Übergewicht in der Kindheit: Einmal dick, auf Dauer dick?

Wie lässt sich die Fettsucht-Epidemie überwinden?

Übergewicht und Fettleibigkeit im Kindesalter sind ein stark wachsendes Problem. „Die immense Zunahme von Fettsucht bei Kindern übertrifft alle früheren Annahmen und ist zu einer dramatischen Bedrohung ihrer Gesundheit geworden“, mahnt die Stiftung Kindergesundheit in einer aktuellen Mitteilung. Daher haben die Experten eine Reihe praktischer Empfehlungen zusammengefasst, die zur Vorbeugung gegen Übergewicht im Kindesalter beitragen sollen.


„Übergewicht und Adipositas haben epidemische Ausmaße angenommen und müssen von Gesellschaft und Politik konsequenter als bisher bekämpft werden“, so die Forderung der Stiftung Kindergesundheit. Die Experten nennen hier verschiedene Maßnahmen, die zur Vermeidung von Übergewicht und Fettleibigkeit bei Kindern beitragen könnten – von einem Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel bis hin zum Aufstellen von Wasserspendern. Die Bekämpfung der Fettsuchtepidemie müsse dringend vorangetrieben werden.

Wie lässt sich die Fettsucht-Epidemie bei Kindern noch stoppen? (Bild: kwanchaichaiudom/fotolia.com

Immer mehr Kinder sind fettleibig

Laut Professor Dr. Berthold Koletzko, Stoffwechselexperte der Universitätskinderklinik München und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit, hat „die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in den letzten 40 Jahren um mehr als das Achtfache zugenommen.“ Dabei beruft sich der Experte auf die Zahlen aus einer kürzlich publizierten Analyse von 416 Studien mit mehr als 160 Millionen Kindern und Jugendlichen aus 200 Ländern. Diese habe gezeigt, dass der Anteil der fettsüchtigen Mädchen von 0,7 Prozent im Jahr 1975 auf 5,6 Prozent im Jahr 2016 und bei den Jungen von 0,9 Prozent auf 7,8 Prozent gestiegen ist. Das habe enorme Konsequenzen für die Gesundheit der betroffenen Kinder.

Gesundheitlichen Folgen der Gewichtsprobleme

Unter Berufung auf die repräsentativen Zahlen der bundesweiten Studie „KiGGS“ berichtet die Stiftung Kindergesundheit, dass hierzulande 15 Prozent der drei- bis siebzehnjährigen Kinder übergewichtig und 6,3 Prozent adipös (fettleibig) sind. Die Liste der möglichen gesundheitlichen Folgen reiche dabei „von Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall über Leberzirrhose, Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems und bestimmte Krebsarten bis zu psychischen Belastungen, einer beeinträchtigten Leistungsfähigkeit und Depressivität“, so die Mitteilung der Stiftung Kindergesundheit. „Übergewicht ist mehr als Babyspeck, Posaunenengel leben gefährlich“, betont Professor Koletzko.

Erhöhtes frühzeitiges Sterberisiko

Bei fettsüchtigen Jugendlichen erhöht sich im Vergleich zu Gleichaltrigen mit Normalgewicht im Laufe der nächsten vierzig Jahre ihres Lebens das Risiko für den Tod um das 4,9-fache und für den Tod durch alle Herz-Kreislauf-Ursachen um das 3,5-fache, berichtet die Stiftung Kindergesundheit unter Berufung auf aktuelle Studien. Im Vergleich zu normalgewichtigen Kindern sei bei übergewichtigen Jugendlichen außerdem ein 1,4-fach erhöhtes Risiko für psychische Auffälligkeiten festzustellen (bei adipösen Jugendlichen ein 2,5-fach erhöhtes Risiko).

Das Leben wir stark verkürzt

Insgesamt verkürzt Übergewicht bei jungen Erwachsenen ihr Leben um 2,5 Jahre, eine leichte Adipositas verkürzte ihr Leben um knapp sechs Jahre und bei schwerer Adipositas leben sie sechs bis acht Jahre kürzer, berichtet die Stiftung Kindergesundheit. „Das bedeutet, dass eine schwer ausgeprägte Adipositas das Leben stärker verkürzt als manche bösartige Erkrankung“, betont Professor Berthold Koletzko.

Überschüssige Pfunden „verwachsen“ sich nicht

Der Hoffnung vieler Eltern, dass sich die überschüssigen Pfunde der Kinder mit der Zeit wieder „verwachsen“, widerspricht Prof. Koletzko ausdrücklich. Dies sei eine trügerische Hoffnung. „Leidet ein Kind oder ein Jugendlicher unter Adipositas, wird sich sein Gewicht später in aller Regel nicht wieder normalisieren“, so der Experte weiter. „Ein dickes Kind wird nicht schlank“, betont Prof. Koletzko. Hier gilt es demnach aktiv gegenzusteuern und die Ursachen der Gewichtsprobleme zu beheben.

Ursachen der Fettsucht-Epidemie

Allerdings sind die Ursachen für die Fettsucht-Epidemie laut Angaben der Stiftung Kindergesundheit durchaus vielfältig. Hier spiele die verführerische Werbung, die leichte Verfügbarkeit ungesunder Lebensmittel und süßer Getränke ebenso eine Rolle, wie die massive Nutzung von Bildschirmmedien, Smartphones und Handys und der damit verbundene Mangel an Bewegung. Bei den zuckerhaltigen Getränken zeige sich zudem immer deutlicher, dass sie ein eigenständiger Risikofaktor für eine übermäßige Gewichtszunahme sind.

