Darmkrebs: Rolle der Gene wird überschätzt

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Familiäres Darmkrebsrisiko: In den Genen steckt nur ein Teil der Wahrheit

Schon seit Jahrzehnten weisen Gesundheitsexperten darauf hin, dass Menschen, in deren Familie es bereits zu Darmkrebs gekommen ist, ein erhöhtes Erkrankungsrisiko haben. Doch wenn es um dieses familiär erhöhte Darmkrebsrisiko geht, wurde die Rolle der Gene lange überschätzt. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende aus Deutschland.


„Von Darmkrebs ist bekannt, dass er familiär gehäuft auftreten kann: In großen Beobachtungsstudien haben Forscher gezeigt, dass Verwandte ersten Grades (Eltern, Geschwister, Kinder) von Darmkrebspatienten selbst häufiger an Darmkrebs erkranken als andere Menschen – ihr Risiko ist etwa zwei- bis dreifach erhöht“, erklärt der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ). Doch wenn es um das familiär erhöhte Darmkrebsrisiko geht, wurde die Rolle der Gene überschätzt. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des DKFZ in einer aktuellen Studie.

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Eine neue Studie zeigt: Wenn es um das familiär erhöhte Darmkrebsrisiko geht, wurde die Rolle der Gene überschätzt. Vermutlich wiegen andere Risikofaktoren wie etwa familiäre Ernährungsgewohnheiten schwerer als bislang angenommen. (Bild: Alex/fotolia.com)

Zu 35 Prozent erblich bedingt

Wie das DKFZ in einer Mitteilung schreibt, ist Darmkrebs die dritthäufigste Krebserkrankung weltweit. Derzeit wird davon ausgegangen, dass die Erkrankung zu 35 Prozent erblich bedingt ist. Eine familiäre Vorbelastung zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren. Außerdem haben Forschende in den letzten Jahren rund 100 winzige Genvariationen identifiziert, die in der Bevölkerung weit verbreitet sind (Einzelnukleotid-Polymorphismen, Single nucleodid polymorphisms, SNPs) und die das Risiko für Darmkrebs beeinflussen.

Aktuelle Ergebnisse der DKFZ-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Hermann Brenner und Korbinian Weigl legen nun aber nahe, dass diese SNPs einen deutlich geringeren Anteil des familiär erhöhten Darmkrebsrisikos erklären als bisher angenommen. Die Forschenden haben zunächst die gängigen statistischen Verfahren geprüft, mit deren Hilfe dieser Anteil geschätzt wird. Den Angaben zufolge sind ihnen dabei eine Reihe von Schwächen bei der Kalkulation aufgefallen, die in der Summe zu einer deutlichen Überschätzung führen.

„Insbesondere gingen die bislang gängigen Verfahren davon aus, dass die familiäre Häufung letztendlich zu einhundert Prozent genetisch bedingt ist“, so Korbinian Weigl, Erstautor der Studie, die im „International Journal of Cancer“ erschienen ist. „Davon ausgehend berechneten sie dann, welcher Anteil hiervon durch die bislang bekannten Genvarianten erklärt werden kann.“

Risikofaktoren wie familiäre Ernährungsgewohnheiten wiegen wohl schwerer als gedacht

Das Team um Brenner und Weigl wertete die Daten von insgesamt 7.927 Probanden einer Fall-Kontroll-Studie aus – darunter 4.447 Patienten mit Darmkrebs sowie 3.480 gesunde Personen, die als Kontrollgruppe dienten. „Wir haben eine neue Berechnungsmethode entwickelt, die nicht von vornherein von der Grundannahme ausgeht, dass das familiäre Risiko komplett durch die Genetik bedingt ist“, erläutert Studienleiter Hermann Brenner. Mit dieser Methode werteten die Forschenden dann die Daten ihrer Probanden aus.

Tatsächlich war der Einfluss der SNPs nach dieser Methode deutlich geringer als angenommen. Während bisherige Berechnungen den bislang bekannten Genvarianten einen Anteil von 9,6 bis 23,1 Prozent am familiär erhöhten Darmkrebsrisiko zusprachen, resultieren die neuen Berechnungen der DKFZ-Wissenschaftler in einem geschätzten Einfluss der SNPs, der zwischen 5,4 und 14,3 Prozent liegt.

„Die Ergebnisse passen sehr gut zu den Ergebnissen einer anderen DKFZ-Studie, die letztes Jahr publiziert wurde“, sagt Brenner. Dabei hatte sich gezeigt, dass bei Halbgeschwistern von Darmkrebspatienten das Risiko selbst zu erkranken ebenso erhöht ist wie bei „echten“ Geschwistern. „Das legt nahe, dass gemeinsame Risikofaktoren, etwa spezielle Ernährungsgewohnheiten, Rauchen oder ein Bewegungsmangel eine deutlich größere Rolle spielen als bisher angenommen.“

Möglichkeiten der Darmkrebsvorsorge nutzen

Für die künftige Einschätzung des individuellen Darmkrebsrisikos bedeutet das allerdings auf keinen Fall, dass die Genvarianten, die mit einem erhöhten Risiko assoziiert werden, bedeutungslos geworden sind. „Vielmehr zeigt unsere Studie, wie wichtig es ist, sowohl genetische als auch andere Risikofaktoren in der Familie gleichermaßen zu betrachten, um zu einer realistischen Einschätzung zu gelangen“, sagt Weigl.

Oder anders ausgedrückt: Wer nur wenige auffällige Genvarianten in seinem Erbgut trägt, darf sich nicht in Sicherheit wiegen, wenn beispielsweise sein Lebensstil die Gefahr für Darmkrebs erhöht. Umgekehrt, muss Darmkrebs trotz ungünstiger Genetik kein Schicksal sein, wenn das individuelle Verhalten das Risiko senkt. In jedem Fall ist es ratsam, die sehr effektiven Möglichkeiten der Darmkrebsvorsorge zu nutzen. (ad)

Autor:
Alfred Domke
Quellen:
  • Deutsches Krebsforschungszentrum: Familiäres Darmkrebsrisiko: In den Genen steckt nur ein Teil der Wahrheit, (Abruf: 29.09.2019), Deutsches Krebsforschungszentrum
  • International Journal of Cancer: Establishing a valid approach for estimating familial risk of cancer explained by common genetic variants, (Abruf: 29.09.2019), International Journal of Cancer
  • Krebsinformationsdienst: Darmkrebs: Risikofaktoren und Vorbeugung, (Abruf: 29.09.2019), Krebsinformationsdienst

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.