Lebenskrise – Ursachen, Symptome und Hilfe

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Eine Krise bezeichnet den Höhe- wie Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung – eine schwierige Lage. Im Griechischen bedeutete krisis ursprünglich Entscheidung, später Zuspitzung, und das verweist darauf, dass eine Krise zu Entscheidungen zwingt. Eine Lebenskrise bedeutet folglich, dass eine Situation so schwierig ist, dass sie die eigene Lebensführung in Frage stellt. Hier das wichtigste in Kürze:

  • Eine Lebenskrise ist zum einen die jeweilige Herausforderung in einem bestimmten Lebensalter.
  • Lebenskrisen bezeichnen zweitens elementare Einschnitte, die die Betroffenen zwingen, ihr eigenes Leben neu zu gestalten.
  • Wie sehr eine Lebenskrise einen Menschen belastet, hängt stark von dessen psychischer Stabilität ab.
  • Lebenskrisen schlagen besonders ein, wenn sie einen Bereich betreffen, der diesem speziellen Menschen außerordentlich wichtig ist: Arbeit, Familie, Aussehen, Besitz etc.

Zum Leben gehören Krisen

Ob wir wollen oder nicht – solche Lebenskrisen durchlaufen wir alle. Jeder Mensch ist in bestimmten Lebensabschnitten in einer Krise, in der er Herausforderungen bestehen muss. Im Leben gibt es acht Krisenphasen, die wir nicht umgehen können, da sie sich aus dem biologischen Prozess entwickeln, im Zusammenspiel mit Genen und sozialer Umwelt.

Jeder Mensch durchläuft in seinem Leben verschiedene Krisen. Der Umgang damit und die eigene Psyche bestimmen, wie sehr einen diese Krisen belasten. (Bild: bilderstoeckchen/fotolia.com)

Wenn wir diese Alterskrisen bewältigen, stärkt es unsere (soziale, sexuelle etc.) Identität, und wir können die nächste Lebensphase mit voller Kraft angehen. Doch schaffen wir es nicht, einen überkommenen Lebensabschnitt zu überwinden, dann belasten uns diese Defizite im Leben, das noch kommt: Wir quälen uns dann mit Konflikten, die keine Rolle mehr spielen sollten; Ängste plagen uns, die der Vergangenheit angehören; wir vertrauen weder uns selbst noch unserer Umwelt. Verlustängste und Schuldgefühle kennzeichnen solche nicht verarbeiteten Lebensprozesse.

1.) Das Urvertrauen

Im ersten Lebensjahr bildet sich das Urvertrauen. Der Säugling empfängt Nähe, Geborgenheit und Sicherheit. Gibt die Mutter ihm diese nicht, dann prägen sich Erfahrungen in das Unbewusste ein, die diesem Menschen im späteren Leben zu schaffen machen: Hilflosigkeit, das Gefühl, keinen Einfluss auf die Umwelt zu haben, ungestillter Hunger nach Zuneigung und Anerkennung. Solche Menschen fühlen sich später oft leer und einsam. Sie leiden unter einem diffusen Empfinden, bedroht zu werden – oft entwickeln sie depressive Erkrankungen, suchen sich ständig neue Reize, um dem Gefühl der Leere zu entfliehen. Anderen Menschen gegenüber reagieren sie grundsätzlich mit Misstrauen.

Für diese erste Phase gibt es kein Konzept, wie die Betroffenen selbst diese Krise meistern könnten. Das Baby ist hilflos! Ob es Urvertrauen entwickelt oder Ur-Misstrauen, liegt einzig und allein an den Erwachsenen, die sich um das Kind kümmern (oder eben nicht).

2.) Scham, Schuld und Autonomie

Im zweiten und dritten Lebensjahr probiert das Kind aus. Es beginnt, sich als Ich zu begreifen und lernt, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Die „Trotzphase“ der Dreijährigen lässt sich zusammenfassen als die magische Erfahrung des „Ich will“. Wesentlich für eine gesunde Entwicklung in dieser Phase ist, dass das Kind versteht, seinem Willen folgen zu können, auch wenn dieser nicht dem der Eltern entspricht und trotzdem von diesen Liebe und Geborgenheit zu erfahren. Dann lernt das Kind, dass es nicht immer abhängig von den Eltern ist.

