Schmerztherapie: Entspannung statt Schmerzarzneien

Heilpraxisnet

Psychologische Schmerzbewältigung bei chronischen Schmerzen

14.11.2014

Viele Deutsche leiden unter chronischen Schmerzen, die sie im Alltag stark beeinträchtigen. Eine direkte körperliche Ursache der Schmerzen lässt sich dabei oftmals nicht bestimmen. Daher werden „chronische Schmerzen heute auf der Grundlage eines bio-psycho-sozialen Modells erklärt“, berichten die Experten der Abteilung für Schmerzmedizin am Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum.

Eine gute Ergänzung zu der Behandlung mit Schmerztabletten ist daher bei chronischen Schmerzen die psychotherapeutische Schmerzbewältigung, berichtet die Nachrichtenagentur „dpa“ unter Berufung auf die Leitende Psychologin der Abteilung für Schmerzmedizin an der Universitätsklinik Bergmannsheil, Kathrin Bernardy. Denn für die Aufrechterhaltung und Chronifizierung von Schmerzerkrankungen spielen laut Angaben des Universitätsklinikums „neben körperlichen, auch soziale und psychologische Faktoren eine entscheidende Rolle.“ Psychotherapeutische Maßnahmen und spezielle Entspannungstechniken können hier zu einer deutlichen Linderung der Beschwerden beitragen.

Bild: Sigrid Rossmann / pixelio.de

Schmerztagebuch hilft psychische Risikofaktoren zu erkennen
Als Teil der sogenannten multimodalen Schmerztherapie besteht die psychologische Schmerzbewältigung aus mehreren ineinandergreifenden Elementen, berichtet Bernardy gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Zuerst werde mit den Patienten über Auslöser oder Verstärker für Schmerzen, wie beispielsweise Stress und Anspannung gesprochen. Im Anschluss versuchen Therapeut und Patient gemeinsam geeignete Bewältigungsstrategien zu bestimmen und testen deren Anwendung. Hier könne Bewegung unter Umständen genauso hilfreich sein wie der Einsatz von Entspannungstechniken, berichtet Bernardy. Auch eine Kombination der verschiedenen Methoden sei möglich. Um zu ermitteln, welche psychischen Risikofaktoren mit dem Auftreten der Schmerzen in Verbindung stehen, werden die Patienten aufgefordert, ein Schmerztagebuch anzulegen, „in dem sie ihre alltäglichen Aktivitäten im Zusammenhang mit der Schmerzintensität dokumentieren“, zitiert die „dpa“ Kathrin Bernardy weiter. So sollen die Auslöser für verstärkte Schmerzen identifiziert werden.

Aktiv und bewusst in das Schmerzgeschehen eingreifen
Als mögliche psychische Faktoren mit Einfluss auf die chronischen Schmerzen nennt das Universitätsklinikum Bergmannsheil zum Beispiel „familiäre oder berufliche Alltagsbelastungen, Arbeitsplatzgefährdung, physische oder psychische Überforderungssituationen, extremes Leistungs- oder Durchhalteverhalten, aber auch übermäßiges Schonverhalten.“ Hier könne die psychische Verfassung der Betroffenen unmittelbar zu einer Schmerzverstärkung führen. Mit Hilfe der Schmerzpsychotherapie solle den Patienten ein besserer Umgang mit den Schmerzen und deren Folgen ermöglicht werden. Die Betroffenen können anschließend aktiv und bewusst in das Schmerzgeschehen eingreifen, berichtet das Universitätsklinikum Bergmannsheil. Zudem würden die „psychologische Behandlungsmethoden dazu beitragen, das Leben mit fortbestehenden Schmerzen erträglicher zu gestalten.“ Denn oft resultieren aus chronischen Schmerzen auch zusätzliche psychische Probleme.

Erlernen von Entspannungstechniken zur Schmerzreduktion
Mit psychologischen Behandlungsmethoden können die Schmerzverarbeitung und die psychosozialen Folgen der Schmerzen laut Aussage der Experten positiv beeinflusst werden. Wichtige Inhalte und Verfahren der psychologischen Schmerztherapie seien dabei zum Beispiel die die „Vermittlung von Information über Schmerzentstehung und -aufrechterhaltung“ und das „Erlernen von Entspannungsverfahren zur Schmerzreduktion und zur positiven Beeinflussung des Kontrollbewusstseins.“ Letztere umfassen zum Beispiel Progressive Muskelrelaxation, Hypnose oder Autogenes Training. Aber auch Bewegung ist laut Aussage von Kathrin Bernardy gegenüber der „dpa“ ein wichtiger Faktor, denn so werde die Aufmerksamkeit weg von den Schmerz hin zu anderen Dingen gelenkt. Allgemein könne die Vermittlung innerer und äußerer Ablenkungstechniken hier hilfreich sein.

Wirksamkeit der Schmerzpsychotherapie vielfach belegt
Geeignet ist die multimodale Schmerztherapie laut Aussage von Bernardy für die Behandlung der unterschiedlichsten Formen chronischer Schmerzen. Sowohl bei Kopfschmerzen als auch bei Rückenschmerzen und nahezu allen weiteren Schmerzerkrankungen könne die Therapie eingesetzt werden. Allerdings werde deren Maßnahmenpaket jeweils individuell den Bedürfnisse der Patienten angepasst, um der jeweiligen Grunderkrankung, den begleitenden seelischen Beschwerden und der individuellen Bewältigungsstrategie der Patienten Rechnung zu tragen. Die Behandlung könne ambulant, teilstationär und stationär in verschiedenen Kliniken und Schmerzzentren erfolgen. „Auch Psychotherapeuten mit Zusatzausbildung zum Schmerzpsychotherapeuten bieten sie an“, zitiert die „dpa“ die Psychologin. Die Wirksamkeit der Methode ist laut Angaben des Universitätsklinikum Bergmannsheil durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Schmerzpsychotherapie ermögliche in vielen Bereichen eine deutliche Verbesserung. So seien „bei den Schmerzsymptomen, der persönlichen Beeinträchtigung, der Stimmung und Aktivität und der Wiedererlangung von Lebensqualität beeindruckende Erfolge erzielbar.“ (fp)

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