Handlesen – Lebenslinien lesen?

Dr. Utz Anhalt
Handlesen (Chirologie) bezeichnet eine esoterische Methode, die Eigenschaften und das Schicksal eines Menschen an der Form der Hand, wie zum Beispiel an der Länge der Finger, der Fingerballen und Fingernägel, zu erkennen. Besondere Bedeutung haben dabei die Handlinien im Handballen. Handlesen ist dabei nur ein Teil der Physiognomik, also der Idee, anhand äußerlicher Merkmale eines Menschen sein Schicksal und seine Wesenszüge zu bestimmen. Dabei werden unter anderem die Länge und Form der Nase, die Breite der Stirn und Größe der Ohren herangezogen.


Chirologie – Die wichtigsten Fakten

  • Handlesen ist eine esoterische Methode, die aus Handlinien, Fingerform und so weiter Rückschlüsse auf den Charakter und die Eigenschaften eines Menschen zieht.
  • Chirologie gibt es seit der Antike und sie gehört zu den magisch-vorwissenschaftlichen Praktiken, mit denen sich unsere Vorfahren die Welt erklärten.
  • Chirologie gehört zur Physiognomik, die den Charakter eines Menschen durch äußerliche Merkmale erkennen soll.
  • Physiognomik spielte eine verhängnisvolle Rolle in der „Rassenkunde“ des 19. und 20. Jahrhunderts und war eine wesentliche Ideologie im Völkermord der Nationalsozialisten.
  • Wissenschaftler lehnen heute das Handlesen ab. Unter Esoterikern gilt es hingegen oft noch als „Geheimwissenschaft“.
Beim Handlesen (Chirologie) spielt das Setting, also die Umgebung, eine nicht unwichtige Rolle, um glaubwürdig zu wirken. (Bild: DedMityay/fotolia.com)

Was meint die Chirologie zu erkennen?

Handlesen deutet zum einen Eigenschaften wie Warmherzigkeit, Ehrgeiz, Selbstwertgefühl, zum anderen Interessen und eine „Lebenskraft“. Die Form von Hand und Fingern soll die Anfälligkeit gegenüber Krankheiten ebenso anzeigen wie die allgemeine Gesundheit.
Allein die Form der Finger soll zum Beispiel diverse Aspekte ausdrücken:

  • Lange Finger stehen für Intelligenz, Menschen mit kurzen Fingern sind hingegen nicht die hellsten.
  • Große Fingerglieder zeichnen jemand aus, der zwar langsam denkt, dafür aber gewissenhaft arbeitet.
  • Spatelförmige Finger haben hingegen tatkräftige Menschen
  • Eckige Finger deuten auf einen vorsichtigen Charakter hin.
  • Menschen mit dicken und kurzen Fingern denken nur an sich.
  • Personen mit langen schlanken Fingern haben indes einen besonderen Sinn für Schönheit, sind aber auch introvertiert.
  • „Wurstfinger“ stehen für jemand, der auch gerne Würste isst, also zur Fress- und anderer Genusssucht neigt.

Besonders wichtig sollen die Handlinien sein, denn sie zeigen angeblich den Lebensweg eines Menschen. So gibt es

  • die Magenlinie,
  • die Lebenslinie,
  • die Herzlinie,
  • die Sonnenlinie,
  • die Partnerschaftslinien,
  • die Neptunlinie,
  • die Uranuslinie,
  • die Schicksalslinie
  • oder die Kopflinie.

Eine gerade und lange Lebenslinie steht demnach für ein langes Leben ohne Krisen. Wird diese Linie durchbrochen, zeigt das angeblich Lebenskrisen an. Bei den Liebeslinien soll ein ausgeprägtes Grübchen auf eine Ehe hindeuten.