Eltern können diesen Prozess der Selbstwerdung (zer-)stören, wenn sie das Kind für dieses notwendige Ausprobieren des „Ich will“ bestrafen. Dies war in der autoritären Erziehung der Vergangenheit die Regel und maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Nationalsozialismus in Deutschland Fuß fassen konnte. Solche Eltern suggerieren dem Kind, gut zu sein, wenn es nur das tut, was den Eltern gefällt, also zum Beispiel still sein; sie stellen die eigenen Bedürfnisse des Kindes als schmutzig dar und entziehen ihm für das Ausleben der Bedürfnisse die Möglichkeiten oder bestrafen sie mit psychischer wie physischer Gewalt.

Wichtig für die Entwicklung eines Kindes ist, seinen eigenen Willen zu entwickeln und als akzeptiert zu erfahren, und nicht nur dem der Eltern zu entsprechen. (Bild: Alfira/fotolia.com)

Solche Kinder schämen sich für ihre Gefühle, sie empfinden Schuld für ihre Bedürfnisse. Im späteren Leben leiden sie oft unter Zwanghaftigkeit, stehen unter einem Kontrollzwang und wollen perfekt sein – aus Angst, sie könnten etwas falsch machen. Vom vierten bis sechsten Jahr löst das Kind sich langsam von der Mutter und erprobt soziale Rollen außerhalb der Familie aus. Hier prägt sich das Gewissen aus, denn der Mensch kann und muss jetzt selbst das eigene Verhalten einschätzen. Wird das Kind nun bestraft, weil es eigenständig handelt, dann entwickelt es das Schuldgefühl für Autonomie.

Die Folge ist: Der Mensch spaltet Bedürfnisse und Triebe als „schlecht“ ab und strukturiert später sein Leben nach dem Willen anderer. Je härter die Strafen für das eigene Verhalten, umso stärker verdrängt das Kind seine Wünsche, bis sie ihm irgendwann als „Dämonen“ gegenübertreten. In schlimmen Fällen projizieren solche Menschen im späteren Leben ihre eigenen Antriebe auf andere Menschen, sehnen sich insgeheim danach und versuchen zugleich, das in die anderen Projizierte zu zerstören.

3.) Lebenskrise Pubertät

Die Teenagerjahre erscheinen uns zwar im Rückblick oft als goldene Jugend, sind aber zugleich eine der wesentlichen Phasen für Lebenskrisen. Eine Lebenskrise ist die Pubertät immer, denn ein Lebensabschnitt geht vorbei (die Kindheit) und ein neuer ist noch nicht angebrochen (das Erwachsensein). Die Hormone spielen verrückt, bei Jungen wie bei Mädchen; unser Körper verändert sich, und diese Veränderungen verunsichern alle Menschen.

Die biologische Veränderung geht einher mit einer sozialen Veränderung. Wir schließen uns Peer-Groups von Gleichaltrigen an – wir lernen jetzt die Gesellschaft kennen. Wir suchen bewusst wie unbewusst nach unserer Identität und probieren viele Rollen aus. Wir probieren auch verschiedene soziale Gruppen aus. Wir testen unsere Grenzen. Wir erproben, wie die Außenwelt auf uns reagiert.

Im Sinne einer Zuspitzung ist die Pubertät eine Dauerkrise, die uns täglich von neuem zu Entscheidungen zwingt, die wir ebenso schnell revidieren. Noch sind Weichenstellungen nicht notwendig von Dauer. So schnell wie wir uns jetzt umentscheiden, eine neue Clique ansteuern oder unseren Musikgeschmack ändern, so radikal sind wir oft überzeugt von dem, was wir im Hier und Jetzt tun. In der Pubertät sagen unsere Gefühle oft „Ganz oder gar nicht“, und es fällt uns schwer, Widersprüchliches auszuhalten. Wir müssen in dieser Phase Extreme austesten – sonst könnten wir sie später nicht integrieren.

