Bei Schmerzen, Depressionen und Fettsucht: Neuartige Heilmittel gegen alle drei Leiden

Deutsche Biochemiker entwickeln neuen Ansatz gegen Volksleiden

Ein Forscherteam der TU Darmstadt arbeitet derzeit an Wirkstoffen, die gegen die weit verbreiteten Volksleiden Depressionen, chronische Schmerzen und Fettleibigkeit eingesetzt werden sollen. Hier die wichtigsten Forschungsergebnisse in Kürze:

  • Ein bestimmtes Protein steht im Zusammenhang mit chronischen Schmerzen, Fettleibigkeit und Depressionen.
  • Die Hemmung des Proteins führte in Tierversuchen zur Krankheitslinderung.
  • Der Wirkstoff könnte Millionen von Menschen helfen.
  • Versuche an Menschen stehen noch aus.

Die Wissenschaftler unter der Leitung von Felix Hausch, Professor für Strukturbasierte Wirkstoffforschung an der TU Darmstadt, entdecken einen biochemischen Zusammenhang zwischen chronischen Schmerzen, Fettleibigkeit und Depression. Es handelt sich dabei um ein Protein namens FKBP5, das im Energiestoffwechsel sowie bei Depressionen und chronischen Schmerzen eine Schlüsselrolle spielt. Die Wissenschaftler arbeiten an einen Wirkstoff, der dieses Eiweißmolekül blockiert und so die Leiden der genannten Beschwerden reduziert. Die Studienergebnisse wurden kürzlich im „National Center for Biotechnology Information“ (NCBI) publiziert.

Neuer Wirkstoff gibt Hoffnung auf effektive Medikamente gegen Depressionen, Fettleibigkeit und chronische Schmerzen. (Bild: Photographee.eu/fotolia.com)

Neuer Wirkstoff könnte Millionen von Menschen helfen

Die neuen Wirkstoffe könnten ein großer Durchbruch in der Bekämpfung der Krankheiten darstellen und sehr vielen Menschen helfen. Denn in Deutschland sind rund vier Millionen Menschen von Depressionen betroffen, laut der Deutschen Schmerzgesellschaft leiden 16 Millionen Personen unter chronischen Schmerzen und durchschnittlich jeder sechste Deutsche ist von Fettleibigkeit (Adipositas) betroffen.

Angriffspunkt für Medikamente

Felix Hausch möchte das Protein FKBP51 als Angriffspunkt für Medikamente nutzen. „Blockiert man FKBP51, müsste die Neigung zu Depressionen, Fettleibigkeit sowie chronischen Schmerzen abnehmen“, erläutert Hausch. Der bereits zugelassenen Pharmawirkstoff Tacrolimus soll als Ausgangspunkt für die Entwicklung der Hemmstoffe dienen. Tacrolimus ist eine Substanz, die aus Bakterien gewonnen wird und von der bereits bekannt ist, dass sie unter anderem das Protein FKBP51 bindet.

Modifizierung der Wirkstoffe

Die Wissenschaftler modifizierten die Substanz Tacrolimus chemisch so, dass das Protein noch besser gehemmt wird. Zusätzlich sorgten die Forscher durch die Änderung dafür, dass ausschließlich das Protein FKBP51 blockiert wird und nicht ähnliche Eiweißmoleküle.

Zwei verschiedene Wirkstoffvarianten in der Produktion

Derzeit arbeiten die Wissenschaftler mit zwei verschiedenen Varianten des Wirkstoffs. Ein Wirkstoff soll darauf abzielen, dass die Blut-Hirn-Schranke überwunden werden kann und somit wirksam gegen Depressionen und chronische Schmerzen sein kann. Die andere Variante soll nicht in das Gehirn gelangen und auf den Einsatz gegen Fettleibigkeit optimiert werden.

Die ersten Testreihen zeigen positive Ergebnisse

Die ersten Testreihen an Mäusen lieferten vielversprechende Ergebnisse und zeigten bislang keine Nebenwirkungen. Bei manchen Mäusen schalteten die Forscher die Proteinproduktion von FKBP51 komplett aus. Selbst diesen Mäusen gehe es erstaunlich gut, berichten die Forscher. „Sie leben ähnlich lange, bewegen sich gleich und fressen genauso viel wie ihre nicht manipulierten Artgenossen“, heißt es in der Pressemitteilung der TU Darmstadt zu den Studienergebnissen.

Chronische Schmerzen gezielt ausschalten

Laut Hausch gelang es den Wissenschaftlern in den Tierversuchen, gezielt die chronischen Schmerzen durch FKBP51 zu hemmen. Das normale akute Schmerzempfinden sei nicht beeinträchtigt. „Das ist ganz wichtig, denn sonst verbrennt man sich zum Beispiel die Hand auf der heißen Herdplatte“, fügt Hausch hinzu.

Wann kommt es zur Marktreife?

Die bisherigen Ergebnisse sind zwar vielversprechend, doch die Wirkstoffentwicklung ist laut den Forschern noch lange nicht abgeschlossen. „Ein paar Moleküleigenschaften müssen wir noch verbessern“, so Hausch. Es werde wohl noch eine Weile dauern, bis die Substanz markttauglich sei, zumal der Entwicklungsaufwand jetzt exponentiell wachse. Dazu gehören unter anderen klinische Tests an tausenden Versuchspersonen, die ein Voraussetzung für jede Medikamentzulassung darstellen. (vb)