Essstörung: Magersucht-Anfälligkeit bereits im Mutterleib vorbestimmt?

Bestimmtes Molekül macht anfällig für Magersucht

In den vergangenen Jahren war in Deutschland ein starker Anstieg der Essstörungen zu verzeichnen. Vor allem die Magersucht ist laut Gesundheitsexperten gerade bei Frauen ein sehr ernst zu nehmendes Problem. Forscher haben nun herausgefunden, dass die Anfälligkeit für diese Essstörung bereits während der Schwangerschaft angelegt sein könnte.


Immer mehr Menschen mit Essstörungen

Gesundheitsexperten haben in den vergangenen Jahren eine drastische Zunahme der Essstörungen verzeichnet. Vor allem immer mehr Mädchen sind davon betroffen. Magersucht (Anorexie bzw. Anorexia nervosa) stellt die am weitesten verbreitete Essstörung in Deutschland dar. Im letzten Jahr hat eine Forschergruppe berichtet, dass diese auch angeboren sein kann. Nun haben Wissenschaftler ein Molekül identifiziert, dass dafür verantwortlich sein könnte, dass Nachkommen, deren Mutter während der Schwangerschaft Stress ausgesetzt waren, an Magersucht erkranken.

Essstörungen haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Vor allem die Magersucht stellt ein großes Gesundheitsproblem dar. Forscher haben nun festgestellt, dass die Anfälligkeit für diese Essstörung bereits während der Schwangerschaft angelegt sein könnte. (Bild: tunedin/fotolia.com)

Stress allein führt nicht zu einer Essstörung

Die Anfälligkeit für Essstörungen wurde häufig mit Stress in der frühen Kindheit in Verbindung gebracht.

Doch Stress allein führt nicht zwangsläufig zu einer Essstörung, es ist vielmehr eine Kombination aus Veranlagung und einer Vielzahl von Faktoren aus dem frühen Leben, die zur Erkrankung führt, berichtet das Max-Planck-Institut für Psychiatrie (MPI) in einer Mitteilung.

In einer Studie, die kürzlich in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht wurde, liefern Forscher des MPI entscheidende biologische Einblicke in diese Krankheit.

Frauen deutlich häufiger betroffen als Männer

Magersucht ist durch selbstauferlegtes Hungern geprägt ist. Die Essstörung tritt häufig erstmals im Teenageralter oder im jungen Erwachsenenalter auf und zwar etwa zehnmal so oft bei Frauen wie bei Männern.

Laut den Experten zeigt sie von allen psychischen Erkrankungen die höchste Sterblichkeitsrate. Trotzdem weiß man noch immer wenig darüber.

Ihre Behandlung führt daher nur selten zur vollständigen Genesung.

Wahl zwischen Bewegung und Fressen

Mariana Schroeder, Autorin der Studie und Projektgruppenleiterin im Team von Alon Chen, dem Geschäftsführenden Direktor des MPI, ging davon aus, dass die Anfälligkeit für Anorexie schon im Mutterleib entsteht.

Die Wissenschaftlerin testete heranwachsende Mäuse mit einem Modell, das aktivitätsbasierte Magersucht nachbildet, indem es den Tieren die Wahl zwischen Bewegung und Fressen lässt.

Im Ergebnis zeigten weibliche Tiere eine hohe Anfälligkeit für aktivitätsbasierte Magersucht, sie zogen die Bewegung dem Fressen vor.

„Interessanterweise haben sich die weiblichen Mäuse in zwei Gruppen geteilt, wenn sie dem Aktivitätsmodell ausgesetzt wurden. Ungefähr 40 Prozent wurden magersüchtig, die anderen 60 Prozent nicht. Die Männchen waren weitgehend resistent“, ergänzt Schroeder.

Und: „Erstaunlicherweise unterband pränataler Stress diese Anfälligkeit.”

Molekularer Mechanismus identifiziert

Im nächsten Schritt wollten die Forscher den molekularen Mechanismus identifizieren, der dieser Programmierung in der Schwangerschaft zugrunde liegt.

Dazu untersuchten sie die micro-RNA-Niveaus in der Plazenta. – Micro-RNA´s sind Moleküle, die wichtig für die Genregulation sind. – Eine micro-RNA stach besonders hervor, die sogenannte miR-340.

Diese war bei Weibchen hochgradig variabel, während sie in der Plazenta männlicher Nachkommen kaum nachweisbar war.

Die Wissenschaftler manipulierten die Expression dieser micro-RNA künstlich, um ihren Anteil in der Plazenta zu erhöhen.

Daraufhin stieg die Anfälligkeit für Magersucht sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Mäusen an. MiR-340 beeinflusste den Nährstofftransfer von der Mutter auf den Fötus indirekt und veränderte dabei das Gehirn des Fötus.

„Diese Studie liefert bedeutsame Einblicke in die frühe Entstehung dieser kaum verstandenen Essstörung“, so Chen. (ad)