Studie: ADHS wird oft falsch diagnostiziert

Sebastian

Studie: Vorschnelle ADHS Diagnosen durch Psychiater und Psychotherapeuten

01.04.2012

Kinder, die nicht still setzen können, unter mangelnder Konzentrationsfähigkeit leiden und allgemein als „impulsiv“ gelten, erhalten von Diagnostikern schnell die Diagnose ADHS. Die Folge: Arzneimittel wie "Ritalin" oder "Concerta" werden verabreicht, die oft bei den noch jungen Patienten eine signifikante Wesensveränderung herbei führen. Eine aktuelle Studie der Ruhr-Universität Bochum und der Universität Basel kam zu dem Ergebnis, dass festgesetzte Kriterien seitens der behandelnden Ärzte oft zu ungenau angewendet und vorschnell Diagnosen gestellt werden. Die Studie ist die erste empirische Erhebung in Deutschland die die Diagnosestellung von Ärzten und Therapeuten untersuchte.

Kinder oder Jugendlichen, die unruhig sind, aggressive Impulsausbrüche zeigen und an Konzentrationsschwierigkeiten leiden, erhalten oft die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). Das sich Kinder- und Jugendpsychiater anscheinend oft irren, zeigt eine gemeinsame Forschungsarbeit von Wissenschaftlern der deutschen Ruhr-Universität Bochum und der schweizerischen Universität Basel. „Erstmals konnten Falschdiagnosen mit repräsentativen Daten belegt werden“, so die Forscher.

Rasanter Anstieg von ADHS Diagnosen in Deutschland
Zwischen den Jahren 1989 und 2001 stieg die Anzahl der ADHS Fälle in der klinischen Praxis um 381 Prozent. Nach Informationen der Techniker Krankenkasse (TK) hat sich in etwa im gleichen Berichtszeitraum die Vergabe von typischen ADHS Medikamenten wie Ritalin verneunfacht. In der Altersgruppe der 6 bis 18jährigen haben sich laut TK die Tagesdosen der verordneten Arzneien um durchschnittlich zehn Prozent erhöht.
Im Ergebnis zeigte sich, dass Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sowie Psychiater Diagnostika anhand von einfachen „Faustregeln fällen, statt sich an gültige Diagnosekriterien, sogenannten Heuristiken zu halten.“ Laut der Studiendaten werden bei Jungen deutlich häufiger falsche Diagnosen gestellt, als bei Mädchen.

Diagnosetest mit Psychiatern und Therapeuten
Das Forscherteam schrieb rund 1000 Kinder- und Jugendpsychiater und Therapeuten in ganz Deutschland. Genau 473 Therapeuten und Ärzte nahmen an der Datenerhebung teil. Alle Teilnehmer erhielten je eine von vier verschiedenen Fallberichten. Anhand der Fallgeschichten sollten die Psychotherapeuten Diagnosen erstellen und eine geeignete Therapie vorschlagen. In drei der vier fiktiven Patientengeschichten lag anhand der geschilderten Symptome und Umstände kein ADHS vor, nur ein Fall war mit Hilfe der geltenden Leitlinien und Kriterien eindeutig als Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung einwandfrei diagnostizierbar. Da die Wissenschaftler auch noch das Geschlecht der „Patienten“ variierten, wurden insgesamt acht verschiedene Fälle beurteilt. Daraus ergab sich bei je zwei gleichen Fallgeschichten ein deutlicher Unterschied: „Leon hat ADHS, Lea nicht“.

In dem geschlechtlich variierten Fallbericht mit ADHS bedienten sich die Wissenschaftler der geltenden Leitlinien, so dass dieser eindeutig als ADHS diagnostizierbar war. Dennoch stellte eine Vielzahl der teilnehmenden Therapeuten die Falschdiagnose ADHS, obwohl die Kriterien hierfür nicht eindeutig erfüllt waren.

Jungen öfter von ADHS Falschdiagnosen betroffen als Mädchen
Bei Auswertung der zurück geschickten Daten machten die Forscher eine erstaunliche Entdeckung. Vielfach wurde sich anhand von prototypischen Symptomen orientiert. „Der Prototyp ist männlich und zeigt Symptome von motorischer Unruhe, mangelnder Konzentration oder Impulsivität.“ Bei Jungen werde dann beinahe automatisch die Diagnose Aufmerksamkeitsstörung gestellt, so das Fazit des Forscherteams. Bei Mädchen war dies weniger der Fall. Die Nennung der Symptome löste offensichtlich bei den Therapeuten in Abhängigkeit vom Geschlecht unterschiedliche Diagnosen aus. „Treten gleiche Symptome bei einem Jungen auf bekommt er die Diagnose ADHS, die identischen Symptome bei einem Mädchen führen jedoch zu keiner ADHS-Diagnose“. Zudem zeigte sich, dass männliche Psychiater häufiger bei den fiktiven Klienten das Aufmerksamkeitsstörungs-Syndrom diagnostizierten, als weibliche Therapeutinnen.

Inflationäre Diagnosestellungen
ADHS Diagnosen werden heutzutage inflationär gestellt, berichten die Forscher. Zwischen 1989 und 2001 sei die Zahl der Fälle in der Praxis um fast 400 Prozent gestiegen. Das hat wiederum zur Folge, dass sich die Verabreichung von ADHS typischen Arzneimitteln zwischen 1993 und 2003 um das neunfache gestiegen ist. Wurden vor 20 Jahren noch eher geringere Dosen verschrieben, haben sich die Einzeldosierung mit den Jahren stetig erhöht.

Bemerkenswert sei nach Meinung der Experten, dass gesellschaftlich ein großes Interesse an dem psychischen Störungsbild bestehe, aber kaum Untersuchungen unternommen wurden. „Dem großen öffentlichen Interesse steht eine bemerkenswert geringe Basis an empirischen Studien zu diesem Thema gegenüber“, kritisieren Prof. Schneider und Dr. Bruchmüller. Gab es in den 1970er und 1980er Jahren einen „gewissen Aufschwung“ in der Untersuchung von Häufigkeit und Ursachen von ADHS-Fehldiagnosen, beachtet die Forschung dies seitdem kaum noch, lautet die Kritik der Untersuchenden. Die aktuelle Arbeit zeigt: „Um eine falsche Diagnose bei ADHS und eine vorschnelle Behandlung zu verhindern, ist es entscheidend, sich nicht auf seine Intuition zu verlassen, sondern sich klar an den festgelegten Kriterien zu orientieren. Das gelingt am besten mit Hilfe von standardisierten Befragungsinstrumenten, zum Beispiel diagnostischen Interviews.“

Eine im Jahre 2011 vorgestellte Datenauswertung von Patientendaten der Techniker Krankenkasse bestätigt die Studienergebnisse. Im Jahre 2009 wurden 27 von 1000 Heranwachsenden ein Arzneimittel der Klasse Methylphenidat (Ritalin) durch einen Arzt oder Psychiater verschrieben. Im Vergleich zum Jahre 2006 entspricht dies einer Steigerungsrate von 32 Prozent.

Die Forschungsergebnisse der Studie von Prof. Dr. Silvia Schneider und Prof. Dr. Jürgen Margraf (RUB) sowie Dr. Katrin Bruchmüller (Universität Basel) wurden im US-amerikanische „Journal of Consulting and Clinical Psychology“ sowie in der deutschen Fachzeitschrift „Psychotherapeut“ veröffentlicht. (sb)

Advertising