In dieser Zeit der Krise, des Übergangs von einem Zustand, dem der Kindheit, zu einem anderen, dem des Erwachsenseins, kann vieles falsch laufen. Läuft alles gut, dann haben wir uns mit 18, 19 Jahren eine Identität gebastelt, in der Eigenwahrnehmung und die Wahrnehmung durch andere einhergehen. Dadurch haben wir das Gefühl „Ich weiß, wer ich bin“. Eine stabile Konstruktion der eigenen Identität ermöglicht, uns treu bleiben zu können, denn wir wissen ja, was wir treu bleiben.

Eine Gefahr besteht indessen darin, an der Kindheit zu kleben. Nicht nur der sich verändernde Körper, auch die große Welt draußen verunsichern. Überbehütete Kinder mit ängstlichen Eltern fürchten sich jetzt, den Schritt in die Außenwelt zu gehen. Sie meiden zum Beispiel erste sexuelle Kontakte oder spielen heimlich weiter mit ihrem Kinderspielzeug. Sie machen genau die Erfahrungen nicht, die zum Reifen nötig sind. Ihre Welt bleibt klein, ihre Wahrnehmung beengt.

Überbehütete Kinder haben später oft Probleme, neue, eigene Wege zu gehen und hängen an kindlichen Mustern fest. (Bild: pixarno/fotolia.com)

Solche Menschen, die es nicht schaffen, in der Pubertät auf eigenen Füßen zu stehen, klammern sich später starr an Selbstbilder, die Erwachsene ihnen in ihrer Kindheit vermittelten. Gerade, weil sie die Rollen in der Pubertät nicht ausspielten, hassen sie oft im Erwachsenenalter Menschen, die die Freiheiten leben, an die sie sich nicht heranwagten. Oder aber, sie holen die Pubertätserfahrungen im jungen Erwachsenenalter nach und verpassen dann Erfahrungen, die in diesem anderen Lebensabschnitt wichtig wären.

Der ewige Jüngling

Es gibt auch einen Typus, den der Psychologe Carl Gustav Jung als puer aeternuus bezeichnete, als ewigen Jüngling. Dieser schafft zwar den Schritt in die Pubertät, bleibt aber in einem pubertären Verhalten gefangen. Auch mit Mitte 30 besteht sein Leben noch aus Fragmenten. Er spielt weiter das schreckliche Kind, obwohl er längst erwachsen ist. Absprachen sind für ihn nicht bindend, sein Kopf ist voller an sich interessanter Ideen, die er jedoch nicht umsetzt. Sitzt er an einem Thema, springt er gleich zum nächsten.

Dies liegt nicht an mangelnder Intelligenz, sondern daran, dass ihm der „Ernst des Lebens“, also das Erwachsensein Angst macht. Solch ein Mensch scheitert daran, in der Pubertät eine Selbstkonstruktion zu entwickeln, die halbwegs stabil ist. Ohne ein solches Selbstkonzept fehlt ihm auch eine Lebensstruktur.

Wendepunkte

Wenn Krise Wendung bedeutet, dann ist eine Lebenskrise ein Geschehnis, in dem sich unser Leben verändert. Außer den beschriebenen Reifungsprozessen können dies auch andere äußere und innere Erschütterungen sein:

  • Ein geliebter Mensch stirbt.
  • Ihr Partner trennt sich von ihnen, oder sie sich von ihm.
  • Sie erfahren, dass sie an einer schweren Krankheit leiden.
  • Sie haben einen Unfall, nach dem sie ihr Leben neu organisieren müssen.
  • Sie verlieren ihren Arbeitsplatz.
  • Sie haben ihre Ausbildung beendet und finden keine Arbeit.
  • Sie müssen für ihren Job ihr vertrautes Umfeld verlassen.
  • Ihre Arbeit erscheint für sie ohne Sinn.
  • Sie werden am Arbeitsplatz gemobbt.
  • Ihre Kinder, Eltern, Geschwister, etc. haben existentielle Probleme.
  • Sie sitzen in der Schuldenfalle.
  • Sie werden Opfer eines Verbrechens.
  • Sie werden straffällig.
Neben den beschriebenen Krisen während der Reifungsprozesse, können natürlich auch andere, einschneidende Ereignisse zu einer Krise führen. (Bild: fovito/fotolia.com)

Bruch mit der Routine

Eine Lebenskrise erschüttert die Routine. Fast alle Menschen haben Fixpunkte in ihrem Alltag, die so selbstverständlich geworden sind, dass sie diese nicht oder kaum noch reflektieren. In diesem Koordinatensystem fühlen wir uns sicher. Wir kennen es und bewegen uns darin, ohne zusätzliche Energie investieren zu müssen. Das zeigt aber auch, warum bestimmte Lebenskrisen auch eine Chance bieten. Läuft alles glatt, fehlt die Herausforderung, neue Wege auszuprobieren.