Eine alte Geschichte

Chirologie reicht zurück in die frühe Antike und ist aus Indien ebenso überliefert wie aus Ägypten, Babylon und Assyrien. In diesen frühen Hochkulturen fiel die Handlesekunde unter die Wissenschaften und gehörte zu den Methoden von Ärzten. Sie hing dabei eng zusammen mit der Astrologie, also dem Glauben, aus dem Stand der Sterne etwas über einen Menschen aussagen zu können. Aus den Händen „zu lesen“ war – neben der Interpretation des Gesichtes – die wichtigste „Lesekunde“ der Physiognomik. Da die Hände einer der komplexesten Teile des sichtbaren menschlichen Körpers sind (neben dem Gesicht) und unzählige Muskeln und Nerven daran beteiligt sind, dass sie funktionieren können, wundert es nicht, dass bereits für unsere Vorfahren klar gewesen sein musste, dass sie „geheimnisvoll“ mit unseren Gedanken und Gefühlen interagieren.

Tatsächlich laufen Bewegungen der Hände, zum Beispiel, um einen Schlag abzuwehren oder etwas zu greifen, unbewusst ab. Wäre ein bewusster Gedanke notwendig, zum Beispiel bei einem Sturz, um eine Nervenreaktion auszulösen, so hätten Menschen in der Evolution nicht lange überlebt. Ohne ein Wissen über unbewusst ablaufende Prozesse im Körper lag es also nahe, in den Händen eine göttliche, astrologische oder irgendwie magische Vorbestimmung zu vermuten.

Aristoteles, Pythagoras, Hippokrates, Plinius, Seneca und Galen vertrauten der Physiognomik und die Wiederentdeckung der Antike führte in der Renaissance zu einem Boom des „Körperlesens“, das zu einer wichtigen Sparte der okkulten Künste wurde. Sie stand dabei in einem ähnlichen Verhältnis zur modernen Psychologie wie die Alchemie zur Chemie.

Handlesen hat eine lange Geschichte, die zurückreicht bis in die Antike. (Bild: Mannaggia/fotolia.com)

Eine Pseudowissenschaft der Aufklärung

Die Aufklärung übernahm die Physiognomik und meinte, sie vom Übernatürlichen zu befreien, hielt sie also für eine rationale Wissenschaft. In der Zeit der Aufklärung grassierte die Physiognomik aber mehr in der populären Literatur als unter Wissenschaftlern.

Tatsächlich spielten wissenschaftliche Erkenntnisse hinein: Georges Cuvier, der Begründer der Paläontologie und vergleichenden Anatomie hatte herausgefunden, dass sich aus der Anatomie eines Tieres exakt dessen Lebensweise bestimmen lässt und entschlüsselte zutreffend aus einem einzigen Knochenfund das Gesamtskelett eines Tieres – wie es zum Beispiel auch heutige Dinosaurierforscher tun.
Diese vergleichende Anatomie, verbunden mit einer Vorfreudschen Protopsychologie bescherte dem Gesichts- und Handlesen einen Hype: Wenn ein Hund sich mit dem Körperbau eines Hundes gar nicht anders verhalten konnte wie ein Hund, dann ließ sich das mit ein wenig Fantasie auf den Charakter eines Menschen übertragen.
Wenn es einem Mensch mit langen dünnen Fingern, den „Pianistenhänden“, einfacher fiel, die Tasten eines Klaviers zu bedienen, dann ließ sich leicht assoziieren, dass die Finger „genau dazu geschaffen“ waren – von wem auch immer. Wenn ein Vielfraß, der maßlos Essen in sich hinein schaufelte, kurze und dicke Finger hatte, ließ sich einfach daraus schließen, dass die kurzen und dicken Finger ihn als Genusssüchtigen kennzeichneten.

Solch assoziatives Denken und die daraus folgenden Schlüsse machen einen Großteil unserer Einschätzungen aus: Wir verbinden das, was wir sehen, mit Urteilen und setzen beides in Kausalität. Ob diese Ursache-Wirkung zutrifft, ist unseren Synapsen gleichgültig. Meist reicht dieses unbewusste Assoziieren als Koordinatensystem in unserer Umwelt vollkommen aus. Bewusstes Reflektieren und Analysieren von realen Ursachen und Wirkungen erfordert hingegen bewusstes wie langsames Denken – dafür braucht das Gehirn mehr Energie. Wir setzen es deshalb nur dann ein, wenn das Assoziieren an seine Grenzen gelangt und uns zum Beispiel in problematische Situationen bringt.

