Kein Brokkoli mehr, Hormontabletten nur bis zur Besserung und bei normalen Blutwerten ist alles erledigt: Solche Vorstellungen können den Umgang mit einer Schilddrüsenunterfunktion unnötig erschweren. Wer die Erkrankung verstehen will, muss zwischen ihrer Ursache, den Laborwerten und den tatsächlichen Beschwerden unterscheiden.
Eine aktuelle Pressemitteilung der Internistin Dr. Dorothea Leinung greift diese drei Missverständnisse auf. Medizinische Fachinformationen zeigen, warum pauschale Gemüseverbote ebenso wenig weiterhelfen wie das eigenmächtige Absetzen von Medikamenten oder eine Behandlung, die anhaltende Beschwerden übergeht.
Was bei einer Schilddrüsenunterfunktion im Körper passiert
Die Schilddrüse bildet Hormone, die unter anderem den Energieverbrauch, die Körpertemperatur und die Herztätigkeit beeinflussen. Produziert sie zu wenig davon, laufen viele Vorgänge im Körper langsamer ab.
Betroffene können sich müde und antriebslos fühlen, leichter frieren, unter Verstopfung leiden oder an Gewicht zunehmen. Auch trockene Haut, Konzentrationsprobleme und depressive Verstimmungen kommen vor, sind für sich genommen aber kein Beweis für eine Schilddrüsenerkrankung.
Eine häufige Ursache ist die Hashimoto-Thyreoiditis, bei der das Immunsystem körpereigenes Schilddrüsengewebe angreift. Eine Unterfunktion kann außerdem nach einer Operation oder Radiojodbehandlung entstehen; weitere Hintergründe erläutert unser Beitrag zur Schilddrüsenunterfunktion, ihren Symptomen und Behandlungsmöglichkeiten.
Irrtum 1: Brokkoli und Kohl müssen vom Speiseplan verschwinden
Wer eine Schilddrüsenunterfunktion hat, muss auf Brokkoli, Blumenkohl oder andere Kohlgemüse normalerweise nicht verzichten. Ein generelles Verbot lässt sich aus den verfügbaren Erkenntnissen nicht ableiten.
Hinter der Warnung steckt allerdings ein biologischer Zusammenhang: Bestimmte Pflanzenstoffe beziehungsweise deren Abbauprodukte können die Jodverwertung und die Bildung von Schilddrüsenhormonen beeinträchtigen. Ob daraus ein gesundheitliches Problem entsteht, hängt unter anderem von der verzehrten Menge und der Jodversorgung ab.
Die Mayo Clinic weist darauf hin, dass dafür sehr große Mengen erforderlich wären, die weit über dem üblichen Verzehr liegen. Eine normale Gemüseportion ist deshalb anders zu bewerten als eine dauerhaft extreme, einseitige Ernährung mit großen Mengen rohen Kohls.
Auch die US-Gesundheitsbehörde NIH ordnet solche Lebensmittel bei ausreichender Jodversorgung und abwechslungsreicher Ernährung als normalerweise unproblematisch ein. Wer aus Sorge ganze Gemüsegruppen streicht, schränkt seine Lebensmittelauswahl daher häufig ohne medizinischen Nutzen ein.
Jodpräparate sind keine pauschale Lösung
Aus der Bedeutung von Jod für die Schilddrüse folgt nicht, dass zusätzliche Jodtabletten jeder Person mit einer Unterfunktion helfen. Gerade bei einer bereits bestehenden Schilddrüsenerkrankung kann eine überhöhte Jodzufuhr selbst Funktionsstörungen auslösen oder verstärken.
Besonders Algenprodukte können sehr hohe und stark schwankende Jodmengen enthalten. Hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel sollten deshalb nicht auf eigene Faust zur Behandlung einer Unterfunktion eingesetzt werden.
