Neue Krebsbehandlung kann zu Rheuma führen

Ein Mann fasst sich an die schmerzende Hand

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Rheuma als Nebenwirkung von neuer Krebsbehandlung

Vor einigen Jahren wurden in Deutschland sogenannte Checkpoint-Inhibitoren zugelassen. Diese Medikamente können Krebserkrankungen heilen, indem sie die körpereigene Immunabwehr verstärken. Allerdings aktivieren die Arzneimittel dabei auch dieselben Zellen, die an der Entstehung der rheumatoiden Arthritis (RA) und anderer Autoimmunerkrankungen beteiligt sind, körpereigene T-Zellen.


Checkpoint-Inhibitoren können nicht nur zu den sogenannten zielgerichteten Medikamenten gerechnet werden, sondern gehören auch zu den immuntherapeutischen Verfahren. Diese Arzneimittel können gegen Krebs helfen, aber auch zu Rheuma führen. Deshalb gehören Gelenkbeschwerden zu häufigen Nebenwirkungen der Checkpoint-Inhibitoren – Krebspatienten benötigen immer häufiger eine rheumatologische Behandlung.

Ein Mann fasst sich an die schmerzende Hand
Checkpoint-Inhibitoren sind relativ neue Medikamente, die Krebserkrankungen heilen können, indem sie die körpereigene Immunabwehr verstärken. Als eine Nebenwirkung können diese Arzneimittel aber auch Gelenkbeschwerden verursachen. (Bild: sepra/fotolia.com)

Angriffslust bleibt nicht auf die Tumoren beschränkt

Wie die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V. (DGRh) in einer Mitteilung erklärt, wurden seit 2011 in Deutschland sechs Checkpoint-Inhibitoren zugelassen. Laut den Experten verhindern die Antikörper Ipilimumab, Nivolumab, Pembrolizumab, Atezolizumab, Durvalumab und Avelumab auf unterschiedliche Weise, dass Krebszellen sich der Abwehr durch T-Zellen entziehen können.

„Die Angriffsbereitschaft der T-Zellen wird gesteigert und vormals unheilbare Krebserkrankungen wie das Melanom und Lungenkrebs drängt das Immunsystem des Körpers zurück“, erklärt Professor Dr. med Hendrik Schulze-Koops, Präsident der DGRh und Leiter der Rheumaeinheit des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Angriffslust der T-Zellen bleibt aber nicht auf die Tumoren beschränkt. Sie können auch gesunde körpereigene Zellen angreifen und sind wichtiger Akteur bei Autoimmunerkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis (RA). „Folge ist, dass es während der Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren häufig zu Autoimmunphänomenen kommt“, so Professor Schulze-Koops.

Den Experten zufolge erleiden bis zu 70 Prozent der Patienten während einer Therapie beispielweise Muskel- oder Gelenkschmerzen oder auch eine Entzündung der Tränen- oder Speicheldrüsen, wodurch es zu einer Trockenheit der Schleimhäute kommt. In Einzelfällen werden auch die Blutgefäße angegriffen oder es kommt zu Autoimmunerkrankungen von Drüsen, des Darmes, der Haut oder von anderen inneren Organen. Männer sind dabei ebenso oft betroffen wie Frauen.

Starke Gelenkbeschwerden seien ein gutes Zeichen

Weil die Antikrebswirkung der Checkpoint-Inhibitoren von der Aktivierung der T-Zellen abhängt, sind auch die Immunnebenwirkungen umso stärker, je besser die Medikamente wirken. „Etwa zwei Drittel der Patienten, bei denen sich der Tumor teilweise oder ganz zurückbildet, leiden unter den Immunnebenwirkungen“, erklärt Professor Schulze-Koops. Deshalb seien starke Gelenkbeschwerden oder andere Autoimmunphänomenen im Prinzip ein gutes Zeichen für die Patienten, sagt der Rheumatologe.

„Wir wissen inzwischen auch, wie wir ihnen helfen können, ohne zu schaden“, so der Experte. Die Patienten würden heute mit den gleichen Medikamenten behandelt, die auch bei Rheuma-Erkrankungen zum Einsatz kommen. Schwere Schübe werden mit Kortison abgefangen, danach erhalten die Patienten Methotrexat, das seit langem ein Standardmedikament in der Behandlung von rheumatischen Erkrankungen ist.

„Entscheidend ist, dass im Rahmen einer Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren rechtzeitig ein Rheumatologe hinzugezogen wird, sobald es zu entsprechenden Symptomen kommt“, so der Präsident der DGRh. Umgehend behandelt, können Langzeitfolgen der modernen Krebstherapie so gut verhindert werden. Dafür arbeiten Krebsspezialisten und Rheumatologen in der Therapie dieser Patienten eng zusammen.

Verschiedene Nebenwirkungen

Neben den beschriebenen Gelenkbeschwerden können Checkpoint-Inhibitoren noch weitere Nebenwirkungen haben: „Dazu zählen vor allem überschießende Immunreaktionen. Fieber, Hautbeschwerden mit Ausschlag, Schwellungen und Juckreiz zählen zu den häufigeren Beschwerden. Auch Entzündungen des Darms, der Leber, der Hirnanhangsdrüse, der Nieren und der Lunge sind möglich“, erklärte der Krebsinformationsdienst in einer älteren Mitteilung. Zudem wurde in der Zeitschrift „Der Nervenarzt“ über neurologische Nebenwirkungen von Checkpoint-Inhibitoren berichtet. (ad)

Autor:
Alfred Domke
Quellen:

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.