Ohrtunnel – Fakten und Risiken

Der Begriff „Ohrtunnel“ bezeichnet keinen Körperteil, wie zum Beispiel den Gehörgang, sondern ein geweitetes Loch, das im Ohr, genau genommen im Außenohr, gemacht wird, damit ein Piercing aus Edelstahl, Titan oder anderem Material hindurchgesteckt werden kann. Solche Fleischtunnel halten einen Kanal offen, in dem das Piercing vom großen Durchmesser getragen werden kann.


Die wichtigsten Fakten

  • Ohrtunnel sind erweiterte Löcher im Ohrläppchen, durch die Schmuck durchgesteckt wird. Bei vielen Kulturen seit der Steinzeit verbreitet, bieten derartige Schmuckteile auch heutzutage eine Variante der Körperverschönerung, neben Elfenohren, Brandnarben, Tätowierungen, Piercings und Schnittnarben.
  • Ein solcher Fleischtunnel entsteht entweder durch das Dehnen des Lochs, was über lange Zeit, schrittweise, mithilfe immer größerer Stifte erfolgt, oder er wird einmalig von einem Piercer in das Gewebe gestanzt.
  • Das Ohrloch ist mit einigen Risiken verbunden. Zu den Häufigsten gehören dabei Infektionen und Risse. Durch das Loch wird die Außenhaut des Ohrläppchens immer dünner, und je größer der Durchmesser des Schmucks ist, umso schneller reißt die Haut.
  • Ein Ohrloch lässt sich nicht einfach entfernen. Ging die Dehnung zuvor reibungslos vor sich, dann schrumpfen mittelgroße Stichkanäle oft bis zur normalen Ohrlochgröße zurück. Klappt dies nicht, muss ein Arzt die Öffnung vernähen.
  • Es ist eine wichtige Entscheidung, ob man einen Ohrtunnel auf Dauer haben möchte. Wer sich dazu entscheidet sollte strengstens auf Hygiene achten und die Konsequenzen bedenken.
Ein Ohrtunnel-Piercing ist eine Modeerscheinung mit Risiken und Nebenwirkungen. (Bild: anetlanda/fotolia.com)

Das Ohrloch dehnen

Ein „flesh tunnel“, wie er im Englischen heißt, ist eine langwierige Geschichte. Am Anfang steht ein normales Ohrloch für einen Ohrring. Das Ohrläppchen besteht aus Weichteilen wie Haut, Fett und Bindegewebe und lässt sich dehnen. Dieses Dehnen erfolgt in kleinen Schritten. In ein normales Ohrloch wird ein Dehnungsstab, der meistens aus Titan besteht, gesteckt und durch das Loch gedrückt. Die Prozedur verläuft nicht ohne Schmerzen. Pro Monat kann man so den Durchmesser des Lochs um circa einen Zentimeter vergrößern, bis er um die sechs Zentimeter beträgt.
Bei noch stärkerer Dehnung dünnt sich die Außenhaut des Ohres stark aus. Wenn die Durchblutung erschwert ist, kann das Gewebe sogar absterben. Nichtsdestotrotz tragen einige Völker im Nordosten Afrikas traditionell bis zu 15 Zentimeter große Fleischtunnel an den Ohren. Außerdem kann das Ohrläppchen reißen. Bei Frauen kann sich das Bindegewebe der Ohrläppchen meist besser dehnen.

Was tun, wenn es reißt?

Wenn Sie das Loch nicht in das Zentrum des Ohrläppchens setzten, besteht die Gefahr, dass das Ohrläppchen reißt. Bei einem normalen Ohrloch wäre das ein kleines Problem und die Wunde würde, sofern sie sich nicht entzündet, von selbst wieder verheilen. Ein Fleischtunnel ist für ein Zuwachsen ohne ärztliche Hilfe jedoch zu groß. Das Zuwachsen wird durch das starke Narbengewebe verhindert und die Enden können ohne Verbindung nicht zusammen wachsen.

