Zahlreiche Erkältungsmittel basieren auf traditionellen Heilpflanzen, doch eine lange Anwendungsgeschichte allein belegt noch keinen medizinischen Nutzen. Eine aktuelle wissenschaftliche Auswertung zeigt, bei welchen pflanzlichen Präparaten Hinweise auf Vorteile bei akuten Atemwegsinfektionen bestehen und wo die Forschung noch keine verlässlichen Antworten liefert.
Die Ergebnisse sprechen für mögliche, insgesamt begrenzte Verbesserungen durch bestimmte Zubereitungen aus Ginseng, Efeu, Echinacea, Eukalyptus und Schwarzen Holunderbeeren. Eine allgemeine Empfehlung für sämtliche Produkte aus diesen Pflanzen lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
Was die aktuelle Untersuchung ausgewertet hat
Ein internationales Forschungsteam hat die Erkenntnisse aus 18 systematischen Übersichtsarbeiten zusammengeführt, die insgesamt 16 pflanzliche Arzneimittel untersuchten. Die Arbeit wurde am 6. Oktober 2026 im Fachmagazin „Phytotherapy Research“ veröffentlicht.
Es handelt sich damit um eine Übersicht bereits vorhandener Forschungsübersichten und nicht um eine neue Behandlungsstudie mit Erkrankten. Untersucht wurden sowohl die Vorbeugung akuter Atemwegsinfektionen als auch die Linderung bereits bestehender Beschwerden.
Das Forschungsteam betrachtete insbesondere die Infektionshäufigkeit sowie das Abklingen, die Dauer und die Stärke der Symptome. In sieben Übersichtsarbeiten fanden sich Hinweise auf Vorteile der fünf genannten Pflanzen beziehungsweise ihrer Zubereitungen, während die übrigen elf keine ausreichenden oder eindeutigen Belege lieferten.
Warum positive Ergebnisse noch keine sichere Empfehlung erlauben
Nach den verwendeten Bewertungskriterien besaßen 13 der eingeschlossenen Übersichtsarbeiten eine hohe und fünf eine mittlere methodische Qualität. Dennoch blieben Schwächen in den ursprünglichen Behandlungsstudien bestehen, auf deren Ergebnissen diese Übersichten beruhen.
Auch eine sorgfältige Zusammenfassung kann Lücken in den zugrunde liegenden Untersuchungen nicht schließen. Für die Einordnung ist deshalb entscheidend, wie zuverlässig ein beobachteter Vorteil belegt ist und ob er für Erkrankte tatsächlich eine spürbare Erleichterung bedeutet.
Zudem beantworten Vorbeugungs- und Behandlungsstudien unterschiedliche Fragen. Ein Präparat, das möglicherweise die Zahl der Infekte verringert, muss eine bereits ausgebrochene Erkältung nicht zwangsläufig verkürzen.
Fünf Heilpflanzen im Vergleich
Die folgende Übersicht ordnet die genannten Pflanzen anhand der aktuellen Auswertung und ergänzender Fachinformationen ein. Sie zeigt zugleich, weshalb sich die Präparate nicht beliebig gegeneinander austauschen lassen.
| Heilpflanze | Möglicher Nutzen beziehungsweise Einsatzbereich | Wichtige Einschränkung |
|---|---|---|
| Ginseng | Hinweise auf vorbeugende Effekte bestimmter Extrakte bei Atemwegsinfektionen. | Ein verlässlicher Nutzen bei einer bereits bestehenden Erkältung ist daraus nicht abzuleiten. |
| Echinacea | Möglicherweise eine geringfügige Verringerung des Erkältungsrisikos. | Ob die Erkrankungsdauer verkürzt wird, bleibt unklar; die Präparate unterscheiden sich erheblich. |
| Efeublätter | Bestimmte Extrakte werden als schleimlösende Mittel bei Husten mit Auswurf eingesetzt. | Keine allgemeine Behandlung aller Erkältungsbeschwerden; für Kinder unter zwei Jahren ungeeignet. |
| Eukalyptus | Hinweise auf eine Linderung von Husten durch bestimmte Zubereitungen beziehungsweise Cineol. | Ergebnisse zu Cineol sind nicht automatisch auf Eukalyptusöl übertragbar. |
| Schwarze Holunderbeeren | Vorläufige Hinweise auf eine Linderung von Atemwegsbeschwerden. | Wenige Untersuchungen; kein gesicherter Schutz vor Grippe oder COVID-19. |
Ginseng: Vorbeugung und Behandlung unterscheiden
Ginseng ist vor allem aus der traditionellen asiatischen Medizin bekannt. Bei Atemwegsinfektionen sollte zwischen möglichen vorbeugenden Effekten und einer Behandlung nach Beginn der Beschwerden unterschieden werden.
