Antidepressivum als neuartige Therapie gegen Blutkrebs

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Leukämie: Psychiatrisches Medikament gegen Blutkrebs

Die Akute Myeloische Leukämie (AML) zählt zu den häufigsten Blutkrebserkrankungen hierzulande. Die Heilungschancen haben sich zwar in den letzten Jahren deutlich verbessert, doch Resistenzen bleiben bei dieser Form von Blutkrebs ein drängendes Problem. Ein Antidepressivum könnte hier weiterhelfen, wie deutsche Forscher herausgefunden haben.


Männer sind etwas öfter betroffen

Dem „Kompetenznetz Leukämie“ zufolge ist die Akute Myeloische Leukämie (AML) „mit jährlich 3,5 Neudiagnosen pro 100.000 Einwohnern eine seltene Erkrankung, aber die häufigste Form akuter Leukämien in Deutschland. Männer sind etwas öfter betroffen als Frauen.“ Neben der Chemotherapie wird bei AML häufig zusätzlich eine Stammzell- und Knochenmarktransplantation durchgeführt. Forscher aus Frankfurt berichten nun, dass auch ein psychiatrisches Medikament gegen diesen Krebs eingesetzt werden könnte.

Die Akute Myeloische Leukämie (AML) ist vor allem eine Erkrankung von älteren Patienten. Forscher haben nun herausgefunden, dass ein Antidepressivum bei der Behandlung dieser Blutkrebserkrankung helfen könnte. (Bild: psdesign1/fotolia.com)

Erkrankung führt unbehandelt innerhalb weniger Wochen zum Tode

Von dieser, durch bösartige, genetische Veränderungen im Knochenmark ausgelösten Krankheit betroffen sind vor allem ältere Patienten – die Hälfte der Erkrankten ist über 70 Jahre alt.

Bei Betroffenen treten oft innerhalb kurzer Zeit Symptome wie starke Blässe, Müdigkeit, Unwohlsein, eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen sowie für Blutungen, Fieber, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit und Schwindel auf.

Manche Patienten haben jedoch kaum Beschwerden und die Leukämie wird nur per Zufallsdiagnose entdeckt.

Aber: „AML ist eine schwere Erkrankung, die unbehandelt innerhalb weniger Wochen zum Tode führt“, schreibt das „Kompetenznetz Leukämie“.

„Deshalb ist es außerordentlich wichtig, dass nach der Diagnose umgehend mit einer Therapie begonnen wird. Der wichtigste Bestandteil der Behandlung ist die Chemotherapie mit einer begleitenden Therapie zur Behandlung der Nebenwirkungen“, so die Experten weiter.

In manchen Fällen kann eine Knochenmarktransplantation dazu kommen. Die Strahlentherapie spielt bei der AML eine untergeordnete Rolle.

Es wird aber weiterhin an Therapiemöglichkeiten für Blutkrebs geforscht. So berichteten US-amerikanische Forscher, dass hochdosierte Vitamin-C-Infusionen gegen Leukämie helfen könnten. Und andere Wissenschaftler aus den USA entwickelten eine neue Immuntherapie gegen Blutkrebs.

Nun haben auch deutschen Experten neue Erkenntnisse zur Behandlung dieser Krebsart gewonnen.

Resistenzen bleiben ein drängendes Problem

Trotz verbesserter Therapien bleiben Resistenzen bei der Akuten Myeloischen Leukämie (AML) ein drängendes Problem, so dass neue Medikamente dringend benötigt werden.

Wie in einer Mitteilung des Universitätsklinikums Frankfurt berichtet wird, kommt es bei den Betroffenen zu einer gesteigerten Vermehrung von unreifen Zellen im Knochenmark, die nicht mehr zu normalen Blutzellen ausreifen können.

Ein zentrales Ziel der Krebsforscher ist daher, Leukämiezellen wieder ausreifen zu lassen und so die Erkrankung zu heilen. Bei der Ausreifung von Blutzellen spielen auch sogenannte epigenetische Faktoren wie das Enzym Lysin-spezifische Demethylase 1 (LSD1) eine wichtige Rolle.

LSD1 beeinflusst die Verpackung der DNA und verändert damit das Ablesen entscheidender Gene. Seit einigen Jahren ist bekannt, dass LSD1-Hemmer die Ausreifung von Leukämiezellen herbeiführen können, insbesondere wenn man die Behandlung mit dem Vitamin-A-Abkömmling ATRA kombiniert.

Warum diese Therapie nur bei bestimmten Formen der AML anschlägt, blieb jedoch lange unklar.

Positive Ergebnisse mit Antidepressivum

Einem Team um Dr. Tobias Berg vom Universitätsklinikum Frankfurt ist nun zusammen mit Kollegen des Universitätsklinikums Freiburg ein großer Erfolg bei der Aufklärung der Wirkung von LSD1-Hemmern gelungen.

In der Arbeit, die im Fachmagazin „Leukemia“ veröffentlicht wurde, zeigten die Forscher, dass die Blockade des Regulators LSD1 mit Medikamenten die Aktivität bestimmter genregulatorischer Faktoren steigert, die für die Ausreifung der Zellen wichtig sind.

Leukämiezellen von Mäusen reiften durch die Behandlung wieder zu Zellen heran, welche normalen Blutzellen ähneln. Außerdem entdeckte das Forscherteam, dass nur bestimmte LSD1-Hemmer diesen Effekt haben:

Die beste Wirkung beobachteten die Wissenschaftler mit chemischen Abkömmlingen von Tranylcypromin (TCP). TCP selbst ist dabei schon als psychiatrische Behandlung gegen Depressionen zugelassen und blockiert auch LSD1.

Wirksamkeit des Medikamentes beim Menschen wird untersucht

Ob das Medikament auch bei AML-Patienten wirksam und gut verträglich ist, wird im Rahmen der TRANSATRA-Studie untersucht.

„Die neuen Erkenntnisse unserer aktuellen Arbeit sind für die klinische Entwicklung sehr wertvoll und werden jetzt in die klinische Studie TRANSATRA einfließen. So werden wir hoffentlich in Zukunft vorhersagen können, welche Patienten auf die Therapie ansprechen“, so Dr. Tobias Berg.

Der Ansatz der TRANSATRA-Studie besteht darin, den LSD1-Inhibitor TCP mit ATRA und einer niedrig-dosierten Chemotherapie zu kombinieren.

Inzwischen konnte die Phase I beendet werden. Nun werden weitere Teilnehmer gesucht, um die Wirksamkeit des Medikamentes beim Menschen zu prüfen. (ad)