Extremer Ohrenschmuck ist ein Element vieler Kulturen, so auch hier bei einer Massai Frau. (Bild: erichon/fotolia.com)

Pflöcke, Dornen und Ringe – Geschichte der Ohrtunnel

Nach den Modewellen der Ohrringe, Piercings, Tätowierungen, Brandings und Cuttings scheinen in Deutschland nur noch Ohrtunnel als außergewöhnlich zu gelten. Die Tatsache, dass Fleischtunnel bereits seit der Steinzeit beliebt sind, ist vielfach in Vergessenheit geraten.

Ötzi, die am besten erhaltene, 1991 in Tirol gefundene Leiche aus der Jungsteinzeit, hatte sich vor 5000 Jahren seine Ohrläppchen ebenso gedehnt wie später die alten Ägypter. Bei Ethnien in Afrika sind Scheiben und Pflöcke in Ohrlöchern, Ober- und Unterlippen verbreitet, ebenso bei Kulturen aus dem Amazonasgebiet, in Süd- sowie Mittelamerika und Indien. Die Dayak in Borneo hängten sich besonders schwere Ringe in ihre Ohren und dehnten so die Löcher aus – die Ohrläppchen zogen sich nach unten.

Dehnen selbst gemacht

Ein Ohrloch selbst und ohne fachliche Betreuung zu dehnen, kann nicht empfohlen werden. Da dies aber weiterhin viele Menschen tun werden, hier die wichtigsten Regeln, um böse Folgen zu verhindern.

Am Anfang steht ein sogenanntes Lobe-Piercing im Ohrläppchen. Gedehnt wird es erst, wenn es völlig abgeheilt ist, und dann wiederum im Abstand von mehreren Wochen. Diese Geduld ist zwingend notwendig, sonst lockert sich das Gewebe nicht, sondern es reißt. Infektionen und hässliche Narben könnten die Folge sein. In Piercingstudios gibt es Dehnungsstifte in passender Größe von einem bis acht Millimeter. Sie sind aus Edelstahl oder Acryl und fünf bis zehn Zentimeter lang. Sie bestreichen den Stift mit Gleitgel und führen ihn in den Stichkanal ein. Den Schmuck setzten sie jetzt mit dem größeren Durchmesser an der Hohlstelle am Stift an und schieben ihn in den Kanal. Wenn Sie einen solchen Stift verwenden, müssen Sie streng auf Hygiene achten.

„Heimpiercer“ nutzen öfter auch alle möglichen Stäbchen, Streichhölzer, Dornen und Stifte, um die Ohrlöcher zu weiten. Lassen Sie das bitte sein! Sie erhöhen so die Gefahr, dass die Wunde infiziert wird. Auch einfach größeren Schmuck in das Loch zu schieben, ist riskant. Hier kommt es regelmäßig zu Rissen, Blutungen oder Entzündungen.

Unterm Skalpell

Kurz und schmerzhaft: Das gilt für die Methode, bei der durch einem Schnitt mit dem Skalpell ein Stichkanal geweitet oder die Haut geöffnet wird. So bekommt man schnell einen großen Durchmesser. Den Ohrschnitt bevorzugen Menschen, die sich gleich sehr große Schmuckstücke einfügen oder ein größeres Piercing versetzen möchten. Da dabei eine größere offene Wunde entsteht, ist das Risiko einer Infektion größer als beim Dehnen „step by step“.

Die Dehnung eines Ohrtunnels erfolgt in mehreren Etappen. (Bild: bsd555/fotolia.com)

Dermal Punch

Diese Ruckzuck-Methode erspart das Warten. Der Piercer stanzt hier auf einmal ein größeres Loch ins Ohrläppchen. Die Wunde heilt schneller, als bei normal gestochenen Piercings, allerdings lassen sich so nur mittelgroße Fleischtunnel erzielen.

