Die unterschätzte Gefahr bei der Verwendung von Placebos

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

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Placebos können Studienergebnisse verfälschen

Die Wirksamkeit von neuen Behandlungsmethoden wird häufig mit der Hilfe der Verwendung von Placebos gemessen. Verschiedene Placebos haben allerdings sehr unterschiedliche Wirkungen, was manchmal zu falschen Rückschlüssen führt.


Bei der aktuellen Untersuchung der international hoch angesehenen University of Oxford und des King’s College London wurde festgestellt, dass die Verwendung von Placebos zur Feststellung der Wirksamkeit von Behandlungen oder Medikamenten erhebliche Probleme mit sich bringt. Die Ergebnisse der Studie wurden in der englischsprachigen Fachzeitschrift „European Journal of Clinical Investigation“ publiziert.

Placebos können die Ergebnisse von Studie verfälschen, weil sie unterschiedliche Auswirkungen auf unseren Körper haben. (Bild: Cigdem/fotolia.com)

Placebos können zu falschen Rückschlüssen beitragen

Als Goldstandard wird in der Medizin ein Verfahren bezeichnet, welches sich bereits gut bewährt hat. Diesen Goldstandard erreichen Arzneimittel nur, wenn sie eine besser Wirkung entfalten als der sogenannte Placebo-Effekt. Es scheint allerdings den Forschenden zufolge ein grundlegendes Problem mit diesem Vorgehen zu geben, da verschiedene Placebos teilweise sehr unterschiedliche Wirkungen haben können. Dies kann zu falschen Rückschlüssen und nicht geeigneten neuen Behandlungsformen führen.

Fehlerhafte Ergebnisse durch Wirkung von Placebos

Beispielsweise wurde Olivenöl früher als Placebo bei Untersuchungen zu cholesterinsenkenden Medikamenten verwendet, bis herausgefunden wurde, dass Olivenöl Eigenschaften aufweist, welche das Cholesterin senken. Dies könnte die niedriger als erwartet ausgefallene Medikamentenwirkung in einigen Untersuchungen erklären.

In Studien mit Oseltamivir enthielt das Placebo beispielsweise Dehydrocholsäure. Diese imitierte den bitteren Geschmack der aktiven Intervention und war daher nützlich, um die Teilnehmenden im Unklaren zu lassen, ob sie ein Placebo erhielten oder nicht. Dehydrocholsäure kann aber auch gastrointestinale Symptome verursachen, ebenso wie Oseltamivir, erklären die Forschenden. Bei der Studie wurde untersucht, ob und wie stark Oseltamivir gastrointestinale Symptome auslöst. Dafür wurde verglichen, ob das getestete Medikament mehr gastrointestinale Symptome verursacht als das Placebo. Durch diesen Vergleich sei das Risiko möglicher Schäden durch Oseltamivir unterschätzt worden.

Es werden bessere Leitlinien für Placebos benötigt

Es ist häufig sehr schwer zu verstehen, wie oft solch eine Fehleinschätzung auftritt, da keine von 94 untersuchten placebokontrollierten Studien die Komponenten der Placebo berichtet, wie es eigentlich die aktuellen Richtlinien empfehlen. Es ist unmöglich zu sagen, wie oft Placebo-Komponenten den offensichtlichen Nutzen von neuen Behandlungen beeinflussen, bis diese Komponenten angemessen untersucht und beurteilt werden können. „Wir empfehlen die Entwicklung von Leitlinien, um eine bessere Beschreibung der Placebo-/Schein-Kontrollkomponenten in klinischen Studien zu fördern“, erklären die Forschenden. (as)

Autor:
Alexander Stindt
Quellen:
  • Rebecca K Webster, Jeremy Howick, Tammy Hoffmann, Helen Macdonald, Gary S Collins et al.: Inadequate description of placebo and sham controls in a review of recent trials, in European Journal of Clinical Investigation (Abfrage: 30.092019), European Journal of Clinical Investigation

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.