Privatpatienten fliehen in die Krankenkassen

Sebastian

Tariferhöhungen bei der PKV: Privatpatienten flüchten in die gesetzlichen Krankenkassen

09.01.2012

Nach Angaben der Allgemeinen Ortskrankenkassen AOK wollen zehntausende Privatversicherte zurück in die gesetzliche Krankenversicherung. Der Grund: Die Privaten Krankenversicherungen werden immer teurer und haben wiederholt zum Jahresbeginn die Tarife kräftig angehoben. Das Problem: Fast immer ist der Weg zurück in den Schoß der gesetzlichen Krankenkassen verschlossen. Einige Krankenkassen helfen jedoch über Umwege zum Aus- und Einstieg. Der Verband der Privaten Krankenversicherungen (PKV) widerspricht den Medienberichten.

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PKV erhöhte Tarife zum Jahreswechsel
Zum Jahreswechsel haben die Privaten Krankenversicherungen (PKV) die Beiträge massiv erhöht. Soziale Absicherungen wie Familienmitversicherung oder Einkommensabhängige Beiträge existieren bei den Privatversicherungen nicht. Aufgrund dessen versuchen zig Tausende Privatpatienten trotz vermeintlicher Vorteile wie Chefarztbehandlung oder Einzelbelegung in Kliniken den Weg zurück in die gesetzlichen Krankenkassen.

Nach Auskunft des Vorsitzenden der AOK Rheinland/Hamburg, Wilfried Jacobs, stellten Privatversicherte „gehäuft telefonische Anfragen, um in die AOK zu kommen“. Die Zahl der Wechselwilligen sei in der letzten Zeit stark gestiegen, berichtet Jacobs gegenüber dem Spiegel. Laut dem Zeitungsbericht seien bereits im Verlauf des letzten Jahres mehr als 27.600 Menschen von der PKV in die GKV gewechselt. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum wechselten somit neun Prozent mehr Versicherte von den privaten in die gesetzlichen Kassen. Eine ähnliche Beobachtung machte auch die Techniker Krankenkasse. Dorthin gingen etwa 68.000 Selbstständige und Arbeitnehmer. Auch hier konnte die Krankenkasse einen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr um zwölf Prozent verzeichnen.

Viele Beschwerden und Wechselwünsche
Verbraucherzentralen berichten seit Jahren über Beschwerden von Kunden, die „einfach keine Lust mehr haben, Preissteigerungen von 50 bis 60 Prozent hinzunehmen“, wie Versicherungsexperte Peter Neumann berichtet. Dann bliebe vielen nur noch der Weg in den Basistarif. Der Verband der Privaten Krankenversicherungen (PKV) macht hingegen die schlechte Zahlungsmoral ihrer Mitglieder für die Misere verantwortlich. Mehr als 140.000 Versicherte würden ihre Beiträge nicht mehr zahlen können. Daher müssen viele Anbieter die Ausfallzahlungen kompensieren und die Tarife erhöhen, da durch die säumigen Zahler Beitragseinbußen von über 500 Millionen Euro entstanden sind. Die Branche verschweigt jedoch, dass das Problem Hausgemacht ist. Um das Neukundengeschäft zu beleben wurden sogenannte Lockangebote konstruiert. Damit wurden vielfach Menschen in die PKV gelockt, die es sich eigentlich nicht leisten können privatversichert zu sein. Auch die schwarz-gelbe Bundesregierung tat ihr Bestes, um der PKV neue Kunden zu zu schustern. Im Rahmen der Gesundheitsreform 2011 wurden Wechselbedingungen von Arbeitnehmer erheblich erleichtert. Dies nahmen viele Kassenpatienten zum Anlass, sich privat zu versichern.

Es ist also kein Wunder, wenn viele nun versuchen, der PKV den Rücken zukehren. Vor allem im Alter werden die Privattarife richtig teuer. „Viele Privatpatienten überlegen es sich dreimal zum Arzt zu gehen, weil sie die späteren hohen Kosten fürchten“, wie Neumann weiter berichtet. Teilweise steigen die Tarife in diesem Jahr um 50 Prozent. Auf einmal müssen die Betroffenen weitaus mehr zahlen, als sie es damals tun mussten.

PKV-Verband widerspricht den Darstellungen in den Medien
Der Verband der privaten Krankenversicherungen (PKV) hat den Medienberichten widersprochen, nachdem PKV Anbieter übermäßig Versicherte verlieren. Gegenüber der Stuttgarter Nachrichten (SN) sagte Verbandssprecher Stefan Reker am Montag, es sei "Tatsache, dass jedes Jahr weitaus mehr gesetzlich Versicherte in die PKV wechseln, als umgekehrt". Den Anschein, den die Krankenkassen nun vermitteln, sei nach Meinung des Sprechers "unseriös". Eigentlich müsste das Kassensystem seine Beiträge um mindestens 10 Prozent erhöhen, wenn sie nicht jährlich nicht rund "15 Milliarden Euro Zuschüsse auf Kosten der Steuerzahler" bekäme. Zudem fließen weitere Finanzmittel aus Arzneimittelzuzahlungen, Praxisgebühren und Leistungskürzungen", so Reker.

Gesundheitsminister sieht PKV in der Pflicht
Der Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) forderte in einem Zeitungsinterview mit der "Neuen Westfälischen Zeitung" die privaten Kassen dazu auf, "günstigere Tarife anzubieten." Nach Meinung des FDP Spitzenpolitikers dürften eigentlich "keine Anreize geschaffen werden, um das GKV-System zu unterwandern zur gesetzlichen Krankenkasse zu wechseln".

Beitragsentwicklung bei den Krankenkassen stabil
Bei den gesetzlichen Krankenkassen sind Mitglieder momentan sicher vor Preissteigerungen, weil die Kassen durch die gute Konjunktur Milliarden-hohe Überschüsse erwirtschaften konnten. Zwar wurden die Beiträge nicht gesenkt, jedoch werden auch die letzten Krankenkasse im Verlauf des neuen Jahres die Zusatzbeiträge abschaffen. So sind die Beiträge in diesem Jahr stabil und Beitragserhöhungen sind derzeit nicht in Sicht.

Ein Wechsel zurück ist fast ausgeschlossen
Viele Privatversicherte scheitern bereits beim Versuch zu wechseln. Denn wer einmal aus dem gesetzlichen System ausgestiegen ist, für den ist der Weg zurück für immer verwehrt. Nur in wenigen Ausnahmefällen ist es möglich, wieder gesetzlich krankenversichert zu werden. Das ist beispielsweise der Fall, wenn ehemals Selbstständige in eine Festanstellung bei einem Arbeitgeber wechseln oder Angestellte, die unter die Versicherungspflichtgrenze von 45.900 Euro sinken. Selbst eine eintretende Arbeitslosigkeit ist noch kein hinreichender Grund, um wechseln zu können. Allerdings helfen viele Krankenkassen den Betroffenen, um dennoch einen Ausweg über Umwege zu finden. "Es gibt Tricks, mit denen wir Privatpatienten helfen können", sagt ein Krankenkassen-Mitarbeiter dem Blatt. Einzige Vorrausetzung sei, dass der "jeweilige Arbeitgeber dabei mitmacht". Versicherungsexperten raten jedoch, erst einen Wechsel innerhalb des Tarifwerkes des Versicherers zu überprüfen, da durch den Ausstieg auch die Altersrückstellungen verloren gehen. (sb)