Physiognomik und Völkermord

In der Renaissance könnten wir das Aufleben des Handlesens noch als halb wissenschaftlich, halb religiösen Spleen abtun, der aber nicht wirklich gefährlich wurde. Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Die frühe Neuzeit war die Epoche der systematischen Hexenverfolgung. Zehntausende von Unschuldigen wurden in Europa auf den Scheiterhäufen verbrannt – für „Taten“, die sich nicht begangen haben konnten, wie den Geschlechtsverkehr mit dem Teufel. Physiognomik spielte eine wichtige Rolle. So suchten die Verfolger nach dem Teufelsmal, einem auffälligen Muttermal oder Leberfleck; mancherorts galt jemand mit gleich langem Mittel- wie Zeigefinger als verdächtig, ein Mensch zu sein, der sich in einen Wolf verwandelt.

Schlimmer noch wurden aber das 19. und 20. Jahrhundert. „Rassenkundler“ erklärten das religiös-esoterische Ablesen von Eigenschaften aus körperlichen Merkmalen zur „Wissenschaft“ und rechtfertigten damit Rassismus und Eugenik. Die Form des Schädels sollte die Unterschiede zwischen „höheren“ und „niederen“ Menschenrassen erklären. Auch die Kriminalistik meinte, an Körperbau, Schädel und Händen Verbrecher erkennen zu können.

Physiognomik gilt in der Wissenschaft nicht nur als unwissenschaftlich, sie ist wegen ihrer üblen Rolle für Rassismus, Diskriminierung und den Völkermord der Nazis auch gänzlich geächtet. Unter Esoterikern gilt „Psycho-Physiognomik“ hingegen oft als „Geheimwissen“, so auch die Chirologie. Dabei beziehen sie sich durchaus auch auf Quellen von völkischen Denkern und Rassisten, die Körperleserei praktizierten.

Beim Handlesen werden den Handlinien unterschiedliche Chartereigenschaften und Lebenszyklen zugewiesen. (Bild: Werner Giessing/fotolia.com)

Chirologie heute

Heute noch lesen also Esoteriker, Astrologen und sogar manche Heilpraktiker in den Händen. Wissenschaftlich ist nichts dran an einer Verbindung der Handform und dem Werdegang beziehungsweise den Eigenschaften eines Menschen. Zwar lässt sich an den Schwielen einer Hand erkennen, ob jemand hart körperlich arbeitet, oder an Dreck unter den Fingernägeln, dass er sich wenig um Körperhygiene kümmert – doch das liegt keineswegs ursächlich an seinen Händen.

Dass Handlinien etwas zu bedeuten hätten, ist ein klassischer Fehlschluss. Jeder Mensch ist ein Individuum, sowohl im Aussehen wie auch in seinen Fähigkeiten und Eigenschaften. Seine Handlinien sind ebenso individuell wie sein Fingerabdruck und sein Charakter. Das bedeutet aber gerade nicht im Umkehrschluss, dass sich aus Fingerabdruck und Handlinien dieser Charakter ableiten ließe.

Warum glauben Menschen Handlesern?

Handlesen funktioniert ähnlich wie Tageshoroskope als Mischung aus Bamum-Statements und Cold Reading. Bamum-Statements bezeichnet Zuschreibungen, die so schwammig sind, dass die Betroffenen ihnen fast immer zustimmen können. Cold Reading ist angewandte Psychologie. Hierbei zeiht der „Handleser“ seine Schlüsse nicht aus den Handlinien, sondern aus bewussten und mehr noch aus unbewussten Signalen seines Gegenübers.

Der Forer-Effekt

Die Wirkung von Chirologie, Astrologie und anderen pseudowissenschaftlichen Methoden lässt sich ausgezeichnet mit dem Forer-Effekt erklären. Der Name leitet sich ab von einem Test, den der Psychologe Bertram Forer 1948 seinen Studierenden gab. Er hatte darin Aussagen aus beliebigen Tageshoroskopen zusammen geschrieben.

