Chronischer Stress belastet die Gesundheit und kann auch den Verlauf von Krebserkrankungen beeinflussen, wobei hier ein wechselseitiger Zusammenhang besteht. Denn die Krebsdiagnose und -therapie verursachen oftmals erheblichen Stress bei den Betroffenen. Ein begleitende psychologische Betreuung könnte helfen und auch den Therapieerfolg verbessern.
In einer aktuellen Übersichtsarbeit haben Forschende der Wroclaw Medical University die Auswirkungen von chronischem Stress auf den Behandlungserfolg bei Krebserkrankungen untersucht. Die aufschlussreichen Ergebnisse sind in dem „International Journal of Molecular Sciences“ veröffentlicht.
Kurzübersicht der wichtigsten Inhalte
- Chronischer Stress kann den Verlauf von Krebserkrankungen negativ beeinflussen und den Erfolg der Therapie beeinträchtigen.
- Durch anhaltenden Stress werden Stresshormone wie Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin dauerhaft erhöht, was Entzündungen fördert und das Immunsystem schwächt.
- Die geschwächte Immunüberwachung erleichtert es Krebszellen, zu überleben, sich zu vermehren und Kontrollmechanismen zu umgehen.
- Stress beeinflusst zudem das Tumorumfeld, fördert die Bildung neuer Blutgefäße (Angiogenese), die Zellmigration und mögliche Therapieresistenzen.
- Eine begleitende psychologische Unterstützung könnte den Krankheitsverlauf und die Therapie positiv beeinflussen.
Stress & Krebs eng verbunden
Bei Krebserkrankungen ist Stress ein ständiger Begleiter. Er tritt mit der Diagnose auf, verstärkt sich mit jedem Behandlungsschritt und bleibt oft auch nach dem formalen Therapieende bestehen, erläutert das Forschungsteam.
So seien die Therapieentscheidungen, das Warten auf Testergebnisse, die Angst vor einem Rezidiv und vor Veränderungen im Alltag mit Stress verbunden, der schnell eine chronische Form annehmen könne.
Dabei handelt es sich nicht mehr um eine einmalige Reaktion auf ein belastendes Ereignis, sondern um einen Zustand, in dem die für die Bedrohungsabwehr zuständigen Systeme über Wochen oder Monate aktiv bleiben, erläutert das Team.
Multidimensionaler Stress
In der Onkologie sei der Stress zudem multidimensional und umfasse nicht nur Angst und Traurigkeit, sondern auch soziale, berufliche, familiäre und existenzielle Faktoren. Für viele Patientinnen und Patienten bedeute dies, ihre Lebenspläne, sozialen Rollen und ihr Gefühl der Kontrolle über ihren eigenen Körper neu definieren zu müssen.
Dieser chronische Stress könne biologische Prozesse auslösen, die über verschiedene Mechanismen das Fortschreiten der Erkrankung fördern und die körpereigenen Abwehrkräfte schwächen.
Beeinflusst Stress die Krebstherapie?
Anhand der verfügbaren Forschungsarbeiten überprüften die Forschenden daher nun den Einfluss von Stress auf die Behandlungserfolge bei verschiedenen Krebserkrankungen (Brust-, Prostata-, Bauchspeicheldrüsen- und Eierstockkrebs).
Dabei beleuchteten die Forschenden auch die Mechanismen, die chronischen Stress mit dem Verlauf einer Krebserkrankung verbinden, und identifizierten folgende drei wesentlichen zusammenhängenden Phasen.
Hormoneller Alarm
Der chronischer Stress führt laut dem Forschungsteam zu einer anhaltenden Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse und des sympathischen Nervensystems und damit zu einem langfristigen Anstieg des Cortisol-, Adrenalin- und Noradrenalinspiegels.
„Der Körper reagiert, als befände er sich permanent im Gefahrenmodus“, so die Studienautorin Dr. Katarzyna Herbetko. Damit seien verstärkte Entzündungen und eine Immunsuppression verbunden, was das Tumorwachstum fördern und das Ansprechen auf die Behandlung abschwächen könne.
Immunität & Entzündung
Auch das Immunsystem werde durch die Stresshormone wie Cortisol und Katecholamine beeinflusst und die Immunüberwachung könne nachlassen, so dass sich eine chronische, niedriggradige Entzündung etabliere.
In diesem Milieu können Krebszellen leichter überleben, sich vermehren und Kontrollmechanismen entgehen, erläutert das Team.
