Mentale Gesundheit: Die ersten Alarmzeichen von Depressionen bei sich und anderen erkennen

Was bei Depressionen wirklich helfen kann

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass zumindest 15 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken, die man behandeln muss, oder besser gesagt müsste, denn nur zu oft werden die psychischen Erkrankungen nicht erkannt. Experten erklären, wie man Symptome erkennt und wie Betroffenen geholfen werden kann.


Immer mehr Menschen leiden an psychischen Erkrankungen

Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Anzahl der Menschen mit Depressionen weltweit deutlich gestiegen. Auch in Deutschland und der EU leiden immer mehr Menschen an der psychischen Krankheit. Dem Max-Planck-Institut für Psychiatrie (MPI) zufolge haben Studien gezeigt, dass zumindest 15 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken. Hierbei sind diejenigen Erkrankungen gemeint, die so stark beeinträchtigen, dass man sie behandeln muss, oder besser gesagt müsste, denn nur zu oft werden Depressionen nicht erkannt. Auf ihrer Webseite erklären die Experten des MPI, wie man Symptome erkennt und wie Betroffenen geholfen werden kann.

Depressionen können in unterschiedlichen Formen und Schweregraden auftreten. In den meisten Fällen ist professionelle Hilfe nötig. Experten erklären, wie Betroffenen geholfen werden kann. (Bild: sompong_tom/fotolia.com)

Typische Symptome

Laut MPI kann eine Depression viele unterschiedliche Formen annehmen. Die Erkrankung kann schleichend beginnen oder aber auch ganz plötzlich auftreten, wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Die typischen Symptome sind traurige Verstimmung, Schlafstörungen, schlechte Konzentration, Müdigkeit, Reizbarkeit, Verlangsamung des Bewegungsablaufs, Appetitmangel und Gewichtsverlust sowie Hoffnungslosigkeit sowie die Unfähigkeit, sich an Ereignissen in der unmittelbaren Umgebung emotional zu beteiligen.

Häufig bestehen Tagesschwankungen, typischerweise ist die Depression am Vormittag stärker ausgeprägt als nachmittags.

Das Interesse an normalerweise positiv getönten Aktivitäten ist abgestorben, es fehlt fast immer an sexuellem Verlangen bis hin zur Unfähigkeit zur sexuellen Betätigung.

In schweren Fällen ist die Hoffnungslosigkeit so ausgeprägt, dass der Lebenswille erlischt und Suizid-Gedanken auftreten, bis hin zur Planung und Durchführung von Selbsttötungsversuchen.

Seltene Formen der Krankheit

Eine seltene, überwiegend bei Frauen auftretende, Form sind die sehr kurz andauernden akuten depressiven Verstimmungen, die häufig nur einen Tag oder ein bis zwei Wochen dauern und dann wieder von selbst abklingen.

Eine ebenfalls selten auftretende Form ist die chronische Depression, bei der trotz aller therapeutischen Bemühungen lediglich eine geringfügige Besserung erreicht werden kann.

Eine weitere Sonderform der Depression, die etwa bei ein Prozent der Bevölkerung auftritt, ist die manisch-depressive Krankheit. Hierbei können neben depressiven Episoden auch sogenannte manische Episoden beobachtet werden.

Diese manischen Episoden sind in gewisser Weise der Gegenpol zur depressiven Episode. Hierbei ist die Stimmung anhaltend gehoben, sorglos heiter bis gereizt erregt.

Wer erkrankt?

Laut den Experten des MPI können Depressionen zwar in jedem Lebensalter erstmals auftreten, jedoch kommt das Vollbild einer Depression im mittleren Lebensalter am häufigsten vor.

Untersuchungen haben gezeigt, dass die Vorboten für Depressionen bereits im frühen Lebensalter zu erkennen sind, allerdings nicht als Depression, sondern als Angsterkrankungen.

Heute weiß man, dass junge Menschen mit Angsterkrankungen, beispielsweise Panikattacken, ein erhöhtes Risiko haben, später an einer Depression zu erkranken.

Erst im hohen Alter ist das Risiko, erstmals an einer Depression zu erkranken, vermindert. Allerdings ist nicht bekannt, ob sich Depressionen im Alter nicht in Wirklichkeit hinter einigen Formen der im Alter gehäuft vorkommenden Demenzen verstecken.

Zwar fällt auf, dass bei Frauen häufiger die Diagnose Depression gestellt wird, diese Tatsache könne aber vor allem durch die leichteren Ausprägungsformen erklärt werden.

Zudem sei zu bedenken, dass Männer bei der Preisgabe depressiver Symptome und beim Weg zum Arzt, um sich wegen einer Depression behandeln zu lassen, zurückhaltender sind.

Zusammenhang von genetischen Faktoren und Depressionen

Gesundheitsexperten zufolge haben Depressionen in den meisten Fällen mehr als ein einzige Ursache.

Begünstigt werden kann die psychische Störung unter anderem durch Stress, belastende Lebensereignisse oder Erkrankungen wie Schilddrüsenkrankheiten oder Parkinson.

Zudem ist lange bekannt, dass die Gene bei der Entstehung der psychischen Krankheit eine wichtige Rolle spielen.

