Haarausfall könnte per Duft-Therapie gestoppt werden

Fabian Peters

Düfte können das Haarwachstum stimulieren

Haarausfall ist für die Betroffenen oft mit erheblichen Einbußen des Selbstwertgefühls verbunden und die meisten Menschen wünschen sich eine anhaltend volle Haarpracht. Entsprechend groß ist der Markt für Haarwuchsmittel, die bei einsetzender Glatzenbildung helfen sollen. Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum (RUB) haben nun herausgefunden, dass spezielle Düfte offenbar die Lebensdauer von Haaren verlängern. Sie hoffen auf neue Ansätze zur Behandlung von Haarausfall.


„Menschliche Haarwurzelzellen besitzen Duftrezeptoren, und deren Aktivierung mit einem sandelholzartigen Duft kann die Lebensdauer von Haaren verlängern“, berichtet die RUB von den Studienergebnissen. Ein Team aus Forschenden des Monasterium Laboratory in Münster, der University of Manchester und der Ruhr-Universität Bochum hat in Organkulturexperimenten die Wirkung von Düften auf die Haarwurzelzellen untersucht. Ihre Ergebnisse wurden in dem Fachmagazin „Nature Communications“ veröffentlicht.

Durch die Stimulierung mit speziellen Düften kann das Haarwachstum angekurbelt und der Haarverlust gebremst werden. (Bild: Kurhan/fotolia.com)

Haar-Lebenszyklus in drei Phasen

Grundsätzlich bestehen Haare aus einem Schaft, der aus der Haut herausragt, und einer Haarwurzel, die in eine Einstülpung der Oberhaut, das sogenannte Haarfollikel, eingebettet ist, erläutern die Wissenschaftler. Der Lebenszyklus eines Haares bestehe dabei aus drei Phasen: Wachstums-, Selbstmord- und Ruhephase. Normalerweise seien 80 bis 90 Prozent aller Kopfhaare in der zwei bis acht Jahre andauernden Wachstumsphase. Etwa ein Prozent befinde sich in der mehrwöchigen sogenannten Selbstmordphase, in der das Haar sein Wachstum stoppt und sich von der Wurzel löst, und der Rest sei in der Ruhephase, die etwa ein halbes Jahr anhält und in der das alte Haar schließlich abgestoßen wird, da ein neues nachwächst.

Individueller Haarzyklus entscheidend

Haarausfall beruht normalerweise darauf, dass sich das Verhältnis von der Wachstumsphase hin zur Ruhephase verschiebt oder nur mehr zu kurze Haare produziert werden“, erklärt Studienautor Professor Dr. Dr. Dr. habil. Hanns Hatt. Zwar bilden die Haarfollikel durchschnittlich rund einen Zentimeter Haar im Monat, doch das Haarwachstum sei nicht nur von der Wachsgeschwindigkeit abhängig, sondern vor allem davon, wie lang der individuelle Haarzyklus anhält.

Duftrezeptoren in den Zellen

In früheren Studien konnte das Forschungsteam um Professor Hatt am Bochumer Lehrstuhl für Zellphysiologie bereits nachweisen, „dass bestimmte Hautzellen, die Keratinozyten, den Duftrezeptor OR2AT4 besitzen“ und „sie belegten auch, dass dieser Rezeptor durch Duftstoffe mit einer Sandelholznote, wie Sandalore oder Brahmanol, aktiviert wird“, wodurch die Hautregeneration und Wundheilung um fast 50 Prozent gesteigert werden können, so die Mitteilung der RUB. In der aktuellen Studie untersuchten die Forschenden nun, ob der Rezeptor ähnlich stimulierend auf die Keratinozyten in den Haarwurzeln wirkt und an der Regulation des Haarwachstums beim Menschen beteiligt ist.

Stimulierung der Duftrezeptoren

Hierfür nutzten die Wissenschaftler eine Technik, mit der sich komplette lebende Haarfollikel aus Biopsien der menschlichen Kopfhaut gewinnen und in Organkultur überführen lassen. Anhand von Gen- und Proteinanalysen konnten die Forscher nachweisen, „dass OR2AT4 während der Wachstumsphase in großen Mengen im Haarschaft vorkommt und in den sogenannten Matrixzellen der Haarwurzel, die für das Wachstum verantwortlich sind.“ In späteren Phasen sei die Anzahl der Rezeptoren hingegen signifikant geringer. Wurden die Rezeptor in den Versuchen jedoch vier bis sechs Tage mit Brahmanol oder Sandalore stimuliert, erhöhte sich in den Haarfollikelzellen die Menge des Wachstumsfaktors IGF-1, einer der wichtigsten natürlichen Haarwuchsstimulatoren.

Verlängerte Wachstumsphase der Haare

Durch die Duft-Stimulierung konnte laut Aussage der Forscher dem programmierten Zelltod entgegengewirkt werden und die Wachstumsphase der Haare habe sich um etwa 30 Prozent verlängert, während sich die Ruhephase entsprechend verkürzte. Daraus schließen die Experten, dass sich auch die Lebensdauer der Haare in ähnlichem Umfang erhöht. Wurden die Duftrezeptor genetisch ausgeschaltet, habe der Duft keine Wirkung mehr gezeigt. Zudem konnten die Forscher beobachten, „dass menschliche Haarfollikel auf eine Stimulation dieses Rezeptors angewiesen sind, um optimal zu wachsen“, so die RUB weiter. Ungeklärt bleibe bislang allerdings, welche natürlichen Substanzen im Haarfollikel den Rezeptor stimulieren.

Neue Behandlungsoptionen gegen Haarausfall

„Die Befunde eröffnen neue Wege in der Behandlung von Haarausfall“, betont Professor Hatt. Der Studienautor geht „davon aus, dass Duftstoffe wie Brahmanol oder Sandalore in Haarwassern oder Shampoos zum Einsatz kommen könnten, um die Lebenszeit der Haare zu verlängern.“ Dies wäre „vor allem bei hormon- oder stressbedingtem diffusem Haarausfall“ möglicherweise eine Option, so der Bochumer Duftforscher weiter.

Erste erfolgreiche klinische Studien

In einer ersten klinischen Pilotstudie mit 40 Patienten aus Italien, die unter Haarausfall litten, wurde die Anwendung einer Sandalore-haltigen Lotion bereits erfolgreich getestet, berichtet die RUB. Über drei Monate angewendet habe sie den Haarausfall signifikant um 17,5 Prozent im Vergleich zu einem Placebo verringert. Allerdings seien diese Pilotdaten bislang nicht ausreichend, um die klinische Wirksamkeit des Duftstoffes zu bestätigen, da die Stichprobe dafür zu klein war und aufwendigere Tests für eine zuverlässige Quantifizierung des Haarausfalls notwendig wären. Derzeit werde daher vom Monasterium Laboratory eine größere klinische Studie mit verbesserten Testverfahren durchgeführt, deren Ergebnisse zum Jahresende erwartet werden. (fp)