Plastikpartikel im Trinkwasser – Wie groß sind die allgemeinen Gesundheitsrisiken?

Volker Blasek

Trinkwasser ist weltweit mit Mikroplastik verschmutzt

Mikroskopische Plastikpartikel und Fasern schwimmen überall in den Weltmeeren, Flüssen und Süßwasserreservoirs. Ein amerikanisches Forscherteam widmete sich nun der Frage: Wenn alle Gewässer durch Mikroplastikverschmutzung verunreinigt sind, könnte Plastik auch im Trinkwasser sein? Die Wissenschaftler führten ein Beobachtungsexperiment durch, in dem mehr als 150 Leitungswasserproben von Städten auf fünf Kontinenten untersucht wurden. Auch europäisches Wasser wurde unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse geben Grund zur Sorge.


Das Forscherteam stellte erstaunt fest, dass es bisher keine öffentlichen Forschungsprojekte zu diesem Thema gibt, obwohl Mikroplastik-Partikel quasi überall zu finden sind: Im Abwasser, im Ozean, in Flüssen, sie fliegen als mikroskopisch-kleine Fasern sogar durch die Luft. Laut der Studie der School of Public Health der University of Minnesota, die von Sherri Ann Mason, einer Pionierin der Erforschung der Mikroplastikverschmutzung, geleitet wurde, ist auch das weltweite Trinkwasser von der Plastik-Verschmutzung betroffen.

Eine aktuelle Studie zeigt, dass Mikroplastikpartikel bereits in die meisten Trinkwasserreservoirs gelangt sind. Die gesundheitlichen Konsequenzen sind ungewiss. (Bild: stokkete/fotolia.com)

Willkommen im Plastik-Zeitalter

Wenn Forscher später Überreste unserer heutigen Kultur finden, würden sie unser Zeitalter sicher als das Plastik-Zeitalter betiteln, denn Plastik ist überall. Es umhüllt unsere Mahlzeiten und rationalisiert unsere Autos. In jeden Haushalt gibt es unzählige Plastik-Artikel. Doch diese Artikel sind nur die Spitze des Plastikberges. Denn Jenseits des sichtbaren und tastbaren Spektrums befindet sich das Reich des unsichtbaren Plastiks. Winzige Fasern, Plastik-Fragmente und chemische Nebenprodukte gelangen in jegliche Gewässer – und unser Trinkwasser.

Die Proben stammen aus sehr unterschiedlichen Bereichen

Die Wasserproben kamen sowohl aus Metropolen wie Neu-Delhi, Jakarta und Beirut als auch aus Kleinstädten wie Pinebluff in North Carolina mit 1.439 Einwohnern. Die Forscher wollten eine möglichst große geografische Vielfalt sicherstellen. Auch zwei Proben aus Deutschland waren vertreten. Alle Wasserproben wurde mit aufwendigen und sterilen Methoden im Labor der Universität von Minnesota untersucht, um mögliche zusätzliche Kontaminationsquellen auszuschließen.

Erschreckende Ergebnisse
Nur 19 Prozent der Trinkwasserproben enthielten keine Mikroplastikpartikel. Bei achtunddreißig Prozent der Proben waren die Anteile der Mikroplastikpartikel so klein, dass sie mit den verwendeten Methoden kaum messbar waren. Bei den restlichen Proben konnte eindeutige Mikroplastikverschmutzung nachgewiesen werden. Am stärksten war die Verunreinigung in Proben aus den USA und Beirut. Hier enthielten 94 Prozent der Wasserproben mikroskopische Plastikfasern.

Europa hatte die niedrigsten Werte

Aus Europa wurden acht Proben aus der Slowakei, drei aus England, zwei aus Deutschland, zwei aus der Schweiz und jeweils eine aus Irland, Frankreich und Italien untersucht. Hier lag der Anteil der verschmutzten Proben bei durchschnittlich 72 Prozent. Laut den Wissenschaftlern kann man aus diesen Ergebnissen keine allgemeinen Schlussfolgerungen über die Wasserqualität in den einzelnen Ländern ziehen. Die Ergebnisse würden aber die dringende Notwendigkeit weiterer Untersuchungen zeigen.

Forschung über Mikroplastikverschmutzung erst am Anfang

„Da dies die erste globale Trinkwasseruntersuchung der Kunststoffverschmutzung ist, dienen die Ergebnisse dieser Studie als erster Einblick in die Folgen der menschlichen Plastiknutzung und -entsorgung“, schrieb Forscherin Mary Kosuth in ihrem Bericht an die Non-Profit-Organisation „Orb Media“, die die Studie veröffentlichte. Umfassende Bewertungen der globalen Plastikkontamination würden weitere und intensivere Tests erfordern.

Forscher fordern gesetzliche Konsequenzen

Professor Sherri Ann Mason betreute die Studie. In vergangenen Forschungsprojekten dokumentierte sie bereits das breite Ausmaß der Mikroplastikverschmutzung in großen Gewässern Nordamerikas. Ihre Ergebnisse wurden verwendetet, um ein teilweises gesetzliches Verbot von Produkten mit Mikroplastikgranulat in den Vereinigten Staaten und Kanada zu unterstützen.

Plastikpartikel kennen keine geografischen oder finanziellen Grenzen

Die Forscher berichten, dass sich diese bisher unbekannte Kontamination sowohl Reichtum als auch Geografie widersetzt. Die Anzahl der Plastikfasern, die im Trump Tower in Manhattan im Leitungswasser gefunden wurden, hätten sich nicht von den Proben aus Beirut, Libanon und Kampala in Uganda unterschieden.

Unbekannte gesundheitliche Konsequenzen durch Giftstoffe

Über Gesundheitsgefahren durch Plastikteile im Meeresfisch und nun auch im Trinkwasser wird schon länger diskutiert. Laut den Forschern nimmt eine Person, die zwei Liter mikroplastikverschmutztes Wasser pro Tag trinkt, mehr als 2.900 Plastikpartikel pro Jahr zu sich. Die Wissenschaftler vermuten, dass Plastikpartikel Giftstoffe im menschlichen Körper freisetzen können. Tierstudien zu diesem Thema zeigten dies bereits. Gute Bedingungen für die Freisetzung seien beispielsweise im Darm vorhanden. (vb)