Krankheitsbedingte Gefühllosigkeit: Depression belastet Partnerschaft und Familie

Depressionen: Massive Folgen der Erkrankung auf Partnerschaft und Familie

Immer mehr Menschen leiden an Depressionen. Die psychische Erkrankung belastet nicht nur die Betroffenen selbst, sondern wirkt sich oft auch massiv auf Partnerschaft und Familie aus. Gesundheitsexperten weisen darauf hin, dass der Rückzug und die Gefühllosigkeit von Depressiven krankheitsbedingt sind.


Zahl der Menschen mit Depressionen nimmt zu

Einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge ist die Anzahl der Menschen mit Depressionen weltweit deutlich gestiegen. Auch hierzulande sind immer mehr Menschen von der psychischen Krankheit betroffen. Laut dem Max-Planck-Institut für Psychiatrie (MPI) haben Studien gezeigt, dass zumindest 15 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken. Die Krankheit belastet nicht nur die Patienten selbst, sondern hat oft auch massive Auswirkungen auf Familie und Partnerschaft.

Depressionen belasten nicht nur die Betroffenen selbst, sondern wirken sich oft auch auf Partnerschaft und Familie aus. Experten erklären, was Angehörige beachten sollten. (Bild: boryanam/fotolia.com)

Belastung auch für die Angehörigen

Wie die Stiftung Deutsche Depressionshilfe in einer aktuellen Mitteilung schreibt, belastet die Erkrankung Depression Partnerschaft und Familie in hohem Maße:

Das zweite „Deutschland-Barometer Depression“ von Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Deutsche Bahn Stiftung belegt demnach, dass sich 84 Prozent der Erkrankten während ihrer Depression aus sozialen Beziehungen zurückgezogen haben.

Die repräsentative Befragung hat Einstellungen und Erfahrungen zur Depression in der Bevölkerung untersucht.

Befragt wurden insgesamt 5.000 Personen zwischen 18 und 69 Jahren aus einem Online-Panel für die deutsche Bevölkerung in Privathaushalten.

Bei der Hälfte der Betroffenen kommt es zu Problemen in der Partnerschaft

Fast drei Viertel (72 Prozent) der Befragten mit der Diagnose Depression beschreiben, während der Erkrankung keine Verbundenheit zu Menschen mehr zu empfinden.

Dies hat weitreichende Folgen, denn die Hälfte der Betroffenen berichtet von Auswirkungen auf die Partnerschaft. 45 Prozent davon haben demnach erlebt, dass es aufgrund der Depression zu einer Trennung gekommen ist.

„Die hohe Zahl der Trennungen zeigt, was für eine tiefgreifende Erkrankung die Depression ist“, sagt Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

„An Depression erkrankte Menschen verlieren den Antrieb, ihr Interesse und fühlen sich innerlich abgestorben, ohne Verbundenheit mit anderen Menschen oder ihrer Umwelt“, so der Experte.

„Sie ziehen sich zurück und sehen den gesamten Alltag wie durch eine schwarze Brille. All diese krankheitsbedingten Veränderungen haben massive Auswirkungen auf Partnerschaft und familiäre Beziehungen“, erklärt Hegerl.

„Deshalb ist Depression oft die Ursache und nicht die Folge von Partnerschaftskonflikten.“

Allerdings berichtet ein Teil der Betroffenen rückblickend auch von positiven Erfahrungen: 36 Prozent der Betroffenen gaben an, dass die psychische Erkrankung die Beziehung zum Partner sogar vertieft und gefestigt hat.

„Das gemeinsame Überstehen des großen Leidens, das die Depression verursacht, kann zu einem Zusammenwachsen führen“, erläutert Hegerl.

Wissenslücken bei Angehörigen führen zu Unverständnis und Fehlinterpretationen

Wie es in der Mitteilung heißt, liefert das Deutschland-Barometer Depression 2018 auch Daten zu den Erfahrungen von Angehörigen:

Demnach entwickeln 73 Prozent Schuldgefühle gegenüber ihrem erkrankten Partner und fühlen sich für dessen Erkrankung und Genesung verantwortlich.

Nahezu jeder dritte Angehörige (30 Prozent) gab an, sich schlecht über die Depression informiert zu fühlen.

Betroffene, die Auswirkungen der Erkrankung auf die Partnerschaft erlebt haben, berichten deshalb vor allem, sich unverstanden gefühlt und Vorwürfe von ihrem Partner bekommen zu haben (84 Prozent).

„Es wird deutlich, dass ein großer Aufklärungsbedarf über die Erkrankung gerade bei Angehörigen und Bekannten besteht“, so Dr. Christian Gravert, Projektleiter Gesundheitsthemen bei der Deutsche Bahn Stiftung und Leitender Arzt der Deutschen Bahn.

Alarmzeichen der Erkrankung erkennen

Hilfreich ist es, schon die ersten Alarmzeichen von Depressionen zu erkennen, um möglichst früh auf die Erkrankung reagieren zu können.

Gesundheitsexperten zufolge kann eine Depression viele unterschiedliche Formen annehmen. Die Erkrankung kann schleichend beginnen oder aber auch ganz plötzlich auftreten, wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Die typischen Symptome sind traurige Verstimmung, Schlafstörungen, schlechte Konzentration, Müdigkeit, Reizbarkeit, Verlangsamung des Bewegungsablaufs, Appetitmangel und Gewichtsverlust sowie Hoffnungslosigkeit sowie die Unfähigkeit, sich an Ereignissen in der unmittelbaren Umgebung emotional zu beteiligen.

Oft bestehen Tagesschwankungen, typischerweise ist die Depression am Vormittag stärker ausgeprägt als nachmittags.

Das Interesse an normalerweise positiv getönten Aktivitäten ist abgestorben, es fehlt fast immer an sexuellem Verlangen bis hin zur Unfähigkeit zur sexuellen Betätigung.

In schweren Fällen ist die Hoffnungslosigkeit so ausgeprägt, dass der Lebenswille erlischt und Suizid-Gedanken auftreten, bis hin zur Planung und Durchführung von Selbsttötungsversuchen.

Rückzug und Gefühllosigkeit sind krankheitsbedingt

Vielen Angehörigen ist nicht ganz klar, wie sie am besten mit Depressiven umgehen sollen. Prof. Hegerl rät ihnen: „Akzeptieren Sie die Depression als Erkrankung, die jeden treffen kann!“, so der Experte.

„Und informieren Sie sich – denn wer nicht weiß, was eine Depression ist, wird den Rückzug und die fehlende Zuwendung des erkrankten Partners falsch einordnen. Es ist keine Lieblosigkeit oder gar böser Wille, sondern Zeichen der Erkrankung.“

Am besten können Angehörige unterstützen, indem sie einen Termin beim Arzt organisieren und den Betroffenen gegebenenfalls dorthin begleiten. Denn in der Depression fehlen den Betroffenen häufig Kraft und Hoffnung, sich Hilfe zu suchen.

Hegerl hebt aber ebenfalls hervor: „Depression kann nicht mit Zuneigung alleine behandelt werden, sondern erfordert medizinische Hilfe. Es ist wichtig, dass Angehörige und Freunde ihre eigenen Belastungsgrenzen kennen und sich auch Unterstützung organisieren.“ (ad)