Einfluss auf das Tumormilieu
Der chronische Stress fördert zudem auf Gewebeebene die Angiogenese, die Migration von Krebszellen und Prozesse, die im Zusammenhang mit Therapieresistenzen stehen, so die Fachleute weiter.
Außerdem sei eine der wichtigsten Schlussfolgerungen des Reviews, dass chronischer Stress nicht alle Krebsarten gleichermaßen beeinflusst. Denn seine biologische und klinische Bedeutung hänge sowohl von der Art der Erkrankung als auch von ihrer Prognose ab.
Unterschiedlicher Stress bei verschiedenen Krebsarten
So sei der Stress bei Krebsarten mit besseren Überlebensraten wie Brust- und Prostatakrebs meist eine Folge chronischer Unsicherheit aufgrund der Erkrankung, den Nebenwirkungen der Behandlung, der Angst vor einem Rückfall und dauerhaften Veränderungen der Lebensqualität.
In diesem Zusammenhang rücke die biologische Rolle der adrenergen und Glukokortikoid-Signalwege in den Vordergrund, die in präklinischen Studien unter anderem mit der Metastasierung und dem Therapieansprechen in Verbindung gebracht wurden, so das Forschungsteam.
Der Stress beeinträchtige hier nicht automatisch die Therapie, könne aber ein zusätzlicher biologischer Faktor sein, der zum Krankheitsverlauf beitrage. Anders sei es jedoch bei Krebsarten mit schlechterer Prognose wie Bauchspeicheldrüsen- und Eierstockkrebs.
In dieser Gruppe seien schwere psychische Belastungen und Depressionen weitaus häufiger und meist schwerwiegender, wobei auf biologischer Ebene Entzündungs- und Zytokinmechanismen dominieren, darunter erhöhte IL-6-Werte und signifikanter systemischer Stress, erläutern die Forschenden.
Auch seien die psychische Symptome hier mitunter bereits vor der Krebsdiagnose vorhanden, was auf die Beteiligung biologischer Mechanismen und nicht nur auf eine emotionale Reaktion auf die Diagnose hindeute.
„Die psychische Belastung ist nicht nur ein Gefühl, sondern ein Faktor, der zur physiologischen Überlastung des Körpers beitragen und die für den Behandlungsprozess notwendigen Reserven reduzieren kann“, betont Dr. Herbetko.
Psychotherapien könnten helfen
Daher könnten Psychotherapien in der Onkologie laut den Fachleuten mehr als nur emotionale Unterstützung bieten, auch wenn bisher kein direkter Einfluss auf die Überlebensrate bei Krebserkrankungen nachgewiesen sei.
„Wir beobachten reale, messbare biologische Veränderungen, aber der aktuelle Wissensstand erlaubt keine eindeutigen Schlussfolgerungen hinsichtlich der Mortalität“, so Herbetko.
Mögliche Maßnahmen zur Vermeidung von chronischem Stress und zur Verbesserung des Therapieerfolgs seien
- eine systematische Integration der Psychoonkologie in die Standardversorgung;
- das routinemäßige Screening auf psychische Belastungen und die Bereitstellung von schnellem Hilfeangebot;
- die Unterstützung von Partnerinnen, Partnern und Angehörigen;
- sowie die Entwicklung digitaler Interventionen (E-Health) und Strategien zur Aufrechterhaltung der Therapieerfolge.
Chronischer Stress ist ein Faktor, der mit messbaren biologischen Prozessen zusammenhängt, die wie Schmerzen, Mangelernährung oder Schlafstörungen klinisch behandelt werden können und sollten, betonen die Forschenden.
„Psychoonkologie darf nicht als Zusatzleistung betrachtet werden. Chronischer Stress sollte als modifizierbarer Risikofaktor in der Onkologie behandelt und im Kontext komplexer biologischer, psychologischer und umweltbedingter Wechselwirkungen analysiert werden“, ergänzt Dr. Herbetko. (fp)
Autoren- und Quelleninformationen
Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.
- Wroclaw Medical University: Chronic stress and the course of cancer (veröffentlicht 24.03.2026), eurekalert.org
- Katarzyna Herbetko, Justyna Kaczor, Adam Sołtyk, Monika Kisielewska, Marcel Opęchowski, Aleksandra Sztuder, Julita Kulbacka:The Impact of Chronic Stress on Cancer Development and Progression; in: International Journal of Molecular Sciences (veröffentlicht 09.01.2026), mdpi.com
Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.









