Rheumatoide Arthritis: Neue Behandlungsrichtlinien fordern Vermeidung von Kortison

Gezielte Behandlung anstelle langfristiger Kortisontherapie

Die rheumatoide Arthritis geht oft mit der Zerstörung der betroffenen Gelenke einher. Um dies zu verhindern ist eine frühzeitige und gezielte Therapie notwendig. Die kürzlich erschienene aktuelle Leitlinie zur Behandlung der schmerzhaften Krankheit gibt Ärzten und Betroffenen einen Überblick über die Therapiemöglichkeiten und Behandlungstrends. Unter anderem soll eine gezielte und früh einsetzende Versorgung die langfristige Kortison-Einnahme verhindern.


Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) war maßgeblich an der Entwicklung der S2e-Leitlinie „Behandlung der rheumatoiden Arthritis mit krankheitsmodifizierenden Medikamenten (DMARDs)“ beteiligt. Die Leitlinie wurde kostenlos in der „Zeitschrift für Rheumatologie“ online zur Verfügung gestellt.

Bei der rheumatoiden Arthritis werden die Gelenke zunehmend verformt und bei schweren Krankheitsverläufen völlig zerstört. Neue Behandlungsansätze ohne Kortison sollen bessere Therapieerfolge erzielen, die bis zur völligen Beschwerdefreiheit reichen können. (Bild hriana/fotolia.com)

Über eine halbe Millionen Betroffene in Deutschland

Nach Angaben der DGRh leiden rund 550.000 Erwachsene in Deutschland unter einer rheumatoiden Arthritis (auch chronische Polyarthritis genannt). Die chronische Gelenkentzündung ist somit die am weitesten verbreitete entzündlich-rheumatische Erkrankung. Sie äußert sich durch schubweises Auftreten und führt bei den Betroffenen zunehmend zu Gelenkverformungen, die bis zur kompletten Zerstörung reichen können.

Krankheitsmodifizierende Medikamente statt Kortison

Die neue Leitlinie setzt auf eine früh einsetzende Therapie mit sogenannten „Disease-modifying anti-rheumatic drugs“ (DMARDs), also krankheitsmodifizierenden Medikamenten, statt auf das früher häufig verwendete Kortison. Laut DGRh können diese DMARDs den Krankheitsverlauf verlangsamen und eine Zerstörung der Gelenke verhindern.

Arzt und Patient müssen Hand in Hand arbeiten

„Dies gelingt aber nur, wenn die Patienten regelmäßig untersucht werden und bei einer fehlenden Verbesserung ein frühzeitiger Wechsel des DMARDs erfolgt“, berichtet Professor Dr. med. Christoph Fiehn vom Medical Center Baden-Baden und Erstautor der Leitlinie in einer Pressemitteilung. Das Ziel der Behandlung bleibe dabei das Erreichen einer Remission, also das völlige Verschwinden der Krankheitsaktivität. Ist dies nicht möglich, so werde die nächstmöglich niedrigste Krankheitsaktivität angestrebt.

Jeder zweite Patient wird noch mit hochdosiertem Kortison behandelt

Die zielgenaue Behandlung mit DMARDs hat sich nach Angaben der DGRh noch nicht flächendeckend durchgesetzt. Aus aktuellen Daten gehe hervor, dass ein Drittel der Patienten mit rheumatoider Arthritis nach zwei Jahren immer noch eine mittelmäßige bis starke Krankheitsaktivität aufweisen. Bei dieser Gruppe werde jeder zweite mit hochdosiertem Kortison behandelt. „Diese Patienten haben ein erhöhtes Risiko auf Infektionen, Herzkrankheiten und Osteoporose“, erläutert Fiehn die Nebenwirkungen von Kortison.

Jede Menge Alternativen vorhanden

Den Experten zufolge gibt es jede Menge Alternativen zur Kortison-Behandlung. So seien beispielsweise zu den konventionellen synthetischen DMARD-Medikamenten wie Methotrexat (MTX) und den biologischen DMARD in den letzten Jahren weitere zwei gezielte synthetische DMARDs mit den Wirkstoffen Baricitinib und Tofacitinib, hinzugekommen, die gegen die ständigen Gelenkschmerzen helfen können.

Sind hohe Medikamentenpreise der Grund des Zögerns?

„Ein Grund für den seltenen Einsatz sind vermutlich die hohen Preise für diese Medikamente“, so Professor Fiehn. In der neuen Leitlinie wird auf dieses Problem eingegangen. Die Experten schlagen vor, eine Behandlung mit Methotrexat (MTX) zu beginnen. Laut dem Professor gelingt bei vielen Patienten allein mit diesem Medikament eine erfolgreiche Behandlung. Wenn MTX nicht vertragen werde, könnten Ärzte zunächst günstige, synthetische DMARDs wie Leflunomid oder Sulfasalazin verschreiben.

Frühzeitige Kontrollen der Wiksamkeit

Ein wichtiger Aspekt, auf den die Leitlinie hinweist, ist die frühzeitige Kontrolle der Wirksamkeit der Erstbehandlung. Erste Kontrolltermine sollten bereits nach sechs Wochen stattfinden. Derzeit werden erste Termine erst nach zwölf Wochen angesetzt. „Nach sechs Wochen sollten die Verträglichkeit und die Adhärenz, also die Therapietreue des Patienten, und auch die Richtigkeit der Dosierung kontrolliert werden“, ergänzt Professor Dr. med Hanns-Martin Lorenz, Präsident der DGRh und Leiter der Sektion Rheumatologie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Viele Einwirkungsmöglichkeiten

Durch die regelmäßigen Kontrollen können die Ärzte gezielter auf die Patienten einwirken und entsprechend reagieren. „Je nach Ansprechen und Prognosefaktoren könne der Arzt dann ein anderes DMARD verordnen, zwei konventionelle Präparate kombinieren oder aber eine Behandlung mit den biologischen oder gezielt synthetischen DMARD beginnen“, schlagen die Experten vor.

Es kann eine völlige Beschwerdefreiheit erreicht werden

Die Experten unterstreichen, dass durch die Vorgehensweisen der neuen Leitlinie bei manchen Patienten eine dauerhafte Beschwerdefreiheit erreicht werden kann. Bei solchen Patienten können die Medikament sogar gesenkt werden. Das sei aber nur möglich, wenn die Patienten kein Kortison mehr einnehmen und seit sechs Monaten beschwerdefrei sind. (vb)