Erstes Medikament gegen Herzinfarkt entdeckt

Mann greift sich mit der Hand ans Herz.

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Studie stellt welterste Arznei zur Heilung von Herzinfarkten vor

Herzerkrankungen sind die häufigste Todesursache in Deutschland. Über 150.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen der Koronaren Herzkrankheit (KHK) und der Herzschwäche (Herzinsuffizienz). Das wohl gefürchtetste kardiovaskuläre Ereignis ist der Herzinfarkt. Allein durch einen Infarkt sterben rund 50.000 Personen jährlich. Dies könnte sich bald ändern, denn Forschende präsentierten kürzlich eine Weltneuheit: Das allererste Medikament zur Behandlung eines Herzinfarktes.


Ein Forschungsteam um Professorin Tami Martino von der University of Guelph stellte kürzlich ein bahnbrechendes Medikament vor, das in der Lage ist, Herzinfarkte zu heilen und gleichzeitig schweren Folgeerkrankungen wie Herzschwäche vorzubeugen. Derzeit existieren keine Heilungsmöglichkeiten für diese Herzkrankheiten. „Keine Narben, keine Herzschäden, keine Herzinsuffizienz – Menschen können Herzinfarkte überleben, ohne dass das Herz beschädigt wird“, berichtet Martino über den neuen Wirkstoff, der in dem renommierten Fachjournal „Nature Communications Biology“ vorgestellt wurde.

Mann greift sich mit der Hand ans Herz.
Nach einem Herzinfarkt bleiben oft schwere Herzschäden zurück. Mit Hilfe eines neuen Wirkstoffs kann das Herz wieder vollständig heilen. (Bild: freshidea/fotolia.com)

Kettenreaktionen im Herz

Herzinfarkte zählen weltweit nicht nur zu den häufigsten Todesursachen, sie lösen auch entzündliche Reaktionen aus, die zur Bildung von Narben im Herzen führen. Diese unheilbaren Schäden haben oft eine Herzschwäche zur Folge (Herzinsuffizienz), die wiederum zu den häufigsten Todesursachen zählt.

Die innere Uhr

Das Team um Professorin Martino und Dr. Cristine Reitz entdeckte einen völlig neuen Mechanismus, mit dem man die schweren Schäden am Herzen infolge eines Infarktes verhindern kann. Im Fokus der Studie steht die „innere Uhr“ des Herzens – der sogenannte zirkadiane Rhythmus. Solche „Uhren“ sind dem Studienteam zufolge in praktisch allen Zellen des Körpers zu finden. Mit dem Begriff „Uhr“ sind Gene und Proteine gemeint, die auf den 24-Stunden-Tages- und Nachtzyklus getaktet sind und Schlüsselfunktionen wie Herzfrequenz und Blutdruck regulieren.

Wirkstoff verstärkt körpereigene Reparaturen

Diese zirkadianen Rhythmen im Herz steuern auch die Reaktion auf Schäden, beispielsweise bei einem Herzinfarkt, sowie die anschließende Reparatur. An dieser Stelle setzt der neue Wirkstoff namens SR9009 an. Das Forschungsteam entdeckte, dass sich die zirkadianen Rhythmen manipulieren und verbessern lassen. Bei Mäusen zeigten die Forschenden bereits, dass die Nager mithilfe des neuen Medikaments Herzinfarkte ohne bleibende Schäden überstehen konnten.

Wie wirkt SR9009?

Laut der Studie greift das Medikament in die Expression von Genen ein, die nach einem Herzinfarkt eine unerwünschte Immunantwort auslösen. Dies führte zu reduzierten Entzündungsreaktionen, die für die Narbenbildung verantwortlich sind. Wird das Medikament zusammen mit einer konventionellen Therapie wie der Reperfusion durchgeführt, resultiert daraus eine enorm verbesserte Herzreparatur. „Dies ermöglicht eine Heilung, die fast so ist, als wäre nie ein Herzinfarkt passiert“, betont Professorin Martino.

Pionierarbeit

„Diese Forschung ist wirklich spannend, weil sie die Tür öffnet, mit zirkadianen Therapien Herzinfarkte nach ihrem Auftreten zu heilen und die spätere Entwicklung von Herzinsuffizienz zu verhindern”, resümiert Martino, die als Pionierin der zirkadianen Medizin angesehen wird. „Wir waren erstaunt zu sehen, wie schnell es funktionierte und wie effektiv es bei der Heilung von Herzinfarkten und der Vorbeugung von Herzinsuffizienz in unseren Mausmodellen der Krankheit war“, berichtet sie weiter.

Zirkadiane Medizin – ein neuer Medizinzweig?

Letztendlich könne die Entdeckung auch bei anderen Herzkrankheiten helfen, die mit einer frühzeitigen Entzündungsreaktion verbunden sind, erklärt Dr. Cristine Reitz. Beispielsweise könnten so auch Entzündungen infolge von Organtransplantationen oder Klappenimplantaten verhindert werden. Theoretisch könne man die Zirkadiane Medizin bei allen tiefgreifenden Entzündungsreaktionen einsetzen, wie zum Beispiel bei traumatischen Hirnverletzungen, Schlaganfällen oder schweren Verbrennungen. „Die zirkadiane Medizin ist wirklich ein vielversprechendes neues Gebiet, das zu einem längeren, gesünderen Leben führen wird“, unterstreicht das Forschungsteam. (vb)

Autor:
Diplom-Redakteur (FH) Volker Blasek
Quellen:
  • Cristine J. Reitz, Tami A. Martino, Faisal J. Alibhai, u.a.: SR9009 administered for one day after myocardial ischemia-reperfusion prevents heart failure in mice by targeting the cardiac inflammasome, Nature Communications Biology, 2019, nature.com
  • Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK): Deutscher Herzbericht 2017, Januar 2018, dgk.org
  • Deutsche Herzstiftung: Sterblichkeit durch Herzerkrankungen angestiegen, Januar 2018, herzstiftung.de

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.