Studie: Kaum Menschlichkeit im Krankenhaus

Nina Reese

Studie offenbart schlechte Stimmung in Krankenhäusern

09.10.2013

Schlechte Stimmung im Krankenhaus? Wie eine Studie im Auftrag der Stiftung "Humor hilft heilen" zeigt, sind sowohl Patienten als auch Ärzte und Pflegekräfte im Krankenhaus offenbar recht unzufrieden mit ihrem Dasein. Dieser Zustand wirkt sich jedoch nachteilig auf die Genesung der Patienten und die Motivation der Arbeitskräfte aus. Dabei könnten schon kleine Veränderungen einen großen Effekt erzielen.

Überforderte Ärzte und hilflose Patienten
Ärzte, die sich überfordert fühlen, Pflegekräfte, die sich mehr Anerkennung für ihre Arbeit wünschen und Patienten, die sich lediglich als „Nummer“ fühlen: In Krankenhäusern scheint insgesamt eine recht trübe Stimmung zu herrschen – was jedoch schon mit einigen kleinen Schritten schnell geändert werden könnte. Zu diesem Ergebnis ist eine tiefenpsychologische Studie des Kölner Marktforschungsinstituts „Rheingold“ gekommen, welche die Stiftung "Humor hilft heilen" des Kabarettisten und Arztes Eckart von Hirschhausen in Auftrag gegeben hatte.

Mangel an zwischenmenschlichen Beziehungen
Für die Studie hatten Hirschhausen und die Psychologen des Instituts im Zeitraum von Herbst 2012 bis Juni 2013 mit jeweils 40 Patienten, Ärzte und Pflegekräfte aus Unikliniken, konfessionellen oder privaten Einrichtungen zweistündige Einzelgespräche geführt, in denen der Arbeitsalltag bzw. Aufenthalt in der Klinik, Schwierigkeiten und mögliche Lösungsansätze thematisiert wurden. Die intensiven Gespräche offenbarten, dass es allen drei Gruppen vor allem an zwischenmenschlichen Begegnungen im Klinikalltag fehle – dadurch käme es häufig zu negativen Gefühlen, Stress oder Unsicherheit, sowohl auf Seiten des Personals als auch bei den Patienten. Diese würden sich laut der Studie oft hilflos und als „Nummer“ allein gelassen fühlen – ein großes Problem, denn die Genesung werde laut Eckart von Hirschhausen zu einem großen Teil von zwischenmenschlichen Aspekten abhängig: „Gesundung kann nicht komplett an eine Apparatemedizin delegiert werden. Sie hängt entscheidend davon ab, ob sich der Patient gut aufgehoben fühlt: als Teil eines höheren Prinzips, das ihn trägt und heilt“, so der Mediziner in dem Studienbericht.

Klinikalltag oft von Druck und Stress geprägt
Der Wunsch nach mehr Zwischenmenschlichkeit zeige laut den Forschern von Rheingold, dass „Ärzte, Pflegekräfte und Patienten [.] viel stärker miteinander verwoben (sind), als jede einzelne
Gruppe sich das klar macht.“ Doch die Menschlichkeit gehe im Klinikalltag oft schnell verloren. Gerade Ärzte hätten laut der Studie den hohen „Anspruch, tatsächlich Wunder vollbringen zu können“, würden zugleich aber in ihrem Arbeitsalltag permanent mit Bürokratie, Zeitdruck und Rückschlägen in der Therapie konfrontiert. In der Folge führe dies zu Abstumpfung, das Verhältnis zu den Patienten werde möglichst weit auf Distanz gehalten. So sei es "In der Klinik einfacher hart zu werden, als menschlich zu bleiben", beschreibt ein Mediziner die Situation im Gespräch mit Rheingold.

Pflegekräfte bemängeln Zeitdruck und fehlende Wertschätzung
Unzufriedenheit herrscht jedoch nicht nur unter den Ärzten – auch die Pflegekräfte würden laut der Studie unter Zeitdruck, aber auch unter fehlender Anerkennung und Wertschätzung ihrer Arbeit leiden. Die Problematik sei dabei nicht zu unterschätzen, warnt Rheingold-Gründer und Studienleiter Stephan Grünewald, denn „das Krankenhaus frisst sein eigenes Personal auf". Immer mehr Ärzte und Pfleger würden demnach aus Unzufriedenheit und Unwohlsein der Klinik den Rücken zu wenden – um eine eigene Praxis zu eröffnen oder um sich beruflich noch einmal umzuorientieren.

Zwischenmenschlichkeit hat enormes Heilungspotenzial
Für Eckart von Hirschhausen zeigt die Studie klar, dass die Zwischenmenschlichkeit im Klinikalltag viel zu kurz kommt – obwohl gerade diese ein enormes Heilungspotential habe. „Doch die leidet immer unter Stress und Zeitmangel und darunter, dass keiner mehr durchatmet“, so der Kabarettist.

Ärzte und Pflegekräfte fühlen sich in „Schicksalsmühle“ gefangen
Daher bestehe hier dringender Handlungsbedarf: „Unsere Krankenhaus-Studie rüttelt auf, denn es wird deutlich: Nicht nur die Patienten, sondern gleichermaßen Ärzte und Pflegekräfte fühlen sich, als wären sie in einer Schicksalsmühle gefangen. Unter dem Stress leidet zuallererst die Kommunikation und der direkte herzliche Kontakt, der aber so wichtig ist, damit sich alle wohl fühlen und gute Arbeit leisten können. Es ist höchste Zeit, heilsame Faktoren wie Stimmung und „Seelenhygiene“ im Krankenhaus genauso ernst zu nehmen wie die Desinfektion. Denn Lachen ist ansteckend und gesund“, so der Appell des Mediziners und Gründers der Stiftung "Humor hilft heilen".

Elf Empfehlungen zum Krankenhaus der Zukunft
Für die konkrete Umsetzung konnten Hirschhausen und die Psychologen von Rheingold nach den Gesprächen „11 Empfehlungen zum Krankenhaus der Zukunft“ herausarbeiten, die Ärzten, Pflegekräften und Patienten helfen sollen, zu einem harmonischen Miteinander zurückzukehren. Diese beinhalten beispielsweise, dass „Patienten wieder vom Fall zum Menschen werden“ oder dass mehr „Zeit zum Luftholen“ geschaffen wird, denn „das zentrale heilsame Prinzip für die Ärzte ist der Druckabbau im Schicksalskampf. Sie brauchen Rückzugsräume- und Zimmer, die es ihnen gestatten, kurz innezuhalten und sich informell mit ihren Kollegen auszutauschen“, so der Studienbericht. Auch der Humor dürfe den Psychologen natürlich keinesfalls zu kurz kommen, denn dieser würde die Stimmung in der Klinik positiv beeinflussen und zum Heilungserfolg beitragen, so die Forscher weiter. (nr)

Bild: Michael Bührke / pixelio.de