Die Krise zwingt uns jedoch dazu, und so können wir Fähigkeiten entwickeln sowie Aspekte von uns selbst kennenlernen, von denen wir zuvor nicht einmal wussten, dass es sie gibt. Generell zeigt sich hier auch ein Umgang mit Krisen: je starrer ein Mensch sich an seine Lebensführung klammert, umso hilfloser wird er sich fühlen, wenn diese Struktur aufbricht.

Wo treffen uns Lebenskrisen?

Jeder Mensch ist unterschiedlich. Wir gehen erstens alle unterschiedlich mit Lebenskrisen um, zweitens treffen uns Lebenskrisen auch stärker oder schwächer, je nachdem, wie wichtig uns dieser Bereich ist. Definiert sich ein Mensch zum Beispiel besonders oder sogar ausschließlich über seine Arbeit, so trifft ihn der Verlust des Arbeitsplatzes mit voller Wucht. Es geht ihm nicht nur darum, rational zu planen, wie er eine andere Arbeitsstelle bekommen könnte, sondern seine gesamte Konstruktion von Identität ist angegriffen. Sein Selbstwert verliert. Zu den Fragen „was kann ich tun“ und „wie geht es weiter“ kommt das Gefühl, minderwertig zu sein oder sogar ein Schuldempfinden, doch nicht alles gegeben zu haben.

Wer hingegen nicht stark an seiner gegenwärtigen Stelle hängt, bei dem wird ein Verlust des Arbeitsplatzes keine existentiellen Ängste auslösen. Er denkt jetzt vielleicht darüber nach, wo er das Geld zum Leben herbekommt, informiert sich nach einer Umschulung und hält generell die Augen offen. Als elementare Bedrohung wird er eine Kündigung nicht empfinden.

Während der Tod des Lebenspartners in hohem Alter für jeden Menschen eine Krise darstellt, wird er zum Beispiel eine Frau besonders treffen, die ihr Leben zuvor auf ihren Gatten eingenordet hatte, nie allein in den Urlaub fuhr, nicht arbeitete und auch keinen eigenen Hobbies nachging. Für sie verschwindet nicht nur der geliebte Partner, sondern der Lebensinhalt.

Auch für einen jungen Erwachsenen, der nach wie vor von dem Geld der Eltern lebt, zum Essen zu seiner Mutter kommt, nie lernte, selbst seine Steuererklärung auszufüllen oder seine Wohnung aufzuräumen, ist der Tod der Mutter eine mehrfache Krise. Ihm fehlt nicht nur emotional die Bezugsperson, sondern er ist jetzt gezwungen, das zu tun, dem er bisher aus dem Weg ging: Er muss sein eigenes Leben organisieren.

Jemand, der nie richtig gelernt hat, auf eigen Füßen zu stehen, leidet stärker unter dem Verlust von Personen, von denen er abhängig war. (Bild: Animaflora PicsStock/fotolia.com)

Symptome für Lebenskrisen

Oft erkennen wir Lebenskrisen erst spät, denn nicht immer sind die Auslöser offensichtlich. Häufig entwickelt sich die Krise schleichend. Wenn wir zum Beispiel aus den falschen Gründen etwas studiert haben, das uns nicht liegt und das wir nicht mögen, stellen sich irgendwann Symptome ein. Nehmen wir an, jemand studiert Medizin, weil die Eltern es wollten. Als braver Sohn tat er immer das, was die Eltern verlangten und langsam wächst das verdrängte Unbehagen, nicht den eigenen Interessen zu folgen.

Gerade solche Menschen haben meist nicht gelernt, sich zu fragen, wie es ihnen geht und auf ihre eigenen Gefühle zu hören. Oft entwickeln sie negative Mechanismen, um ihre Probleme zu bewältigen. Darin zeigen sich dann bisweilen Anzeichen einer Lebenskrise.