Erst vor wenigen Monaten ist es einem internationalen Forscherteam gelungen, 44 Genorte zu identifizieren, die mit schweren Depressionen im Zusammenhang stehen.

Laut MPI nimmt man an, dass die genetischen Anteile für die typische Depression bei 50 Prozent liegen, während der genetische Anteil für die manisch-depressive Erkrankung über 80 Prozent ausmacht.

Der sicherste Hinweis darauf, ob man eine Veranlagung für die Erkrankung hat, ist das Vorhandensein von Depression bei leiblichen Angehörigen.

Allerdings sollte man sich hiervon nicht über Gebühr beunruhigen lassen, denn die Depression wird nicht nach einem einfachen Erbvorgang weitergegeben.

Wichtig ist es, zu wissen, dass ein genetisches Risiko durch familiäre Belastung besteht und dann auf das Auftreten früher Krankheitsanzeichen, wie beispielsweise Schlafstörungen, vegetative Veränderungen, Angstanfälle zu achten und früh gegenzusteuern.

Behandlung mit Medikamenten

Gemäß der nationalen Versorgungsleitlinien werden Depressionen mit Antidepressiva und/oder Psychotherapie behandelt.

Dass die Behandlung mit solchen Medikamenten wirksam ist, wurde auch in Studien belegt.

Bekannt ist aber auch, dass leichte Depressionen sehr oft auch ohne spezifische Behandlung vergehen. Bei schwerer Depression gibt es laut MPI aber keine Alternative zu Antidepressiva.

Diese Medikamente sind keine Beruhigungsmittel, führen laut den Experten auch nicht zu Gewöhnung oder Abhängigkeit und haben keine gravierenden Nebenwirkungen.

Allerdings können vor allem zu Beginn der Behandlung innere Unruhe, Schweißausbrüche, Gewichtszunahme und gelegentlich sexuelle Funktionsstörungen auftreten.

Neben Antidepressiva kommen bei der Depressionstherapie manchmal auch Benzodiazepine und Neuroleptika zum Einsatz.

Psychotherapeutische Behandlung

In der Mehrzahl der Fälle ist eine psychotherapeutische Begleitung der Patienten dringend nötig.

Laut MPI ist die Grundlage jeder Depressionsbehandlung ein verständnisvolles und stützendes ärztliches Gespräch mit Erstellung eines Gesamtbehandlungsplans. Bei leichten depressiven Verstimmungen kann dieses als einzige Therapiemethode ausreichen.

Die wichtigste Form der Psychotherapie ist die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie. Diese beinhaltet die Korrektur negativer Realitäts- und Selbstbewertung, den schrittweisen Aufbau von Aktivitäten nach dem Verstärkerprinzip, die Förderung von Selbstsicherheit und sozialer Kompetenz sowie die Bewältigung von Alltagsproblemen.

Ziel jeder Depressionstherapie ist immer die vollständige Wiederherstellung des psychischen Befindens.

Wichtig zu wissen: Menschen mit einer Depression haben auch ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen und Stoffwechselerkrankungen, vor allem für Diabetes Mellitus (Zuckerkrankheit). Daher sollte auch die Prävention solcher Erkrankungen im Auge behalten werden.

Was Freunde und Angehörige beachten sollten

Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie weist darauf hin, dass auch Freunde und Angehörige Betroffenen helfen können. Sie sollten wissen, wie man mit Depressiven richtig umgeht.

Ihnen muss bewusst sein, dass es sich bei der Depression nicht um etwas handelt, das sich durch Willensstärke oder Befolgung von Ratschlägen überwinden lässt.

Auch Symptome wie Negativität und Reizbarkeit oder auch Inaktivität und vermeintliche Selbstbezogenheit des Patienten dürfen nicht dazu führen, dass die Angehörigen Verständnis und Geduld verlieren und sich von dem „undankbaren“ Patienten abwenden.

Angehörige und Freunde müssen lernen, Verständnis für die Unfähigkeit des Patienten zu entwickeln, aus eigener Kraft etwas zu erreichen und die emotionale Distanz nicht als emotionale Abwendung fehlinterpretieren.

Es ist auch wichtig, dass der Patient durch „gute Ratschläge“ nicht überfordert wird und umgekehrt Angehörige nicht in einen Art Co-Therapeuten-Status gedrängt werden, in dem sie ihrerseits überfordert sind.

Pflanzliche Produkte

Das MPI geht auf seiner Webseite auch auf pflanzliche Produkte zur Behandlung von Depressionen ein.

Laut den Experten sei etwa nach dem heutigen Stand des Wissens bei leichteren Depressionen nichts gegen einen Therapieversuch mit Johanniskraut einzuwenden.

Allerdings müssen einige Nebenwirkungen beachtet werden, die gravierend sein können: So kommt es unter Johanniskraut zu Durchfällen und einer erhöhten Neigung zu starkem Sonnenbrand.

Zudem kann die Johanniskrauteinnahme andere Medikamente in ihrer Wirkung einschränken. Und Experten zufolge sind manche Präparate ohnehin ungeeignet.

Von der Verwendung von Bachblütenextrakten, Gingkopräparaten und anderen pflanzlichen Produkten zur Depressionsbehandlung raten die Experten des MPI ab. (ad)