Anhaltende finanzielle Schwierigkeiten sind mit einer beschleunigten Alterung des Gehirns und einem entsprechenden Abbau der kognitiven Fähigkeiten verbunden, wodurch das Demenz-Risiko steigt. Im Umkehrschluss könnte eine bessere finanzielle Absicherung einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen auch die Zahl der Demenzerkrankungen deutlich verringern.
Wie langfristige finanzielle Probleme das Gehirn und die kognitiven Fähigkeiten beeinflussen, hat ein britisches Forschungsteam um Professorin Praveetha Patalay vom University College London in einer aktuellen Studie untersucht. Die Ergebnisse sind in dem Fachmagazin „Innovation in Aging“ veröffentlicht.
Kognitive Fähigkeiten durch Einkommen beeinflusst
Dass einkommensschwache Bevölkerungsgruppen einem erhöhten Risiko für Beeinträchtigungen der kognitiven Fähigkeiten unterliegen, ist durch frühere Untersuchungen bereits eindeutig nachgewiesen, wobei bisher allerdings unklar blieb, über welche Faktoren dies vermittelt wird.
Beispielsweise könnten hier eine schlechtere Ernährung oder fehlende kulturelle Teilhabe aber auch erhöhter Stress durch die finanziellen Schwierigkeiten eine Rolle spielen.
Welche Rolle spielen Geldsorgen?
Inwiefern Geldsorgen unabhängig von anderen potenziellen Einflussfaktoren mit der Gehirngesundheit und kognitiven Beeinträchtigungen verbunden sind, überprüften die Forschenden nun anhand der Daten von 2.759 Personen aus der „MRC National Survey of Health and Development“.
Die Teilnehmenden wurden zu drei Zeitpunkten (im Alter von 26, 43 und 53 Jahren) zu ihrem Haushaltseinkommen befragt und Personen, die mindestens zweimal zu den 20 Prozent mit dem geringsten Einkommen gehörten, wurden als langfristig einkommensschwache Gruppe zusammengefasst.
Anhand von Fragen wie, ob es den Teilnehmenden schwerfiel, mit ihrem Einkommen auszukommen, oder ob sie Schwierigkeiten hatten, Rechnungen zu bezahlen, definierten die Forschenden zudem Personen mit finanziellen Schwierigkeiten. Hiervon waren zwölf Prozent der Teilnehmenden betroffen.
In kognitiven Tests wurden das verbale Gedächtnis und die Verarbeitungsgeschwindigkeit ermittelt und mittels Magnetresonanztomografie (MRT) erfolgte eine Untersuchung des Gehirns, erläutert das Forschungsteam.
Beeinträchtigte kognitive Fähigkeiten
Die Datenauswertung ergab, dass Personen, die im frühen und mittleren Erwachsenenalter entweder unter dauerhaften finanziellen Schwierigkeiten oder einem dauerhaft niedrigen Einkommen litten, im Alter von 53 Jahren bei kognitiven Tests schlechter abschnitten, berichten die Forschenden.
Bei den Untersuchungen des Gehirns von einer Untergruppe der Teilnehmenden sei zudem deutlich geworden, dass diejenigen mit dauerhaft niedrigem Einkommen im Alter von 69 bis 71 Jahren eine schlechtere Gehirngesundheit einschließlich einer stärkeren Schrumpfung des Gehirns aufwiesen.
Die Zusammenhänge blieben laut den Fachleuten auch bei Berücksichtigung anderer potenzieller Einflussfaktoren wie zum Beispiel den kognitiven Fähigkeiten in der Kindheit, dem Bildungsniveau und benachteiligenden Lebensumständen in der Kindheit bestehen.
Weiterhin war der Zusammenhang zwischen finanziellen Schwierigkeiten und schlechterer Gehirngesundheit bei Männern und Personen, die in der Kindheit benachteiligt waren, sowie bei Trägern der genetischen Variante APOE-ε4, die als Alzheimer-Risikofaktor gilt, besonders stark ausgeprägt, berichtet das Team.
Mögliche Mechanismen, die die festgestellten Zusammenhänge erklären könnten, seien verstärkte Entzündungsprozesse infolge von chronischem Stress (aufgrund der Geldsorgen) oder auch die dauerhafte kognitive Belastung und hiermit verbundene fehlende Kapazitäten für andere kognitive Aufgaben.
„Die meisten Studien zur kognitiven Alterung betrachten finanzielle Notlagen nur zu einem einzigen Zeitpunkt. Unsere Studie, die auf Daten aus mehreren Jahrzehnten basiert, zeigt, dass nicht gelegentliche Phasen der Not, sondern die über viele Jahre hinweg aufgelaufenen Belastungen mit den schlechtesten Ergebnissen für die kognitive Gesundheit verbunden sind“, betont der Studienautor Dr. Jacques Wels vom University College London.
Neue Ansätze zur Demenz-Prävention
Die Studienergebnisse deuten zudem darauf hin, „dass die Unterstützung von Menschen in finanzieller Not und die Verringerung chronischer Armut dazu beitragen könnten, kognitivem Abbau und Demenzfällen in der Zukunft vorzubeugen“, ergänzt Prof. Patalay.
Eine bessere Absicherung einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen könnte sich dabei nicht nur gesundheitlich, sondern auch finanziell auszahlen, da mit dem prognostizierten Anstieg der Demenzerkrankungen in den kommen Jahren auch massive Kostensteigerungen im Gesundheitssystem zu erwarten sind. (fp)
Autoren- und Quelleninformationen
Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.
- Yiwen Liu, Jacques Wels, Sarah-Naomi James, Sarah E. Keuss, Jane Maddock, Thomas D. Parker,Jean Stafford, Jonathan M. Schott, Marcus Richards, Praveetha Patalay: Persistent financial adversity and cognitive aging: a life course investigation; in: Innovation in Aging (veröffentlicht 23.07.2026), academic.oup.com
- University College London: Persistent money struggles linked to faster brain ageing (veröffentlicht 23.07.2026), eurekalert.org
Wichtiger Hinweis:
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