Der beschriebene Student raucht jetzt wie ein Schlot, am Wochenende trinkt er sich fast besinnungslos. Er kifft, um einzuschlafen, denn ansonsten leidet er unter Schlafstörungen. Er hat häufig Infekte, ist im Winter dauererkältet, zeigt aber keine greifbaren Krankheiten. Mit anderen Worten: Der Körper zeigt mit den Symptomen die Lebenskrise, die dieser Mensch vor sich selbst verleugnet.

Die Symptome einer Lebenskrise ähneln denen einer Depression und eines Burnout-Syndroms. Sie umfassen innerpsychische Aspekte ebenso wie psychosoziale und psychosomatische. Dazu zählen Antriebslosigkeit, Zukunfts- ebenso wie Verlustängste, ständiges Grübeln über den Sinn des Lebens, das zu keinem Ergebnis führt, Niedergeschlagenheit, Trauer, Gereiztheit, schwankende Stimmungen, negative Gedanken, Unsicherheit, Hoffnungslosigkeit wie Selbstzweifel, aber auch körperliche Symptome wie Atemnot, Herzrasen, Übelkeit, Magenschmerzen, Kopfschmerzen sowie Appetitlosigkeit.

Eine Lebenskrise meistern

Wie gut jemand eine Lebenskrise meistert oder bereits, ob er in eine gerät, hängt stark von der eigenen Widerstandsfähigkeit ab, die wiederum mit der Stärke des Selbstkonzepts zusammenhängt. Menschen mit einer labilen Psyche werfen bereits Geschehnisse aus der Bahn, bei denen seelisch stabilere Menschen vielleicht nur mit den Schultern zucken. Einige Menschen kommen nach einer Lebenserschütterung kaum wieder auf die Beine, andere gehen gestärkt aus ihr hervor.

So banal es sich liest: Oft ist es eine Frage des Willens, ob wir stärker oder schwächer aus einer Krise kommen. Wer gelernt hat, achtsam zu sein, kann besser mit Krisen umgehen als Menschen, die alles um sie herum hinnehmen oder ignorieren. Wer Achtsamkeit entwickelt, der setzt den Fokus nicht allein auf das, was gerade nicht läuft, sondern sieht auch andere, auch schöne Dinge um sich herum. Vereinfacht gesagt: Wenn er seinen Job verloren hat, erfreut er sich trotzdem am Rascheln der Bäume im Wind und genießt die frische Luft auf der Haut bei einem Waldspaziergang. Er sieht die Dinge, die ihm niemand nehmen kann. Oder er denkt an Menschen, denen es in jeder Hinsicht schlechter geht als ihm selbst.

Es hilft oft, den Fokus auf die schönen Dinge um sich herum zu setzen, anstatt über Negatives zu hadern, dass sich ohnehin nicht mehr ändern lässt. (Bild: Grigory Bruev/fotolia.com)

Raus aus dem Tunnel

Ratschläge sind leichter gesagt als umgesetzt, denn wie in einer Depression entwickeln Menschen in einer Lebenskrise einen Tunnelblick. Am besten geht es dem, der sich auf Krisen vorbereitet und deshalb bereits weiß, dass er sich in der Krise auf einen verengten Bereich der Wirklichkeit fokussiert.
Weiß ich das nämlich, dann kann ich von meinen Gefühlen abstrahieren: Ich weiß, dass ich in einer Krise stecke; ich weiß, dass ich jetzt negative Gedanken habe; ich weiß, dass mir derzeit der Antrieb fehlt. Ich kann aber einordnen, dass meine Empfindungen mit der gegenwärtigen Krise zu tun haben und auch vorbei sein werden, wenn die Krise vorbei ist.

Ich kann mich bewusst dazu zwingen, an Dinge aus genau dem Bereich, der die Krise auslöst, zu denken und daran, was ich in der Vergangenheit geschafft habe. Habe ich meinen Job verloren, dann denke ich jetzt an Zeiten, in denen ich erfolgreich war. Die akute Situation rückt so in ein anderes Licht. Sie verliert ihre unmittelbare Bedrohung und wird zu einem Problem, das sich handhaben lässt. Am wichtigsten ist, sich an vergangene Krisen zu erinnern. Denken Sie daran, wie Sie mit 16 Jahren ihre erste Freundin verließ. Daran, wie in ihren Gefühlen die Welt unterging, wie Sie nichts mehr essen und nicht mehr schlafen konnten. Und? Irgendwann ging es ihnen wieder gut.