Der Text lautete: „Sie brauchen die Zuneigung und Bewunderung anderer, dabei neigen Sie zu Selbstkritik. Zwar hat Ihre Persönlichkeit einige Schwächen, doch können Sie diese im Allgemeinen ausgleichen. Sie haben beträchtliche Fähigkeiten, die brachliegen. Äußerlich diszipliniert und kontrolliert, fühlen Sie sich ängstlich und unsicher. Mitunter zweifeln Sie an der Richtigkeit Ihrer Entscheidungen. Sie bevorzugen ein gewisses Maß an Veränderung und Sie sind unzufrieden, wenn Sie von Verboten und Beschränkungen eingeengt werden. Sie sind stolz auf Ihr unabhängiges Denken und nehmen anderer Leute Aussagen nicht unbewiesen hin. Sie erachten es als unklug, sich anderen zu freimütig zu öffnen. Manchmal verhalten Sie sich extrovertiert, leutselig und aufgeschlossen, manchmal auch introvertiert, skeptisch und zurückhaltend. Ihre Wünsche scheinen mitunter eher unrealistisch. Und? Erkennen Sie sich wieder? Auf einer Skala von null (unzutreffend) bis fünf (perfekt treffend): Wie gut habe ich Sie eingeschätzt?“

Forer behauptete jetzt gegenüber jedem einzelnen Studenten, er habe diese Beschreibung extra für ihn beschrieben. Insgesamt bewerteten die Probanden die Zustimmung mit 4,3. Der willkürliche Text, der mit den individuellen Menschen nicht das geringste zu tun hatte, führte also dazu, dass sich die Individuen darin zu 86 Prozent selbst wieder erkannten. In der Folge wurden diverse ähnlich aufgebaute Tests wiederholt und das Ergebnis war jedes Mal nahezu gleich.

Die Schwielen an den Händen eines Menschen sagen mehr über das Leben eines Menschen aus als die Handlinien. (Bild: ARochau/fotolia.com)

Manche Aussagen stimmen immer

So verhält es sich auch mit der Handlesekunst. Die „Kunst“ besteht darin, jede Aussage so unkonkret zu gestalten, dass der Kunde zustimmen kann. Sagt er zum Beispiel, angelehnt an Forers Text: „Äußerlich diszipliniert und kontrolliert, fühlen Sie sich ängstlich und unsicher, das zeigt die Länge ihrer Mittelfinger”, würden die meisten zustimmen. Denn ein Mensch, der nicht völlig unkontrolliert handelt, wird immer versuchen, sich äußerlich zu disziplinieren, wenn er sich ängstlich fühlt. Die Erfolgsquote von Handlesern könnte sogar noch größer sein als in Forers Text, denn er kann seine „Voraussagen“ auf den Menschen abstimmen, der ihm gegenüber sitzt. Das hat aber nichts mit einer vermeintlichen Bedeutung von „Herz- oder Lebenslinien“ zu tun, sondern ist eine Menschenkenntnis, die ein guter Verkäufer ebenso benötigt wie ein Trickbetrüger.

Der Feature-Positve-Effect

Forers Test wirkt nicht nur durch allgemein gültige Aussagen, sondern auch dadurch, dass er implizit schmeichelt. Das nennt sich Feature-Positive-Effect. „Manchmal verhalten Sie sich extrovertiert, leutselig und aufgeschlossen, manchmal auch introvertiert, skeptisch und zurückhaltend.“ Das deckt nicht nur ein ganzes Spektrum ab, sondern suggeriert dem Gegenüber auch ein in der Situation angemessenes Verhalten. Dem stimmen Menschen lieber zu als wenn jemand sagt „sie benehmen sich wie der letzte Idiot“. Ob es zutrifft oder nicht, spielt dabei kaum eine Rolle.

Der Confirmation Bias

Ein typischer Denkfehler, der Handlesern ihr Handwerk erleichtert, ist der Confirmation-Bias oder auch Bestätigungsfehler. Er bedeutet, dass wir gerne akzeptieren, was unserem Selbstbild entspricht und herausfiltern, was diesem Selbstbild nicht entspricht. So umreißen wir eine Vorstellung von uns selbst, die für uns stimmig ist. Ein Handleser, der eine Kundenschar um sich sammelt, hat jetzt die nötige Menschenkenntnis, um seinen Zuhörern genau das über sie zu sagen, was sie hören wollen. Wenn jemand zum Handleser geht und an diese esoterische Technik glaubt, filtert er außerdem alles heraus, was von den Aussagen de facto nicht der Wirklichkeit entspricht. (Dr. Utz Anhalt)