Eine angemessene Versorgung über die Ernährung und eine gezielte medizinische Behandlung sind unterschiedliche Dinge. Ob zusätzliches Jod sinnvoll ist, richtet sich nach der Ursache der Erkrankung und der individuellen Versorgung.
Irrtum 2: Sobald es besser geht, können die Tabletten weg
Wenn Erschöpfung und andere Beschwerden unter L-Thyroxin nachlassen, ist das häufig ein Zeichen dafür, dass die Behandlung wirkt. Es bedeutet nicht automatisch, dass die Schilddrüse wieder ausreichend Hormone produziert.
L-Thyroxin, auch Levothyroxin genannt, ersetzt das fehlende Hormon Thyroxin. Bei einer durch Hashimoto verursachten dauerhaften Unterfunktion wird die geschädigte Schilddrüse dadurch jedoch nicht wiederhergestellt.
Nach Angaben der American Thyroid Association benötigen die meisten Menschen mit einer Hashimoto-bedingten Unterfunktion eine lebenslange Hormonersatzbehandlung. Auch nach vollständiger Entfernung der Schilddrüse muss der Körper dauerhaft von außen mit Schilddrüsenhormon versorgt werden.
Wer die Tabletten eigenmächtig absetzt, riskiert deshalb einen erneuten Hormonmangel. Dass nicht sofort Beschwerden auftreten, beweist keine Heilung, denn Thyroxin wird im Körper nur langsam abgebaut.
Warum die Behandlung trotzdem nicht immer lebenslang nötig ist
Es gibt Formen einer Schilddrüsenentzündung, bei denen sich die Hormonproduktion wieder erholen kann. Dazu gehören beispielsweise bestimmte Entzündungen nach einer Geburt oder eine subakute Thyreoiditis.
Wurden in solchen Situationen Hormone verordnet, kann später unter ärztlicher Begleitung geprüft werden, ob sie weiterhin benötigt werden. Entscheidend sind der Verlauf und die Blutwerte, nicht allein das momentane Befinden.
Eine weitere Besonderheit ist die latente Unterfunktion: Dabei ist der TSH-Wert erhöht, während das freie Schilddrüsenhormon fT4 noch im Referenzbereich liegt. Gerade bei einer nur leichten TSH-Erhöhung ist eine Behandlung nicht automatisch erforderlich.
Nach Informationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen können sich leicht erhöhte Werte wieder normalisieren. Ob Beobachten, erneute Blutuntersuchungen oder eine Behandlung sinnvoll sind, hängt unter anderem von der Höhe der Werte, Beschwerden und dem Alter ab.
Irrtum 3: Normale Blutwerte bedeuten, dass alle Beschwerden verschwunden sein müssen
Ein unauffälliger Laborbefund ist ein wichtiger Anhaltspunkt für eine passende Hormoneinstellung. Er beantwortet aber nicht jede Frage zu Müdigkeit, Konzentrationsproblemen oder eingeschränkter Belastbarkeit.
Wer trotz Behandlung weiterhin Beschwerden hat, sollte damit ernst genommen werden. Zugleich lässt sich daraus nicht automatisch schließen, dass weiterhin ein Mangel an Schilddrüsenhormonen besteht.
Die American Thyroid Association betont, dass die vermeintlich typischen Schilddrüsensymptome auch bei anderen Erkrankungen und bei Menschen ohne Schilddrüsenstörung auftreten. Schlechter Schlaf, psychische Belastungen oder weitere gesundheitliche Probleme können das Befinden ebenfalls beeinträchtigen.
Auch ein Eisenmangel mit Müdigkeit und Konzentrationsstörungen kommt als Erklärung infrage. Welche Untersuchungen sinnvoll sind, ergibt sich aus den Beschwerden, der Vorgeschichte und der ärztlichen Untersuchung.
Mehr Hormone sind nicht automatisch die bessere Behandlung
Die britische Leitlinie NICE empfiehlt bei der üblichen, von der Schilddrüse selbst ausgehenden Unterfunktion, den TSH-Wert unter Levothyroxin im Referenzbereich zu halten. Bestehen Beschwerden fort, kann die Ärztin oder der Arzt eine Anpassung prüfen, soll dabei aber eine Überdosierung vermeiden.