Infektionen und Gestank vermeiden

Sie sollten den Stichkanal und den Schmuck selbst regelmäßig reinigen. Zum einen beugen Sie damit Infektionen vor, zum anderen stinken geweitete Ohrlöcher, wenn sie nicht gesäubert werden. Im Fleischtunnel lagern sich Talg, Schweiß und Hautreste ab. Das erzeugt zusammen eine übel riechende Mischung.

Risiken

Das Bindegewebe im Ohrläppchen lässt sich zwar dehnen, aber nicht unendlich. Die Haut wird dünn und reißt schnell ein. Je dünner die Haut, umso empfänglicher ist sie für Krankheitserreger. Dabei ist die gefährlichste Zeit die des Dehnens selbst, denn hier reiben Sie immer wieder an einer frisch verheilten Wunde.

Wie entferne ich einen Ohrtunnel?

Um einen abgeheilten Stichkanal zu entfernen, ist eine Operation unabdingbar. Ist das Loch sehr groß, muss chirurgisch sogar die Haut transplantiert werden. Die stammt meist aus der Halsgrube und wird mit Fett aus dem Bauch unterfüttert.

Das Loch schrumpfen lassen

Sie können aber auch erst einmal probieren, die Löcher zu verkleinern, indem Sie im Gegensatz zum Dehnen, immer kleinere Stecker oder Ringe einsetzen. Wahrscheinlich schrumpfen die Ohrlöcher wieder. Das funktioniert nicht immer und ist davon abhängig, wie sorgfältig sie das Loch zuvor vergrößert haben. Sind Sie damals zu grob vogegangen, dann vernarbt das Gewebe und diese Narben schrumpfen schlecht oder gar nicht. Große Fleischtunnel wachsen von allein so gut wie nie vollständig zu. Bei Ohrlöchern von unter acht Millimetern ist die Chance hingegen hoch, dass sie auf das Format normaler Ohrringkanäle schrumpfen.

Ohrenkorrektur

Schrumpft das Loch nicht auf die gewollte Größe zurück, dann hilft eine Operation, die großes chirurgisches Können erfordert. Zuerst wird geprüft, wie viel Gewebe vorhanden ist, dann wird die Epithelschicht unter dem Ring (also bis zu zwei Millimetern Oberhaut) entfernt. Die untere Seite des Ohrläppchens wird zu einem „Keil“ geformt und das obere Gewebe darum verteilt. Dann näht man die Wunde mit hauchdünnen Fäden außen und innen zu. Es bleibt eine strichfeine Narbe. Nach der Operation müssen die Patienten circa 14 Tage einen Pflasterverband tragen.

Ohrtunnel-Schmuck aus Metall gibt es in verschiedenen Farben. (Bild: deserttrends/fotolia.com)

Zahlt die Krankenkasse?

Eine solche Operation erfordert örtliche Betäubung und wenn der Patient es wünscht, auch eine Vollnarkose. Sie dauert bis zu 30 Minuten und kostet bis zu 1300 €, je nachdem, wie schwierig die Rekonstruktion des Ohrläppchens ist. Die Krankenkassen zahlen eine solche Operation in der Regel nicht, denn seit 2007 gilt, dass sie nicht zahlen müssen, wenn der Kunde einen „unnötigen Eingriff“ vollziehen lassen hat. Und ein erweitertes Ohrloch ist, so schön es die Betroffenen seinerzeit fanden, ein unnötiger Eingriff.

Besser ist es also, Sie denken, wenn Sie sich in jungen Jahren ihren Stichkanal dehnen möchten, vorher darüber nach, ob Sie damit nach ihrer Schule oder ihrem Studium ein Arbeitgeber in ihrem Beruf anstellt und welche Schwierigkeiten es sonst noch geben könnte.

Was sagen die Ärzte?

Der Berufsverband der Deutschen Dermatologen für plastische und ästhetische Dermatochirurgie gibt zu bedenken, dass eine einmal überdehnte Haut nicht in ihre alte Form zurückkommt. Wer also beabsichtigt, sich so einem Eingriff unterzuziehen, sollte es sich sehr genau überlegen. (Dr. Utz Anhalt)