Sucht auf Arbeit: Wenn der Job die Seele auffrisst

Fabian Peters

Arbeit als Sucht – Viele Menschen sind Workaholics

11.11.2013

Während sich die meisten Menschen auf den Feierabend und das Wochenende zum Entspannen freuen, können Workaholics in ihrer Freizeit nicht abschalten und denken weiterhin unentwegt an den Job. Die Arbeit ist für sie eine Sucht. Hierzu erklärte der Bonner Arbeitspsychologe Stefan Poppelreuter gegenüber der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme, dass Arbeitssucht wie die Kaufsucht, die Spielsucht oder die Sexsucht in die Gruppe der nichtstoffgebundenen Süchte gehört und als Verhaltenssucht, oftmals mit deutlichen Merkmalen einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung einhergehe.

Dem Experten zufolge zeigen sich bei der Arbeitssucht „zahlreiche Parallelen zu substanzgebundenen Abhängigkeiten: Die Betroffenen erleiden einen Kontrollverlust, sie sind unfähig zur Abstinenz, leiden bei aufgezwungener Abstinenz unter Entzugserscheinungen, zeigen eine Toleranzentwicklung und kämpfen schließlich mit psychosomatischen und psychosozialen Problemen.“ Für die Betroffenen ist Arbeit das ganze Leben. Nicht selten bezeichnen sie sich selbst mit etwas Stolz als Workaholic.

Arbeitssucht: Der Arbeit verfallen
Der Arbeitspsychologe Stefan Poppelreuter erklärte, dass Arbeitssucht nicht an quantitativen Kriterien wie beispielsweise der Anzahl der wöchentlichen Arbeitsstunden festgemacht werden könne, sondern hier spiele die individuelle Disposition eine entscheidende Rolle. „Wenn jemand der Arbeit verfallen ist, wenn sein Denken und Handeln nur noch um die Arbeit kreist, wenn er die Arbeitsdauer nicht mehr kontrollieren kann und selbst im Urlaub oder im Spital weiterarbeitet, wenn er mit Schweißausbrüchen, Herzrasen, Niedergeschlagenheit oder Gereiztheit auf arbeitsfreie Phasen reagiert und die Arbeitsdauer ständig steigert, dann deutet das auf eine Arbeitssucht hin“, erläuterte Poppelreuter. Des Weiteren seien begleitend „in der Regel psychosomatische Störungen wie Kopfschmerzen, funktionelle Herzbeschwerden und Schlafstörungen sowie psychosoziale Probleme wie Konflikte in der Familie oder Verlust von Freundschaften“ zu beobachten.

Circa 400.000 Arbeitssüchtige in Deutschland
Trotz guter Leistungen bei der Arbeit, seien Arbeitssüchtige mit ihrer eigenen Leistung oftmals nicht zufrieden und selbst in nebensächlichen Dingen perfektionistisch, berichtet der Experte. Zudem hätten sie Schwierigkeiten, Tätigkeiten zu delegieren und nicht selten führe ihr hohes Anspruchsniveau zu Aggressionen, weshalb Arbeitssüchtige in der Regel nicht teamfähig seien, so Poppelreuter weiter. Die Neigung zur Arbeitssucht wird oftmals bereits in der Schule erkennbar. Die Betroffenen empfinden trotz guter Noten stets den Drang noch mehr für die Schule zu tun. Wird einmal nicht die gewünschte Note erreicht, führt dies zu erheblichen Minderwertigkeitsgefühlen der Arbeitssüchtigen. Der Bonner Arbeitspsychologe schätzt, dass rund jeder siebte Deutsche potenziell gefährdet ist, eine krankhafte Arbeitsfixierung zu entwickeln. Circa 400.000 Menschen seien hierzulande akut arbeitssüchtig, berichtet Poppelreuter.

Krankhafte Fixierung auf die Arbeit durchbrechen
Damit sich die Betroffenen von ihrer Arbeitssucht lösen können, muss es Ziel sein, kontrolliertes Arbeiten zu ermöglichen, so der Bonner Arbeitspsychologe weiter. Hier bilde die Abgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit, das gezielte in Anspruch nehmen von Auszeiten und regelmäßige Entspannung wesentliche Voraussetzungen, um die Arbeitssucht zu überwinden, erläuterte Poppelreuter. Zunächst müssen sich die Betroffenen jedoch ihre krankhafte Fixierung auf die Arbeit eingestehen. Auch sei es wichtig, dass die Workaholics lernen, private Termine genauso wichtig zu nehmen wie berufliche, betonte Poppelreuter. Nicht selten werde die Arbeit von den Workaholics dazu benutzt, um vor Emotionen zu fliehen. Die Betroffenen „gehen auf in der Arbeit und in klaren hierarchischen Strukturen, weil ihnen diese Welt die Illusion vermittelt, sie hätten alles unter Kontrolle. In der Partnerschaft oder im Umgang mit Kindern müssten sie Kontrolle abgeben“, erläuterte der Bonner Arbeitspsychologe und ergänzte: „Absurderweise verteidigen sich jene, die sich aus solchen Motiven rund um die Uhr hinter der Arbeit verschanzen, gegenüber der Familie oft mit dem Argument Ich mache das alles doch nur für euch!.“

Selbsthilfegruppen zur Überwindung der Arbeitssucht
Hilfestellung bei der Überwindung der Arbeitssucht bietet die Initiative „Anonyme Arbeitssüchtige“ (AAS). Hier können sich die Betroffenen auch eine Selbsthilfegruppe in ihrer Umgebung suchen, bei der sie sich mit anderen Arbeitssüchtigen austauschen können. Außerdem findet sich auf der Internetseite der ASS auch eine Übersicht zu den auffälligen Anzeichen, anhand denen eine Arbeitssucht erkennbar werden kann. Wesentliche hier genannte Punkte sind zum Beispiel: „Du nimmst dir viel zu viel vor und arbeitest bis zur völligen Erschöpfung.“; „Du beurteilst dich und deinen Tag fast ausschließlich nach der Menge der geleisteten – mehr noch der nicht geleisteten – Arbeit.“; „Dein Perfektionsanspruch lähmt dich oft völlig bei der Arbeit.“ oder „Du kannst zwischen Freizeit und Arbeitszeit nicht trennen und denkst auch in der Freizeit dauernd an die Arbeit.“ (fp)

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