Bessere Selbstkontrolle: Neue Therapie gegen die häufigste Essstörung

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Binge-Eating-Störung: Neuer Therapieansatz gegen Essanfälle

Gesundheitsexperten zufolge stellt die Binge Eating-Störung die häufigste Essstörung in der Allgemeinbevölkerung dar. Betroffenen haben eine deutlich verminderte Kontrolle über ihr Essverhalten. Nun gibt es einen neuen Therapieansatz gegen die Essanfälle.


Anstieg der Essstörungen

Laut Gesundheitsexperten leiden immer mehr Menschen an Essstörungen. Vor allem Anorexia nervosa (Magersucht) und Bulimie (Bulimia nervosa; Ess-Brechsucht) haben stark zugenommen. Doch auch die sogenannte „Binge-Eating-Störung“ ist auf dem Vormarsch. Bei dieser kommt es zu periodischen Heißhungerattacken mit Verlust der bewussten Kontrolle über das Essverhalten. Im Gegensatz zur Bulimie werden anschließend keine Gegenmaßnahmen unternommen, so dass längerfristig meist Übergewicht die Folge ist. Experten berichten nun über einen neuen Therapieansatz gegen die Essanfälle.

Die Binge Eating-Störung ist die häufigste Essstörung in der Allgemeinbevölkerung. Experten berichten nun über einen neuen Therapieansatz gegen die Essanfälle. (Bild: JenkoAtaman/fotolia.com)

Bessere Selbstkontrolle

Wie das Universitätsklinikum Tübingen in einer Mitteilung erklärt, leiden Menschen mit der Essstörung Binge Eating unter Essanfällen und haben eine deutlich verminderte Kontrolle über ihr Essverhalten.

Am Universitätsklinikum Tübingen haben nun Ärzte und Wissenschaftler zwei Gruppen mit Betroffenen parallel untersucht.

Die Teilnehmer der einen Gruppe trainierten unter psychologischer Leitung gezielt ihre Selbstbeherrschung beim Essen. Die Probanden der Kontrollgruppe nahmen nicht an diesem speziellen Übungsprogramm teil.

Die Vergleichsstudie IMPULS, die in der Fachzeitschrift „Psychotherapy and Psychosomatics“ veröffentlicht wurde, zeigte deutlich, dass das Training auch drei Monate später noch zur besseren Selbstkontrolle in Bezug auf die Essanfälle führte.

Häufigste Essstörung in der Allgemeinbevölkerung

Die Binge Eating-Störung ist eine Essstörung, die erst seit wenigen Jahren als offizielle Diagnose gestellt werden kann, gleichzeitig aber die häufigste Essstörung in der Allgemeinbevölkerung darstellt.

Betroffene leiden unter regelmäßigen Essanfällen und in Folge oft unter Übergewicht und Adipositas.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die weltweite Zunahme der Adipositasprävalenz als eines der vordringlichen Gesundheitsprobleme identifiziert.

Essverhalten steuern

In der Therapiestudie an der Tübinger Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie unter Leitung von Dr. Kathrin Schag wurden Personen mit der Binge Eating-Störung behandelt.

Dabei wurden in acht 90-minütigen Sitzungen zum einen die Selbstkontrollfähigkeiten gestärkt, zum anderen übten die Studienteilnehmer in sogenannten Expositionssitzungen, sich besonders schmackhafte Nahrungsmittel vorzusetzen, gleichzeitig aber dem Drang zu essen zu widerstehen.

Die Teilnehmer durften dabei die Nahrungsmittel und Gerichte mitbringen, die bei ihnen am ehesten ein unkontrolliertes Essverhalten auslösen.

Unter psychologischer Anleitung konfrontierten sich die Teilnehmer mit dem Verlangen zu essen und lernten, dieses zu beherrschen.

Wie es in der Mitteilung heißt, führte diese Erfahrung, das Essverhalten steuern zu können und zu erleben, wie sich das Verlangen während der Gruppensitzung verminderte, zu einem Erfolgserlebnis und der Erkenntnis „Ich kann das“.

Laut den Experten weisen die Ergebnisse darauf hin, dass die psychotherapeutische Behandlung von Impulsivität als zugrunde liegende Ursache von Essanfällen vielversprechend ist und das Leiden einer großen Personengruppe lindern kann.

Betroffene mit Binge Eating-Störung profitieren demnach von einem ambulanten Gruppenprogramm, das speziell auf impulsives Verhalten fokussiert.

Wichtiger Baustein zur Behandlung

Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, in der die Probanden nicht an dem speziellen Gruppenprogramm teilnahmen, zeigte sich, dass zunächst beide Gruppen ihre Essanfälle und weitere Essstörungssymptome reduzieren konnten.

Diese Effekte hielten aber bei der Behandlungsgruppe länger, d.h. über drei Monate an und verstärkten sich weiter, während die Kontrollgruppe bzgl. der Essanfälle wieder auf das Ausgangsniveau zurückging.

Die vorläufige Verbesserung in der Kontrollgruppe wurde dahingehend interpretiert, dass das wöchentliche Ausfüllen von Selbstbeobachtungsprotokollen, ein klassisch verhaltenstherapeutisches Instrument, zu einer erhöhten Selbstachtsamkeit führte, die nach der Behandlungszeit aber schnell wieder zurückging.

Laut den Experten geben die Ergebnisse der IMPULS-Studie somit Hoffnung, in der Behandlung von Essstörungen und Adipositas einen wichtigen Therapiebaustein gefunden zu haben. (ad)

Autor:
Alfred Domke
Quellen:
  • Neuer Therapieansatz gegen Essanfälle
  • IMPULS: Impulsivity-Focused Group Intervention to Reduce Binge Eating Episodes in Patients with Binge Eating Disorder – A Randomised Controlled Trial