Hilfe für Demenzkranke: Bushaltestelle an der kein Bus hält

Alfred Domke

Schein-Bushaltestelle in der Klinik soll Menschen mit Demenz helfen

Zwar werden die meisten Demenzkranken in Deutschland zu Hause von Angehörigen gepflegt, doch manche Patienten werden auch in Pflegeheimen oder Krankenhäusern betreut. In einigen dieser Einrichtungen wurden Schein-Bushaltestellen eingerichtet, die dabei helfen sollen, demente Personen vom Weglaufen abzuhalten. An dieser Maßnahme gibt es aber auch Kritik.


Großteil der Demenzpatienten wird zu Hause betreut

Experten zufolge leben in Deutschland mehr als 1,5 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung, die meisten von ihnen haben Alzheimer. Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) werden rund 80 Prozent aller Demenzkranken hierzulande von ihren Angehörigen versorgt und begleitet. Einige wenige werden auch in speziellen Dörfern für Menschen mit Demenz betreut. Und auch in Pflegeheimen und Krankenhäusern gibt es oft Demenzstationen, die auf die speziellen Bedürfnisse der Patienten abgestimmt sind. Manche der dementen Personen wollen manchmal von dort weg. Schein-Bushaltestellen sollen sie davon abhalten.

Mithilfe von Schein-Bushaltestellen, an denen gar kein Bus hält, sollen Patienten mit Demenz davon abgehalten werden, aus einer Pflegeeinrichtung oder Klinik wegzulaufen. An dem Konzept gibt es auch Kritik. (Bild: Ocskay Bence/fotolia.com)

Betroffene wollen oft in ihre vertraute Umgebung zurückkehren

Schon seit Jahren zeigt sich, dass die Zahl der Demenzkranken immer weiter steigt.

Auch im Klinikum Osnabrück nimmt die Anzahl der Menschen mit demenziellen Erkrankungen zu.

Insbesondere zu Anfang, eben beim Erstkontakt in der Notaufnahme, versuchen viele Senioren, in die vertraute Umgebung ihrer Wohnung zurückzukehren, berichtet die Klinik in einer Mitteilung.

Den Angaben zufolge ist die Betreuung von Patientinnen und Patienten mit Weglauf- und Hinlauftendenz für die Beschäftigten im Notaufnahmezentrum eine wachsende Herausforderung.

Um das Problem besser in den Griff zu bekommen, wurde gemeinsam mit den Stadtwerken Osnabrück im Flur des Notaufnahmezentrums eine Bushaltestelle samt Fahrplan und Ortsbild errichtet, die dabei helfen soll, dass „Wegläufer“ in der Notaufnahme gehalten werden.

Im Langzeitgedächtnis gespeicherte Erinnerungen abrufen

„Wir wollten eine Lösung, die so wenig freiheitseinschränkend und so viel Autonomie wie möglich gewährleistet“, erklärte Dr. Mathias Denter, Ärztlicher Leiter des Notaufnahmezentrums des Klinikums Osnabrück.

„Dabei hat uns die Demenzforschung geholfen. Demenziell Erkrankte können im Langzeitgedächtnis gespeicherte Erinnerungen immer noch gut abrufen.“

Daher seien lebensgeschichtliche „Anker“ für die Betreuung der betroffenen Senioren so wichtig. Die häufig besuchte Bushaltestelle „Neumarkt“ in Osnabrück mit Fahrplan und Bild sei solch ein Anker.

Die Schein-Bushaltestelle wurde zusammen mit einem Bild vom alten Neumarkt aus den 70er und 80er Jahren versehen. Dies sei den betroffenen Patientinnen und Patienten vertraut.

Die Botschaft laute: Hier kann man sich hinsetzen und auf den Bus warten. Es sei nicht nötig, wegzulaufen, denn der Bus komme ja gleich.

Nicht alle sind von dem Konzept überzeugt

An dem Konzept des Einsatzes der Schein-Bushaltestellen in der Betreuung von dementen Patienten gibt es allerdings auch Kritik.

So weist etwa der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes der Krankenkassen in der Grundsatzstellungnahme „Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz in stationären Einrichtungen“ darauf hin, dass Kranke eher nervös als ruhig werden, wenn sie vergeblich auf den Bus warten.

Zudem würden demente Personen in ihrer Krankheit nicht ernst genommen.

Nicht zuletzt wird von Fachleuten kritisiert, dass die Einrichtungen, die die falschen Haltestellen installiert haben, die verzerrte Realität der Kranken funktionalisieren, um weniger ihnen als vielmehr den Pflegekräften Ruhe zu verschaffen. (ad)