typische DNA – also 78 %.

Taiwan führend bei Krebs im oberen Harntrakt
Taiwan hatte in den 2000ern weltweit die höchste Quote an Karzinomen im oberen Harntrakt, die Uruthelkarzinome. Zwischen 1997 und 2003 nahmen circa 30 % der dortigen Menschen Mittel ein, die Aristolochiasäure enthielten, und die Karzinome lagen genau da, wo diese Stoffe sich sammeln: In Niere, Blase und Harnleiter.

Häufigkeit sinkt mit der Häufigkeit der Anwendung der Pfeifenblume
In China fand sich Aristolochialsäure bei 47 % der Lebertumore, in Vietnam bei 19 %, in Europa und USA bei weit unter 5 %.

Höchste Mutationsrate
Aristolochiasäuren lösen unter allen bekannten Karzinogenen die höchste Mutationsrate aus, nämlich 150 Mutationen bei einer Million Basenpaare. Bei durch UV-Licht verursachtem Hautkrebs liegt diese Rate zum Beispiel bei 111 Mutationen, bei Lungenkrebs in Folge von Rauchen bei 8. Dies erklären die Wissenschaftler um Song Ling Poon vom National Cancer Centre in Singapur.

Auch Lungenkrebs?
Eine Forschergruppe um Margaret Hoang vom John Hopkins Kimmel Cancer Centre in Maryland hatte schon vor längerem die Gen-Signatur der Aristolochiasäuren bei einem Patienten mit Lungenkrebs gefunden.

Kann die Genanalyse Krebs verhindern?
Die Analyse der Genmutationen zeigt nicht nur, ob Aristolochiasäuren an einem bestehenden Krebs beteiligt sind, sondern gibt auch Hoffnung, den Ausbruch von Krebserkrankungen in Zukunft zu verhindern, indem Schäden erkannt werden, bevor der Krebs entsteht.

Falsche Vorbeugung vermeiden
Durch Aufklärung ließe sich auch eine falsche Vorbeugung vermeiden. Tragisch wäre zum Beispiel ein Mensch, der auf seine Gesundheit achtet, deshalb keinen Alkohol trinkt, nicht raucht, aber als vermeintlich „sanftes Mittel“ Präparate aus Pfeifenblume zu sich nimmt und an Leberkrebs oder Nierenversagen erkrankt.

Totales Verbot gefordert
Die Wissenschaftler fordern jetzt ein totales Verbot von Verkauf und Anwendung von Arzneien und Mischungen mit Aristolochiasäure in China und Taiwan.

Verkauf über das Internet
Auch in Europa und den USA lassen sich Produkte, die Aristolochiasäure enthalten über das Internet beziehen, oft ohne Kennzeichnung der Inhaltsstoffe. Besonders findet sich Pfeifenblume in „heilenden“ Kräutermischungen. Die Wissenschaftler fordern deshalb eine Aufklärung der Öffentlichkeit über solche Mittel.

Alternativmedizin?
Die Pfeifenblumen sind in der so genannten Alternativmedizin trotz ihrer belegten Gefährlichkeit weiterhin als Heilpflanzen angesehen und gelten zum Beispiel in der Homöopathie als Arzneipflanze, zum Beispiel ist die Riesen-Pfeifenblume bei Remedia-Homöopathie in Verdünnung als C12, C15 oder C30 Globuli erhältlich.

Homöopathische Dosierung unproblematisch?
Unproblematisch wäre das nur insofern, wenn diese Verdünnungen keine der Krebs erregenden Stoffe mehr enthielten – also generell unwirksam sind, weil sie faktisch nur aus Wasser bestehen. Anhänger „homöopathischer Mittel“, die ihre Pfeifenblumen selbst extrahieren, begeben sich jedoch in Gefahr: Hier kommt es schnell vor, dass trotz „Potenzierung“ im Wasser noch eine klinisch wirksame Dosis der Krebs erzeugenden Stoffe bleibt.

Homöopathie
In der Homöopathie gilt Aristolochia nicht nur als Arznei zu gynäkologischen Zwecken, sondern auch zur Heilung äußerer wie innerer Wunden und zur Behandlung von Geschwüren. Die Seite www. globuli.de empfiehlt Aristolochia clematitis Globuli zum Beispiel bei „Ekzemen, Hautentzündungen oder Hautjucken“, für „Patientinnen mit Schwangerschaft oder in den Wechseljahren“, und sogar bei „verschiedene (n) Beschwerden der Nieren und Harnwege“, also genau dort, wo Aristolochiasäure Karzinome beeinflusst. Die Homöopahie verwendet bevorzugt Aristolochia mihomens und Aristolochia serpentaria.

Nierengift für die Nieren?
Konkret empfiehlt www.globuli.de Aristolochia in homöopathischen Dosen bei „eitrigen Blasenentzündungen, Nierenbeckenentzündungen und bei chronischen Blaseninfektionen.“ Exakt in der Blase und dem Nierenbecken fördert Aristolochia indessen belegt Krebserkrankungen.

Attraktive Zierpflanze
Osterluzeigewächse sind Zierden jedes Gartens mit ihren herzförmigen Blättern und ihren pfeifenartigen Blüten (Pfeifenblume), die bei der Gewöhnlichen Osterluzei schwefelgelb ausfallen.
Da die wilde Gewöhnliche Osterluzei in Deutschland auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzen steht, ist die Pflege in heimischen Gärten sogar wünschenswert – zum Angucken.

Zauberpflanzen
Osterluzei spielte eine erhebliche Rolle bei Praktiken rund um Geburt und Abtreibung; auch deshalb genießt sie unter Esoterikerinnen den Ruf einer „Hexenpflanze“, die Kirche und später die Pharmaindustrie verteufelten. Hexen-Mythen und Wirklichkeit sind indessen zwei verschiedene Paar Schuhe. Auch wenn unsere Vorfahrinnen Osterluzei, Tollkirsche oder Stechapfel nutzten, bedeutet dies mitnichten, dass deren Gifte harmlos sind.

Keine Selbstversuche
Es spricht zwar nichts dagegen, die Osterluzei ob ihrer Schönheit im eigenen Garten zu bewundern. Sie sollten dabei aber unbedingt darauf achten, Kinder von den Blumen fernzuhalten und sie keinesfalls im Selbstversuch als „Medizin“ einsetzen. Die Pfeifenblume gehört nicht zu Pfefferminze, Salbei und Rosmarin in die Kräuterspirale, sondern zu Alraune und Schierling in das Giftbeet. (Dr. Utz Anhalt)