Das US-amerikanische National Center for Complementary and Integrative Health beschreibt für asiatischen Ginseng vorläufige Hinweise auf ein geringeres Gripperisiko. Eine Verringerung der Symptomstärke oder der Erkrankungsdauer ist damit jedoch nicht belegt.
Ginseng kann zudem Schlafstörungen verursachen, den Blutzucker beeinflussen und Wechselwirkungen mit Medikamenten auslösen. Besonders Menschen mit Diabetes oder einer regelmäßigen Arzneimitteltherapie sollten eine Einnahme deshalb vorher ärztlich oder in der Apotheke besprechen.
Echinacea: Unterschiedliche Präparate erschweren den Vergleich
Bei Echinacea, auch Sonnenhut genannt, ist die Zusammensetzung des Produkts besonders wichtig. Verarbeitet werden unterschiedliche Pflanzenarten und Pflanzenteile, zudem unterscheiden sich die Herstellungsverfahren.
Bereits eine Cochrane-Auswertung hob hervor, dass diese Unterschiede einen gemeinsamen Vergleich erschweren. Ein positives Ergebnis für einen bestimmten Extrakt kann daher nicht als Wirksamkeitsnachweis für sämtliche Echinacea-Produkte gelten.
Nach der Einordnung des NCCIH könnte Echinacea die Wahrscheinlichkeit einer Erkältung geringfügig senken, während eine Verkürzung der Erkrankung weiterhin unklar ist. Möglich sind Magen-Darm-Beschwerden und allergische Reaktionen, die in einzelnen Fällen schwer verlaufen können.
Efeu: Ein Mittel gegen Husten mit Auswurf
Efeu gehört ebenfalls zu den Pflanzen, für deren Zubereitungen die neue Untersuchung gewisse Vorteile beschreibt. Medizinisch verwendet werden definierte Extrakte aus den Blättern, die sich hinsichtlich ihrer Herstellung und Dosierung von selbst zubereiteten Pflanzenaufgüssen unterscheiden.
Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der Europäischen Arzneimittelagentur bewertet bestimmte Efeublätter-Zubereitungen als schleimlösende Mittel bei produktivem Husten, also Husten mit Auswurf. Diese Anwendung zielt auf ein bestimmtes Symptom und belegt keine zuverlässige Verkürzung des gesamten Atemwegsinfekts.
Auch Efeupräparate können Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder allergische Beschwerden auslösen. Kinder unter zwei Jahren dürfen solche Arzneimittel nach der europäischen Bewertung nicht erhalten, weil sich ihre Atemwegsbeschwerden verschlechtern können.
Eukalyptus: Pflanzenöl und Cineol sind nicht gleichzusetzen
Eukalyptus ist ein bekannter Bestandteil von Erkältungspräparaten. Für die Bewertung der Forschung muss jedoch unterschieden werden, ob ein Eukalyptusöl-Präparat oder der einzelne Inhaltsstoff 1,8-Cineol untersucht wurde.
Die Europäische Arzneimittelagentur weist ausdrücklich darauf hin, dass sich Ergebnisse aus Untersuchungen mit Cineol nicht ohne Weiteres auf Eukalyptusöl übertragen lassen. Die Anwendung des Öls zur Linderung von Erkältungshusten stützt sich in ihrer Bewertung auf die langjährige traditionelle Verwendung.
Für Kinder gelten je nach Präparat und Anwendungsform unterschiedliche Altersgrenzen. Eukalyptusöl darf insbesondere bei Kindern unter 30 Monaten wegen der Gefahr eines Kehlkopfkrampfes nicht angewendet werden; die Packungsbeilage kann weitere Einschränkungen vorsehen.
Holunderbeeren: Interessante Hinweise, aber wenige Studien
Für Zubereitungen aus den Beeren des Schwarzen Holunders gibt es erste Hinweise auf eine Linderung von Erkältungs- und anderen Atemwegsbeschwerden. Nach Angaben des NCCIHwurden diese Anwendungen bislang jedoch nur in wenigen Untersuchungen am Menschen geprüft.
Aus solchen Befunden lässt sich kein verlässlicher Schutz vor einer Ansteckung und keine gesicherte Behandlung von COVID-19 ableiten. Ebenso wenig ist damit bewiesen, dass selbst gekochter Holundersaft dieselben Effekte besitzt wie ein untersuchter Beerenextrakt.
Holunderbeeren und Holunderblüten sind außerdem unterschiedliche pflanzliche Ausgangsstoffe, weshalb Ergebnisse zu Beerenpräparaten keinen Wirksamkeitsnachweis für Blütentee darstellen. Rohe oder unreife Beeren sowie Blätter und Stiele enthalten zudem giftige, cyanidfreisetzende Stoffe und sind keine geeignete Grundlage für eine Selbstbehandlung.
Warum ein Pflanzenname auf der Packung nicht genügt
Für eine sachgerechte Auswahl kommt es darauf an, welche Zubereitung in welcher Dosierung und für welche Beschwerden untersucht wurde. Extraktionsverfahren, verwendete Pflanzenteile und zusätzliche Inhaltsstoffe können sich zwischen Produkten unterscheiden.