In einer Lebenskrise kann es sehr helfen, wenn Sie etwas für ihre Gesundheit tun. Unternehmen Sie Spaziergänge in der Natur, wandern Sie, bewegen Sie sich. Kochen Sie mit frischen Zutaten. So einfach sich das anhört, so effektiv kann es sein. Wenn Sie sich draußen bewegen, „bewegt“ sich auch das Gehirn. Synapsen werden aktiviert, die sonst brach liegen, sie kommen auf andere als die trüben Gedanken, die um ihre Krise kreisen.

Nehmen Sie Hilfe an

Eine Krise zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass Sie gefordert sind. Der Unterschied zwischen Herausforderung und Überforderung ist gering. Wenn Sie in der Krise stecken, sind Sie an eine Grenze gelangt: Sie schaffen es kaum, die Schwierigkeiten selbst zu lösen. Vielen Menschen fällt es schwer, dies zuzugeben. Doch dadurch verschlimmern Sie die Krise.

Freunden, Verwandten, Vertrauten ihre Schwäche zu offenbaren, zeigt wahre Stärke und ist ein wichtiger Schritt, mit der Krise umzugehen. Geteiltes Leid ist nicht nur halbes Leid, sie bekommen jetzt auch Input, wie Sie ihre Probleme am besten lösen. Sie bekommen Hilfe. Das kann durchaus auch klinische Hilfe sein – von Ärzten, die auf Lebenskrisen spezialisiert sind.

Zuerst einmal sind ihre Freunde gefragt. Dabei gilt die Regel: Wenn Sie nicht zu denen gehören, die jedes noch so kleine Problem ihrem sozialen Umfeld aufbürden, dann sind in einer Krise Freunde genau die, die ihnen zuhören und ihnen helfen werden, die Krise durchzustehen. Genauer gesagt: Hier zeigt sich, wer wirklich ihre Freunde sind, und das ist in einer Lebenskrise eine wichtige Erkenntnis.

Befinden Sie sich in einer Krise, sind ihre Freunde gefragt. Offenbaren Sie sich ihnen, auch wenn es ihnen schwerfällt. (Bild: Photographee.eu/fotolia.com)

Kann eine Krise auch positiv wirken?

Zugegeben, eine Krise als positiv zu bezeichnen, muss für jemand, der darin steckt, erst einmal wie ein Schlag ins Gesicht wirken. Da Lebenskrisen sich aber nicht vermeiden lassen, sollten wir Sie nutzen, denn sie bieten auch Potenzial, wenn wir bewusst damit umgehen. Krisen können dazu führen, dass wir die wesentlichen Dinge besser zu schätzen lernen: Ich habe meinen Job verloren, aber gelernt, dass ich gute Freunde habe. Ich war in Not und habe jetzt gemerkt, auf wen ich mich wirklich verlassen kann. Wenn ich eine Lebenskrise durchstanden habe, dann habe ich vielleicht gelernt, mich besser anzunehmen als zuvor und auch das zu schätzen, für das ich mich vorher schämte.

Wer eine Lebenskrise hinter sich hat, der stellt oft fest, dass er viel stärker ist als zuvor, selbst wenn Narben bleiben. Und vor allem begreifen wir, dass das Leben weitergeht. Haben Sie aktiv an ihrer Krise gearbeitet? Dann kommt noch ein Selbstvertrauen hinzu, dass ihnen zuvor unbekannt war.

Wenn es nicht mehr weitergeht

Doch bisweilen schlägt die Krise so ein, dass Sie sich in einer akuten Situation nicht helfen können. Sie kommen nicht weiter, ihre psychischen Ressourcen sind aufgebraucht. Sie brauchen Krisenhilfe. Rufen Sie unmittelbar die Telefonseelsorge an, unter der Nummer: 0800-1110111. (Dr. Utz Anhalt)
Fachliche Aufsicht: Barbara Schindewolf-Lensch (Ärztin)