Eine zu hohe Dosis kann unter anderem Herzklopfen, Nervosität und Schlafprobleme verursachen. Längerfristig kann ein Hormonüberschuss außerdem Herz und Knochen belasten.
Die Konsequenz lautet deshalb: Beschwerden und Laborwerte gemeinsam beurteilen. Weder das Abtun anhaltender Symptome noch eine eigenmächtige Dosiserhöhung ist eine angemessene Antwort.
Auch die Einnahme beeinflusst den Behandlungserfolg
Bevor eine vermeintlich zu niedrige Dosis erhöht wird, lohnt sich ein Blick auf den Einnahmealltag. Mahlzeiten, Kaffee und bestimmte Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel können die Aufnahme von Levothyroxin beeinträchtigen.
Üblich ist die Einnahme mit Wasser auf nüchternen Magen, meist 30 bis 60 Minuten vor dem Frühstück. Die genauen Vorgaben des jeweiligen Präparats und die ärztlich vereinbarte Einnahmeweise sollten eingehalten werden.
Besonders Eisen- und Calciumpräparate sollten nicht gleichzeitig mit der Hormontablette eingenommen werden. Welcher zeitliche Abstand erforderlich ist, lässt sich anhand der Packungsbeilage und im Gespräch mit der Apotheke oder der behandelnden Praxis klären.
Nach einer Änderung der Dosis braucht die erneute Beurteilung Geduld, weil sich ein stabiler Hormonspiegel erst über mehrere Wochen einstellt. Regelmäßige Blutuntersuchungen bleiben auch dann sinnvoll, wenn es den Betroffenen gut geht.
Die drei Irrtümer im Überblick
| Verbreitete Annahme | Medizinische Einordnung |
|---|---|
| Brokkoli und Kohl sind bei Unterfunktion verboten. | Übliche Mengen sind in einer abwechslungsreichen Ernährung normalerweise unproblematisch; die Jodversorgung und außergewöhnlich hohe Verzehrmengen müssen gesondert betrachtet werden. |
| Wenn die Beschwerden nachlassen, können Hormontabletten abgesetzt werden. | Die Besserung kann gerade auf der Behandlung beruhen; ob die Medikamente dauerhaft nötig sind, hängt von der Ursache ab. |
| Bei normalen Blutwerten kann es keine relevanten Beschwerden mehr geben. | Anhaltende Beschwerden verdienen eine Abklärung; eine höhere Hormondosis ist jedoch nicht automatisch sinnvoll. |
Eine gute Behandlung braucht nachvollziehbare Erklärungen
Betroffene sollten wissen, warum ihnen Schilddrüsenhormone verordnet wurden und woran der Behandlungserfolg gemessen wird. Ebenso wichtig ist eine verständliche Erklärung, wann die Werte erneut überprüft werden und wie bei fortbestehenden Beschwerden vorgegangen wird.
Das schafft Sicherheit im Alltag: Gemüse muss nicht vorschnell gestrichen, eine wirksame Behandlung nicht wegen guter Werte abgebrochen und anhaltende Erschöpfung nicht einfach hingenommen werden. Eine sorgfältige Abklärung kann unnötige Einschränkungen verhindern und behandelbare Ursachen sichtbar machen.
Autoren- und Quelleninformationen
Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.
- Ergänzende Fachinformationen, American Thyroid Association: Hashimoto-Thyreoiditis; Schilddrüsenentzündungen; Behandlung mit Schilddrüsenhormonen; Anhaltende Beschwerden trotz normaler Werte.
- Unterfunktion und Gemüseverzehr; National Institutes of Health: Jodversorgung und Risiken einer überhöhten Zufuhr., Mayo Clinic
Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.








