Bei wiederholten Harnwegsinfektionen könnte ein neuer Behandlungsansatz, der Stuhltransplantationen mit dem Einsatz sogenannter Phagen kombiniert, signifikante Verbesserungen erzielen. Erste Untersuchungen mit der neuen Methode waren äußerst vielversprechend.
Forschende der Universitätsklinik Balgrist und der Universität Zürich in der Schweiz sowie der Universität zu Köln, des Universitätsklinikums Köln, der Goethe-Universität Frankfurt und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) haben die neue Behandlungsmethode erprobt. Die Ergebnisse sind in dem Fachmagazin „Nature Microbiology“ veröffentlicht.
Behandlungsalternativen gesucht
Laut den Forschenden zählen wiederkehrende (rezidivierende) Harnwegsinfektionen weltweit zu den häufigsten bakteriellen Infektionskrankheiten und sie betreffen vor allem Frauen. Zwar seien Antibiotika nach wie vor die Standardtherapie, doch führten diese angesichts zunehmender Antibiotikaresistenzen nicht immer zum Erfolg.
Alternative Therapieansätze seien daher weiterhin dringend gesucht und einen möglichen Ansatz bilde hierbei die Anwendung von Phagen, kleinen Viren, die gezielt Bakterien angreifen, und selbst multiresistente Keime wirksam abtöten können.
Phagentherapie & FMT gegen Harnwegsinfekte?
Wie wirksam die Phagentherapie mit und ohne begleitende Behandlung mittels Stuhltransplantationen (Fäkale Mikrobiota-Transplantationen; FMT) gegen rezidivierende Harnwegsinfektionen ist, hat das Forschungsteam um Dr. Shawna McCallin und Dr. Lorenz Leitner von der Universitätsklinik Balgrist jetzt an drei Betroffenen Frauen untersucht.
Die drei Teilnehmerinnen hatten weder auf Antibiotika noch auf gängige nicht-antibiotische Behandlungsstrategien angesprochen und bei allen wurde das Bakterium Escherichia coli (E. coli) zu verschiedenen Zeitpunkten nachgewiesen, berichten die Forschenden.
Die Behandlungen mit Phagentherapie und FMT erfolgte zwischen Mai und Juli 2023, wobei alle Frauen acht Tage lang in nicht akuten Phasen eine orale und und intravesikale (lokal über einen Katheter in die Blase verabreicht) Phagentherapie erhielten. Zwei Frauen wurden zudem mittels FMT behandelt, so die Fachleute weiter.
Verringerung der Harnwegsinfekte
Bei allen Teilnehmerinnen zeigte die Behandlung eine gute Verträglichkeit und keine spürbaren Nebenwirkungen. Zudem war bei den beiden Patientinnen, die die Kombinationstherapie erhielten, über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg eine langfristige Verringerung der Harnwegsinfekte zu beobachten, berichtet das Team.
Bei der Patientin, die ausschließlich eine Phagentherapie erhielt, seien zwar weitere akute Harnwegsinfektionen aufgetreten, jedoch fielen die Symptome laut den Forschenden deutlich milder aus. Nicht zuletzt habe sich die Lebensqualität bei allen Teilnehmerinnen erheblich verbessert.
Basis für neue Behandlungsstrategien
Allerdings reichen drei Patientinnen nicht aus, um eine neue Therapie zu etablieren und außerdem fehlten Kontrollgruppen, betont Dr. McCallin. Dennoch bieten die Ergebnisse eine Grundlage für klinische Studien, die den Nutzen des Behandlungsansatzes überprüfen und diese nachhaltige Behandlungsoption für Patientinnen zugänglich machen, resümiert die Studienautorin.
„Während die Phagentherapie darauf abzielt, den Erreger zu beseitigen, zielt die FMT darauf ab, ein gesundes Mikrobiom wiederherzustellen, und verbindet damit sowohl unmittelbare als auch langfristige Wirkungen“, ergänzt die Studienautorin Dr. Lena Biehl vom Universitätsklinikum Köln.
Damit steht der Ansatz auch im Einklang mit den Ergebnissen einer unabhängigen Studie, in der die Darmflora als Ursache wiederkehrender Harnwegsinfektionen identifiziert wurde.
Da sich die ursächlichen Bakterien wiederkehrender Harnwegsinfekte häufig auch im Darm befinden, zielt die FMT-Behandlung auf deren Darmreservoirs. Denn diese können eine Antibiotikabehandlung bei akuten Infektionen überleben und zunehmend resistent werden, erläutern die Forschenden.
So erscheint insbesondere die Kombination aus Phagentherapie und FMT insgesamt als äußerst vielversprechender Ansatz, um das Leid der Betroffenen dauerhaft zu beenden. (fp)
Autoren- und Quelleninformationen
Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.
- Shawna McCallin, Annika Y. Classen, Simone C. Lieberknecht-Jouy, Fatih Abdula, Sarah Dugas, Oliver Gross, Hendrik Koliwer-Brandl, Swenja Lassen, Jens Scheidegger, Matthew Dunne, Andre Kahles, Jonas Eigler, Fedja Farowski, Paul G. Higgins, Sonja Milek, Oksana Chemych, Jiemin Du, Martin J. Loessner, Thomas M. Kessler, Maria J. G. T. Vehreschild, Lorenz Leitner, Lena M. Biehl: Combined phage therapy and faecal microbiota transplantation to treat recurrent urinary tract infection: a case series; in: Nature Microbiology (veröffentlicht 30.07.2026), nature.com
- Universität zu Köln: Jenseits von Antibiotika: ein neuer Ansatz zur Behandlung von Harnwegsinfektionen (veröffentlicht 30.07.2026), uni-koeln.de
- Colin J. Worby, Henry L. Schreiber IV, Timothy J. Straub, Lucas R. van Dijk, Ryan A. Bronson, et al.: Longitudinal multi-omics analyses link gut microbiome dysbiosis with recurrent urinary tract infections in women; in: Nature Microbiology (veröffentlicht 02.05.2022), nature.com
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