Besonders anschaulich wird dies bei Echinacea und Eukalyptus: Unter demselben Pflanzennamen werden Mittel zusammengefasst, die wissenschaftlich getrennt bewertet werden müssen. Eine Studie zu einem Extrakt beantwortet deshalb nicht automatisch die Frage, ob ein Tee, ein Bonbon oder ein anders zusammengesetztes Kombinationspräparat hilft.
Auch die Bezeichnung als traditionelles pflanzliches Arzneimittel ist einzuordnen. Wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte erläutert, nehmen traditionelle Arzneimittel hinsichtlich ihrer Wirksamkeit Bezug auf die langjährige Anwendung, was von einem Nachweis durch aussagekräftige klinische Studien zu unterscheiden ist.
Keine gemeldeten schweren Nebenwirkungen sind kein Sicherheitsbeweis
In der aktuellen Auswertung wurden keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse berichtet. Die Forschenden betonen allerdings, dass Nebenwirkungen wahrscheinlich unvollständig erfasst wurden.
Die Aussage beschreibt somit die vorhandenen Berichte und beweist nicht, dass die untersuchten Mittel grundsätzlich frei von ernsten Risiken sind. Bereits die bekannten Allergien und Wechselwirkungen einzelner Pflanzen zeigen, warum Nutzen und Verträglichkeit für jedes Präparat gesondert beurteilt werden sollten.
Für Schwangere, Stillende und Kinder ist besondere Zurückhaltung angebracht, wenn verlässliche Sicherheitsdaten fehlen. So beschreibt das NCCIH bei Holunder unzureichende Erkenntnisse für Schwangerschaft und Stillzeit und empfiehlt vor einer Echinacea-Anwendung bei Kindern eine Rücksprache mit dem behandelnden medizinischen Fachpersonal.
Beschwerden lindern bedeutet nicht, die Infektion zu beseitigen
Eine gewöhnliche Erkältung klingt nach Angaben des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen meist innerhalb von ein bis zwei Wochen von selbst ab. Husten kann länger anhalten und auch nach etwa drei Wochen noch nicht vollständig verschwunden sein.
Eine Besserung nach der Einnahme eines Mittels beweist deshalb für sich allein noch nicht dessen Wirksamkeit. Aussagekräftige Untersuchungen müssen unterscheiden können, welcher Teil der Erholung auf die Behandlung und welcher auf den natürlichen Verlauf zurückgeht.
Bei unkomplizierten Erkältungen geht es vor allem darum, belastende Beschwerden zu lindern. Antibiotika helfen gegen die üblicherweise verantwortlichen Viren nicht, können aber bei bestimmten bakteriellen Komplikationen erforderlich sein.
Wann ärztlicher Rat erforderlich ist
Hohes Fieber, Schmerzen in der Brust, Atemprobleme oder deutlich zunehmende Beschwerden sollten ärztlich abgeklärt werden. Besonders bei chronischen Atemwegserkrankungen ist es wichtig, eine Verschlechterung nicht allein mit frei verkäuflichen Erkältungspräparaten zu behandeln.
Auch bei anhaltendem Husten sind die Hinweise des verwendeten Arzneimittels zu beachten. Für Efeublätter-Präparate empfiehlt die Europäische Arzneimittelagentur eine Rücksprache mit ärztlichem oder pharmazeutischem Fachpersonal, wenn die Symptome unter der Anwendung länger als eine Woche bestehen oder sich verschlimmern.
Gezielte Anwendung braucht bessere Belege
Die aktuelle Auswertung liefert Anhaltspunkte dafür, dass bestimmte pflanzliche Präparate bei Atemwegsinfektionen helfen können, lässt aber viele praktische Fragen offen. Benötigt werden größere, methodisch überzeugende Studien, die den Nutzen konkreter Zubereitungen prüfen und Nebenwirkungen systematisch erfassen.
Für die Auswahl eines Mittels sind deshalb das jeweilige Beschwerdebild, die Daten zum konkreten Präparat und die persönlichen Risiken entscheidend. Die Herkunft aus einer Heilpflanze allein sagt weder aus, wie gut ein Produkt wirkt, noch für wen es geeignet ist.
Autoren- und Quelleninformationen
Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.
- Fariba Aghajafari, Brian Choi, Devansh Bhatt, Susanna Maltoni, Elizabeth T. Thomas, Elena C. Rosca, Sara Gandini, Annette Plüddemann, Carl J. Heneghan, John M. Conly, Tom Jefferson, Igho J. Onakpoya: Benefits and Harms of Herbal Medicines for Preventing and Treating Acute Respiratory Infections: An Overview of Systematic Reviews; in: Phytotherapy Research (veröffentlicht 06.10.2026), onlinelibrary.wiley.com
Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.







