Chronische Darmerkrankungen – Durchlässige Blutgefäße die Ursache?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Quellen ansehen

Blutgefäße an chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen beteiligt

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (zum Beispiel Morbus Crohn) sind bisher nur unzureichend verstanden, obwohl allein in Deutschland rund 400.000 Menschen an einer solchen Erkrankung leiden. Wie diese Erkrankungen entstehen, bleibt weitgehend unklar. In einer aktuellen Studie konnten Forschende nun zeigen, dass die Blutgefäße – beziehungsweise zu durchlässige Blutgefäße – hier eine wesentliche Rolle spielen.


Das Forschungsteam um Studienleiter Professor Dr. Michael Stürzl vom Universitätsklinikum Erlangen konnte in seinen Untersuchungen nachweisen, dass Fehlsteuerungen in den Blutgefäßen wesentliche an der Entstehung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen beteiligt sind. Zudem stellten die Forschenden fest, dass bei einer Behebung der Fehlsteuerung der Krankheitsverlauf deutlich verbessert werden kann. Veröffentlicht wurden die Studienergebnisse in dem Fachmagazin „Journal of Clinical Investigation“.

Fehlsteuerungen der Blutgefäße spielen laut einer aktuellen Studie eine wesentliche Rolle bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. (Bild: Design Cells/fotolia.com)

Rolle der Blutgefäße bisher kaum untersucht

Bisher standen bei den Untersuchungen zu den Mechanismen chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen vor allem die Entzündungszellen und die Epithelzellen, welche die Barriere vom Darm zum umgebenden Gewebe aufbauen, im Vordergrund, berichten die Forschenden in einer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen. Bekannt war, dass Erkrankungen des Menschen häufig auf fehlgesteuerten Zellen basieren. Die Rolle von Blutgefäßen bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen sei bisher indes nur am Rande erforscht worden, obwohl beispielsweise die fehlgesteuerten Entzündungszellen nur über die Blutgefäße in die entsprechenden Gewebe gelangen können.

Fehlgesteuert Zell-Zell-Interaktion festgestellt

Das Forschungsteam um Professor Stürzl hat sich daher den Blutgefäßen gewidmet und versucht, mögliche Zusammenhänge mit den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen aufzudecken. Die Forschenden konnten nachweisen, dass die Blutgefäße bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen besonders durchlässig (permeabel) sind und identifizierten auch das hierfür verantwortliche Protein, Interferon-. Dieses spezifische Zytokin löst den Ergebnissen der molekularen Analysen zufolge eine fehlgesteuerte Zell-Zell-Interaktion bei den Endothelzellen aus, berichtet das Forschungsteam. Die Endothelzellen bilden die Hülle von Blutgefäßen und sind für deren Dichtigkeit verantwortlich.

Erhöhte Permeabilität der Blutgefäße

In chronisch-entzündetem Darmgewebe ist laut Aussage der Forschenden Interferon- in erhöhten Konzentrationen vorhanden, was einen steigende Permeabilität der Blutgefäße zur Folge hat. Dies konnte „in verschiedenen experimentellen Modellen und auch bei Patientinnen und Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen nachgewiesen werden“, berichtet das Forschungsteam. Die Bedeutung der Blutgefäßpermeabilität habe sich bestätigt, „als mit genetischen Verfahren am experimentellen Tiermodell die Fähigkeit von Endothelzellen, auf Interferon- zu reagieren, gehemmt wurde und dies den Krankheitsverlauf deutlich abschwächte.“

Wirksame Behandlung in Sicht?

Die Forschenden zeigten auch, dass das Medikament Imatinib (Glivec®), welches bisher vor allem in der Krebstherapie eingesetzt wird, die Gefäßdurchlässigkeit hemmt, wodurch der Krankheitsverlauf unterdrückt wird. Ein durchaus positive Nachricht für alle Betroffenen. „Wir hoffen natürlich sehr, dass unsere Ergebnisse langfristig den Patientinnen und Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen nützen. Dies wird nicht zuletzt dadurch unterstützt, dass das Medikament, das im Tiermodell erfolgreich war, auch schon für klinische Anwendungen zugelassen ist“; betont Professor Stürzl. Erstmals sei mit der aktuellen Studie die große Bedeutung des Blutgefäßsystems bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen belegt und dies eröffne gänzlich neue Therapieansätze. (fp)

Autor:
Dipl. Geogr. Fabian Peters
Quellen:
  • Victoria Langer, Michael Stürzl, et al.:IFN-γ drives inflammatory bowel disease pathogenesis through VE-cadherin–directed vascular barrier disruption; in: The Journal of Cinical Investigation (20.09.2019), jci.org
  • Universitätsklinikum Erlangen: Wenn Blutgefäße zu durchlässig sind (veröffentlicht 01.10.2019), uk-erlangen.de

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.