Übergewicht: Forscher entdecken neue Krankheit

Heilpraxisnet

Extremes Übergewicht: Forscher entdecken neue Krankheit

13.01.2015

Wissenschaftler in Ulm haben bei einem kleinen Kind eine neue Krankheit entdeckt. Der Junge litt schon als Dreijähriger an extremen Übergewicht und wog bereits über 40 Kilogramm. Die Entdeckung wird von Experten als „bahnbrechend“ bezeichnet.

Dreijähriger wog 40 Kilo
In Ulm haben Ärzte und Wissenschaftler bei einem dreijährigen Kind eine neue Krankheit entdeckt. Der kleine Junge litt an starker Adipositas und wog bereits mehr als 40 Kilo. Wie mitgeteilt wurde, führt ein biologisch nicht aktives Hormon namens Leptin zu extremen Übergewicht. Die Forscher entdeckten aber nicht nur die physiologischen Zusammenhänge für diese krankhafte Störung, sondern entwickelten auch gleich eine erfolgreiche Therapie. Professor Klaus-Michael Debatin, Ärztlicher Direktor der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, sagte: „Die Entdeckung ist bahnbrechend.“ Bislang sei das mögliche Vorkommen von biologisch inaktiven Signalmolekülen in der Medizin weitgehend ignoriert worden.

Hormon hemmt im Gehirn die Nahrungsaufnahme
Die Wissenschaftler veröffentlichten ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“. „Der Befund hier lässt uns wach werden und nach vergleichbaren Krankheitsbildern in anderen Bereichen suchen“, so Debatin. Das Hormon Leptin (griechisch leptos = schlank), das bereits 1994 in genetisch adipösen Mäusen entdeckt wurde, wird im Fettgewebe in Abhängigkeit von der Fettzellgröße und der Fettmasse produziert und hemmt im Gehirn die Nahrungsaufnahme. Wenn die Energiespeicher gut gefüllt sind, wird viel Leptin produziert und der Appetit wird gezügelt, wodurch die Fettspeicher wieder leerer werden. Kann das Hormon aber wegen einer Veränderung im Erbgut nicht produziert werden, erhält das Gehirn kein Sättigungssignal, was zur Folge hat, dass ungebremst Nahrung aufgenommen wird und es dadurch zu extremen Übergewicht kommt.

Erkrankung bislang durch Bluttest identifiziert
Patienten mit dieser vererbten Erkrankung wurden bislang durch einen Bluttest identifiziert. Wenn Leptin in der Blutbahn nachweisbar war, wurde die Diagnose „Leptin-Mangel“ gestellt. Bei dem Kind in Ulm wurden aber normale, sogar sehr hohe Werte des Hormons gemessen. Entgegen gängiger Richtlinien habe man daraufhin das Leptin-Gen untersucht und – völlig überraschend – eine Mutation festgestellt. „Diese Konstellation von Befunden hat mich an andere Krankheitsbilder aus der Kinderendokrinologie erinnert, bei denen Eiweißhormone vom Körper hergestellt werden und auch im Blut messbar sind, jedoch keine Wirkung entfalten. Wir sprechen dann von sogenannten bioinaktiven Hormonen“, erläuterte Professor Martin Wabitsch, Leiter der Sektion Pädiatrische Endokrinologie der Uni-Klinik. Er sagte weiter: „Die Information des Botenstoffs kommt am Ziel nicht an. Damit wird dem Körper ein Hormonmangel vorgetäuscht, der mit herkömmlichen Verfahren nicht messbar ist, da die gemessenen Konzentrationen im Blut normal sind.“

Behandlung mit Leptin erfolgreich
Aufgrund der neuen Erkenntnisse beschloss Wabitsch, den Patienten mit künstlich hergestelltem Leptin zu behandeln. Schon nach wenigen Tagen sei eine eindeutige Wirkung erkennbar gewesen, der übermäßige Appetit verschwunden. Im Verlauf der nächsten Wochen nahm der Junge deutlich ab und sein Stoffwechsel gesundete zusehends. Leptin kann möglicherweise in Zukunft auch bei der Behandlung von Diabetes eine große Rolle spielen. So haben Schweizer Wissenschaftler um Roberto Coppari von der Universität Genf im vorvergangenen Jahr Untersuchungen an Mäusen mit Diabetes durchgeführt, bei denen sie Leptin direkt ins Gehirn der Tiere spritzten, um auf diese Weise die Hirnzellen zu identifizieren, die für die blutzuckersenkende Wirkung von Leptin verantwortlich sind. Es gelang den Wissenschaftlern, die Gewebe auszumachen, die durch das Leptin Blutzucker aufnehmen konnten. Damals wurde mitgeteilt, dass diese Gewebe zukünftig gezielt für Therapien angesprochen werden könnten. Coppari zufolge zeichne sich eine Alternative für Insulin ab. (ad)

Bild: Petra Bork / pixelio.de

Advertising