Vegetarier haben häufiger psychische Probleme?

Fabian Peters

Psychische Störungen unter Vegetariern sollen laut einer Untersuchung besonders häufig sein: Eine Studie ohne kausalem Ergebnis

09.01.2013

Vegetarier leiden vermehrt unter psychischen Problemen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. Ein deutsches Forscherteam um Johannes Michalak vom Institut für Psychologie an der Universität Hildesheim hat „die Zusammenhänge zwischen vegetarischer Ernährung und psychischen Störungen“ untersucht. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass unter den Vegetariern eine „erhöhte Prävalenzraten für depressive Störungen, Angststörungen und somatoforme Störungen“ vorliegt. Ihre Ergebnisse veröffentlichte die Forscher in der Fachzeitschrift „Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity“.

Im Rahmen ihrer Studie verglichen die Wissenschaftler die psychischen Beschwerden von 244 Vegetariern (komplett vegetarisch 54, überwiegend vegetarisch 190) und 3.872 nicht-vegetarischen Teilnehmer des Bundes-Gesundheitssurvey (GHS-MHS). Um einen aussagekräftigeren Vergleich zu ermöglichen, bildeten die Forscher aus den Teilnehmern des GHS-MHS zudem eine sozio-demographisch abgestimmt Teilstichprobe mit 242 Probanden. Diese Teilstichprobe stimmte in den wesentlichen Faktoren wie beispielsweise der Geschlechterverteilung, dem Alter der Probanden, der Wohnortgröße und dem Single-Anteil mit der Vegetarier-Gruppe überein. Auf diese Weise sollten verzerrende Faktoren in der aktuellen Studie ausgeschlossen werden.

Vegetarier vermehrt mit Depressionen, Angststörungen und psychosomatischen Erkrankungen
Zahlreiche Studien haben in der Vergangenheit belegt, dass Vegetarier physisch durchschnittlich deutlich gesünder sind als Fleischesser. Allerdings kamen die wenigen bestehenden Untersuchungen, welche sich speziell mit der Psyche der Vegetarier befassten, zu dem Ergebnis, dass letztere unter anderem häufiger an depressiven Störungen, Angststörungen und Essstörungen leiden. Die Aussagekraft der Studien war allerdings relativ begrenzt, da der Anteil von Frauen auf Seiten der Vegetarier stets besonders hoch lag und Frauen allgemein häufiger an den genannten psychischen Erkrankungen leiden als Männer. Beim Vergleich entstanden demnach Verzerrung, die lediglich auf die unterschiedliche Geschlechterverteilung in der Versuchs- und der Kontrollgruppe zurückzuführen waren. Die Wissenschaftler um Johannes Michalak vom Institut für Psychologie an der Universität Hildesheim haben im Rahmen ihrer Studie nun eine sozio-demographisch angepasste Kontrollgruppe gebildet, um derartige Verzerrungen auszuschließen.

Kein kausaler Zusammenhang zwischen vegetarischer Ernährung und psychischen Problemen
Das Ergebnis des Vergleichs der psychischen Verfassung von Vegetariern und Fleischessern blieb trotz der angepassten Kontrollgruppe jedoch das Gleiche wie in den früheren Studien. Die Vegetarier neigten vermehrt zu psychischen Störungen wie Depressionen, somatoformen Störungen und Angststörungen. Jedoch litten viele der Probanden bereits an psychischen Problemen bevor sie zum Vegetarier wurden. „In westlichen Kulturen ist die vegetarische Ernährung mit einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen verbunden. Allerdings gab es keine Hinweise auf eine kausale Rolle der vegetarischen Ernährung in der Ätiologie von psychischen Störungen“, schreiben die Forscher im Fachmagazin „Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity“.

Geistige Grundhaltung Anlass für Vegetarismus und die vermehrten psychischen Leiden?
Da viel der Probanden bereits mit psychischen Störungen zu kämpfen hatten, bevor sie sich für eine vegetarische Ernährung entschieden, liegt der Schluss nahe, dass hier psychische Faktoren eine Rolle spielen, die sowohl die Entscheidung zur vegetarischen Ernährung als auch die Anfälligkeit für psychische Erkrankungen erhöhen. So gelangen Vegetarier meist auf dem Weg des kritischen Hinterfragens ihrer bisherigen Lebensweise beziehungsweise Ernährung zu dem Fleischverzicht. Dies spiegelt eine Grundhaltung wider, die von einem gewissen Zweifel an den Gegebenheiten und einer erhöhten Nachdenklichkeit getragen wird. Wer wenig nachdenkt und keine Zweifel an seinem Dasein hat, ist für die genannten psychische Probleme jedoch wahrscheinlich deutlich weniger anfällig. So könnte die erhöhte Verbreitung psychischer Störung unter Vegetariern auf eine geistige Grundhaltung zurückgehen, die letztendlich auch die Entscheidung zum Fleischverzicht beeinflusst hat. (fp)

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