Psychotherapie zur Behandlung von Tinnitus

Fabian Peters

Eine Psychotherapie kann bei der Behandlung von Tinnitus helfen. In Deutschland leiden rund 10 bis 20 Prozent an Ohrgeräuschen.

(23.09.2010) In Deutschland leiden etwa 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung dauerhaft unter Tinnitus aurium (lat. „das Klingeln der Ohren“) oder kurz Tinnitus. 40 Prozent haben mindestens einmal in ihrem Leben eine derartiges Ohrgeräusch wahrgenommen, wobei unter den älteren Menschen etwa ein Drittel von ständigem Tinnitus betroffen ist. Eine Standard-Therapie, die Erfolg verspricht, gibt es bisher nicht. Mit individuell angepassten Behandlungsformen wurden in der Vergangenheit jedoch bereits gute Erfolge erzielt, so dass vielen Patienten geholfen werden kann.

Der Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN) weist aktuell darauf hin, dass mit Tinnitus-Retraining, einer Art von Gewöhnungs- und Anpassungstherapie, in letzter Zeit positive Behandlungsergebnisse erzielt wurden und dass unter Umständen auch mit Psychotherapie gegen das nerven-raubende Ohrgeräusch vorgegangen werden sollte. Therapeut und Patient versuchen den Ursachen der Erkrankung auf den Grund zu gehen und entwickeln gemeinsam Methoden, um die Geräusche zu minimieren. So kann Psychotherapie bei chronischen Tinnitus-Patienten durchaus hilfreich sein. Begleitende Entspannungsmethoden werden in diesem Zusammenhang ebenfalls als sinnvoll erachtet. Denn Stress ist häufigster Auslöser des Tinnitus. Insbesondere wenn chronischer Tinnitus zusammen mit weiteren seelischen Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen auftritt, bietet die Psychotherapie nach Ansicht des BVDN-Vorsitzende Frank Bergmann eine gute Behandlungsalternative. Denn in diesen Fällen kann mit dem psychotherapeutischen Ansatz nicht nur den Tinnitus, sondern das gesamte Krankheitsbild behandelt werden.

Mehr zum Thema:

Bei Tinnitus der durch plötzlichen Lärm ausgelöst wird, auch Hörsturz genannt, bedarf es jedoch einer anderen Behandlung. Hier sind durchblutungsfördernde Medikamenten die erste Wahl, um zu vermeiden, dass aus dem einmaligen Auftreten ein chronischer Tinnitus wird. Denn je länger der Tinnitus anhält, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er dauerhaft bestehen bleibt. Während in den meisten Fällen die vom Patienten wahrgenommenen Geräusche keine äußere, für andere Personen wahrnehmbare Quelle besitzen, gibt es auch objektiven Tinnitus. Diese relativ selten auftretende Form des Tinnitus beruht auf einer von außen wahrnehmbaren oder zumindest messbaren körpereigenen Schallquelle. So kann objektiver Tinnitus zum Beispiel an den Pulsschlag gekoppelt sein, was von den Fachleuten als pulssynchrone Ohrgeräusche bezeichnet wird. “Das Geräusch ist echt. Oft kann es auch der Arzt hören, wenn er sein Stethoskop am Hals oder hinter dem Ohr auflegt”, erläutert Professor Dr. med. Erich Hofmann, Direktor der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie am Klinikum Fulda. Dabei handelt es sich um ein fortgeleitetes Geräusch aus den Blutgefäßen, so der Fachmann weiter.

Hier sind meist chirurgische Eingriffe erforderlich, die jedoch auch einen relativ großen Behandlungserfolg versprechen. So kann zum Beispiel Patienten, bei denen eine Verkalkung der Gefäße (Arteriosklerose) zu Engstellen in der Halsschlagader führt, mit einer Gefäßstütze (Stent) geholfen werden. Wenn bei Betroffenen eine Verbindung zwischen der Halsschlagader und der daneben verlaufenden Vene Ursache des objektiven Tinnitus ist, können die Ärzte “über einen Katheter (…) die betroffenen Gefäße so verkleben, dass der Kurzschluss zwischen Arterie und Vene beseitigt wird”, erläutert Prof. Hofmann. Auch bestimmte Tumoren die Ohrgeräusche verursachen, lassen sich nach Aussage des Fachmanns relativ gut behandeln. Aber es gibt auch Fälle des objektiven Tinnitus, bei denen keine Behandlungsmethoden bekannt sind. Dies ist zum Beispiel häufiger der Fall, wenn bei Patienten von Geburt an die Halsschlagader durch das Mittelohr verläuft und dies den objektiven Tinnitus verursacht. Die Ursachen pulssynchroner Ohrgeräusche sowie die Diagnose und Therapie mit Hilfe bildgebender Verfahren werden einen Schwerpunkt der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR) “neuroRad 2010” in Köln bilden.

Unter den Fachleuten gilt auch die Einordnung des Tinnitus als eigenständige Krankheit als problematisch. Denn die Ohrgeräusche sind meist Symptom einer anderen Erkrankung. Wenn sich die Therapie nur auf die Behebung des Tinnitus, nicht aber auf die Behandlung der Ursache konzentriert, kann den Patienten daher kaum geholfen werden. So ist es kaum verwunderlich, dass sich unter den zahlreichen Behandlungsmethoden bisher keine als wissenschaftlich fundiert und erfolgversprechend durchsetzen konnte. Denn je nach Ursache des Tinnitus bedarf es einer entsprechend anderen Behandlung. Der psychotherapeutische Ansatz bietet jedoch in dieser Hinsicht eine gute Alternative, da die Wahrscheinlichkeit der Ursache des Tinnitus auf die Spur zu kommen relativ große. (fp)