Süße Aggressionen: Warum wir etwas fast zerquetschen wollen, wenn es zu niedlich ist

Warum wir bei Tier- und Menschenbabys regelrecht ausrasten

Kaum etwas ist mehr verbreitet und beliebter im Internet, als Bilder und Videos von Hunde- und Katzenbabys. Manche Menschen erleiden beim Anblick einen regelrechten „Niedlichkeitsanfall“, bei dem sie einen starken Drang verspüren, das Baby-Tier heftig zu knuddeln, zu drücken oder sogar zu beißen, ohne dass der Wunsch dahintersteckt, einen Schaden anzurichten. Woher kommt dieser weit verbreitete Drang? Psychologen haben dieses Phänomen der Niedlichkeits-Aggression kürzlich in einer Studie untersucht.


Viele Menschen kennen es: Beim Anblick eines niedlichen Tierbabys möchte man es am liebsten packen und so doll drücken, wie es geht. Auch bei menschlichen Babys und Kindern entsteht bei vielen Personen dieser Drang. Ein Forschungsteam um die Psychologin Katherine Stavropoulos von der University of California – Riverside ging diesem häufig vorkommenden Verhaltensmuster auf die Spur, um die seltsame Form der Aggression besser zu verstehen. Die Studienergebnisse sind kürzlich in dem Fachjournal „Frontiers in Behavioral Nueroscience“ erschienen.

Hand aufs Herz – Wer bekommt beim Anblick dieses Hundebabys nicht das Bedürfnis, es zu drücken? (Bild: GAP artwork/fotolia.com)

Sind wir der Niedlichkeit hilflos ausgeliefert?

Forschungsleiterin Stavropoulos widmete sich dem Thema, nachdem sie eine Untersuchung über diese Art der Aggression gelesen hatte. Im Jahr 2015 hatte ein Team von Psychologen der Yale University über das Phänomen berichtet. Die Yale-Forschenden stellten zunächst fest, dass die Befragten eher auf Tierbabys als auf erwachsene Tiere reagierten. Stavropoulos wollte die Erkenntnisse in diesem Bereich vertiefen. „Wenn Menschen berichteten, dass sie den Drang verspürten, Lebewesen, die sie niedlich finden, zu quetschen oder sogar zu beißen, müsste sich dies auch als Aktivitätsmuster im Gehirn widerspiegeln“, erklärt die Psychologin in einer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen.

Was im Gehirn passiert, wenn wir Babys sehen

Zu Forschungszwecken erklärten sich die Teilnehmenden der Studie bereit, jeweils 32 Fotos aus den Kategorien Menschenbabys, Tierbabys und erwachsene Tiere anzuschauen, während ihre Hirnaktivität gemessen wurde. Danach mussten sie einen Fragebogen ausfüllen, wie sie sich bei dem Anblick der Bilder fühlten. „Es gab eine besonders starke Übereinstimmung zwischen der selbst bewerteten Niedlichkeits-Aggression gegenüber niedlichen Tierbaby und der aufgezeichneten Belohnungsreaktion im Gehirn“, so Stavropoulos. Dies bestätige die These, dass das Belohnungssystem bei dieser Form der Aggression involviert ist.

Menschen mit Kindern finden Menschenbabys süßer

Die Ergebnisse zeigten ebenso, dass die Reaktion bei den Tierbabys wesentlich heftiger war, als bei den erwachsenen Tieren. Bei menschlichen Babys zeigten sich nicht durchgehend die gleichen Muster. „Ich denke, wenn Sie ein Kind haben und Bilder von süßen Babys betrachten, zeigen Sie möglicherweise mehr süße Aggression und stärkere neuronale Reaktionen, als Personen, die keine Kinder haben“, vermutet die Psychologin.

Woher kommt dieses Gefühl?

Die Studie liefert nach Angaben der Forschenden den ersten neuronalen Beweis für die signifikanten Gefühle der Niedlichkeits-Aggression. Warum wir solche Emotionen empfinden, bleibt zunächst Theorie. Stavropoulos sieht in diesem Prozess ein evolutionäres Mittel, dass sicherstellen soll, dass der Mensch in der Lage ist, sich um Lebewesen zu kümmern, die er für besonders süß hält. „Wenn wir etwas als überwältigend süß empfinden, kümmern wir uns eher darum“, resümiert die Psychologin. (vb)