Schwindel: Rätsel um funktionellen Schwindel ohne körperlichen Befund gelöst

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Wahrnehmungsstörung als möglicher Grund für Schwindel

Schwindel tritt häufig als Symptom bei zahlreichen Erkrankungen auf. Die Ursachen dafür können vielfältiger Natur sein und psychischen oder physischen Ursprung haben. Von eher harmlos bis hin zu ernsthaften Erkrankungen reicht das Spektrum der Schwindel-Ursachen. Ein Teil der Betroffenen leidet jedoch unter einer Art von Schwindel, bei der sich keine Ursache feststellen lässt. Diese Patientinnen und Patienten haben oft eine erfolglose Ärzte-Odyssee hinter sich und sind hinterher genauso schlau wie vorher. Ein deutsches Forschungsteam ist nun den Ursachen des funktionellem Schwindels auf den Grund gegangen.


Ein Team der Technischen Universität München (TUM) zeigte erstmals mögliche Ursachen für Schwindelanfälle, die auf keinem körperlichen Befund basieren. In verschiedenen Tests zeigten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass die Ursache für solche Beschwerden in der senso-motorischen Verarbeitung des Gehirns liegen. Die Ergebnisse wurden kürzlich in dem Fachjournal „Progress in Brain Research“ präsentiert.

Schwindelanfälle ohne ersichtliche Ursache können für Betroffene eine starke Belastung darstellen. Forschende aus München haben jetzt eine mögliche Ursache für funktionellen Schwindel entdeckt. (Bild: pathdoc/fotolia.com)

Manche funktionellen Beschwerden basieren auf Wahrnehmungsstörungen

Unter Forschenden, die sich mit funktionellen Beschwerden beschäftigen, wurde die These aufgestellt, dass funktioneller Schwindel auf fehlerhaften Verarbeitungen von Wahrnehmungsreizen im Gehirn beruht. Das Team um Professorin Nadine Lehnen konnte die These nun mit ihrer aktuellen Arbeit stützen.

Ablauf der Studie

In einer Pilotstudie wurden acht Personen, die unter funktionellem Schwindel leiden, sowie elf gesunde Kontrollpersonen einzeln in einen dunklen Raum gesetzt. Anschließend erschienen links und rechts an der Wand Lichtpunkte, zu denen die Teilnehmenden blicken mussten. Der Test wurde dann mit einem speziellen Helm wiederholt, der die Trägheit des Kopfes veränderte. Die Augen- und Kopfbewegungen der Probandinnen und Probanden wurden erfasst und dokumentiert.

Schwindel-Patienten konnten Trägheit nicht ausgleichen

Die Teilnehmenden ohne funktionellen Schwindel waren in der Lage, die Kopfbewegungen schnell an die neuen Gegebenheiten anzupassen, die durch den Helm bedingt waren. Wackelbewegungen, die anfangs durch die zunehmende Trägheit verursacht wurden, konnten schnell ausgeglichen werden. Ganz anders sah es bei den Teilnehmenden mit funktionellem Schwindel aus. Diese Personen taten sich mit dem Ausgleich der Trägheit sehr schwer und der Kopf wackelte stärker und länger. „Unsere Ergebnisse machen beeindruckend klar, dass sich funktioneller Schwindel so äußerte wie schwere körperliche Erkrankungen, zum Beispiel nach komplettem Verlust der Funktion der Gleichgewichtsnerven“, erklärt Nadine Lehnen aus dem Forschungsteam. Dies zeige, wie stark diese Menschen eingeschränkt sind.

Vorhersagefehler im Gehirn

Die Forschenden erklären die Hintergründe zu diesem Experiment. Das Gehirn speichert gelernte Modelle, die auf Vorerfahrungen basieren. Dank solchen Modellen sind Menschen in der Lage, sensorische Eindrücke vorherzusehen, die durch Bewegungen entstehen. Das Gehirn gleicht diese Erwartung dann mit den Informationen ab, die von den Gleichgewichtsorganen ausgehen. Stimmen diese Informationen nicht überein, kommt es zu einem Widerspruch zwischen Erwartung und Realität. In medizinischen Kreisen wird dies als „Vorhersagefehler“ bezeichnet.

Schwindel-Patienten können Vorhersagefehler nicht ausgleichen

„Gesunde können diesen Fehler problemlos wahrnehmen, verarbeiten und ihre Bewegung anpassen“, erklärt Lehnen. Patientinnen und Patienten mit funktionellem Schwindel scheinen solche senso-motorischen Eindrücke jedoch nicht korrekt verarbeitet zu können. Wie das Forschungsteam berichtet, verlässt sich das Gehirn bei den Schwindel-Betroffenen primär auf die eingespeicherten Modelle, die in bestimmten Situationen dann nicht mehr zur realen Bewegung passen.

Neue Therapie-Option eröffnet

Die Tests zeigten auch, dass die Schwindel-Betroffenen eine einschränkte Lernfähigkeit besitzen, solche Modelle auszugleichen. Dies eröffne einen neuen therapeutischen Ansatz, bei dem diese neu entdeckten Verarbeitungsdefizite berücksichtigt werden. Das Team will nun die Erkenntnisse in einer größeren Studie weiter ausbauen. (vb)

Autor:
Diplom-Redakteur (FH) Volker Blasek
Quellen:
  • Lehnen, Nadine / Schröder, Lena / Henningsen, Peter / u.a.: Deficient head motor control in functional dizziness: Experimental evidence of central sensory-motor dysfunction in persistent physical symptoms, Progress in Brain Research, 2019, sciencedirect.com
  • Technische Universität München (TUM): Wahrnehmungsstörung könnte Betroffene aus dem Gleichgewicht bringen (Abruf: 02.08.2019), tum.de