Kinder sollen Wasser trinken

Daher empfiehlt die Stiftung Kindergesundheit, dass Kinder schon von klein auf an das Wasser-Trinken gewöhnt werden sollten und zuckerhaltige Getränke wie zum Beispiel Limonade, Cola-Getränke, gesüßte Tees oder Eistees, Fruchtsäfte, Fruchtnektare oder Fruchtsaftschorle die Ausnahme bleiben sollten. In Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche jeden Alters sollten nach Ansicht der Experten keine zuckerhaltigen Getränke angeboten werden. „Dass dies tatsächlich gelingen kann, zeigt beispielsweise das von der Stiftung Kindergesundheit entwickelte Kindergartenprogramm TigerKids mit seinen einfachen und praktischen Elementen“, berichtet Professor Koletzko.

Beispielprojekte in Kindertagesstätten

Bei dem Projekt wurde kaut Angaben der Stiftung Kindergesundheit in der Kita eine Trinkstation eingerichtet, an der Wasser und zuckerfreie Tees angeboten werden. Außerdem bereiten die Kinder sich selbst Obstteller mit klein geschnittenem Gemüse und Obststückchen zu. Bereits nach kurzer Zeit habe sich der Erfolg gezeigt. „Für die Vorschulkinder wird es zur Gewohnheit, selbstverständlich und regelmäßig Wasser zu trinken und Gemüse und Obst zu essen“, berichtet die Stiftung Kindergesundheit. Die Gewöhnung der Kinder an das gesundheitsförderliche Verhalten führe dann auch zu Hause zu einem häufigeren Verzehr von Gemüse, Obst und Wasser und einem Rückgang des Konsums gezuckerter Getränke.

Wasserspender helfen

Ein weiteres Beispiel bildet laut Angaben der Stiftung die in Nordrhein-Westfalen durchgeführte TrinkFit-Studie. Bei dieser erhielten Grundschulkinder eigene Trinkflaschen und konnten sich an einem Wasserspender jederzeit mit gesprudeltem oder stillem Trinkwasser versorgen. Allein die Aufstellung von Wasserspendern habe zum Trinken von mehr Wasser und einem geringeren Konsum zuckerhaltiger Getränke geführt „und schon nach einem Schuljahr zu einer um 31 Prozent geringeren Häufigkeit von Übergewicht als in den Kontrollschulen“, berichtet die Stiftung Kindergesundheit. Die zeige, wie wichtig es ist, Kinder zum Trinken von Wasser anstelle von zuckerhaltigen Getränken zu motivieren.

Durch die Aufstellung von Wasserspendern lässt sich der Konsum gesüßter Getränke reduzieren und das Gewicht der Kinder geht zurück. (Bild: Maksim Kostenko/fotolia.com)

Werbung mit fataler Wirkung

Den Experten zufolge spielt auch die an Kinder gerichtete Werbung für Lebensmittel im Fernsehen und durch die sozialen Medien eine verhängnisvolle Rolle bei der Fettsucht-Epidemie. Diese beeinflusse nachweislich die Bevorzugung, den Kauf und Verzehr von unausgewogenen und dickmachenden Produkten wie Cola, Chips und süßen Snacks. Auch habe sich die Zusage einiger großer Unternehmen, die an Kinder unter zwölf Jahren gerichtete Werbung freiwillig zu begrenzen, als reine Augenwischerei erwiesen. „Eine Studie in den USA zeigte, dass die von Unternehmen ausgelobte freiwillige Selbstbeschränkung der Werbung an Kinder nicht effektiv war“, so Professor Koletzko.

Selbstbeschränkungen der Hersteller funktionieren nicht

Weiterhin werden schon Vorschulkinder täglich der Werbung für ungesunde Lebensmittel in Kinderprogrammen ausgesetzt, berichtet Prof. Koletzko. Alle bisherigen Versuche zur besseren Aufklärung über gesundes Essen und Trinken hätten sich auch hierzulande als weitgehend vergebens erwiesen. Die Ernährungswirtschaft wehre gesetzliche Regulierungen durch ihre Lobbyarbeit bislang erfolgreich ab. In Deutschland sei bis heute weder die Bewertung der Nährstoffe noch eine einheitliche Kennzeichnung der Lebensmittelqualität durch einfache Symbole vorgeschrieben, obwohl dies eine Forderung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist.

Was sind die erforderlichen Maßnahmen?

Da die Selbstverpflichtungen der Hersteller nicht funktionieren oder sich sogar als Mogelpackung entpuppen, werde es „höchste Zeit für strengere gesetzliche Regelungen, für eine klare und verständliche Kennzeichnung von Lebensmitteln und für ihre wirksame amtliche Überwachung“, so die eindringliche Forderung der Stiftung Kindergesundheit. Strengere Regeln seien dringend erforderlich und Einzelmaßnahmen seien nicht ausreichend, um die unheilvolle Entwicklung aufzuhalten. Zu den wichtigsten umzusetzenden Maßnahmen zählen nach Einschätzung der Experten:

  • Die konsequente Förderung des Stillens;
  • die Begrenzung des hohen Zuckerkonsums durch Aufklärung und gesetzgeberische Maßnahmen;
  • die Förderung des Wasserkonsums durch Besteuerung stark gezuckerter Getränke;
  • die Einschränkung der an Kinder gerichteten Werbung in Massenmedien und in den sozialen Medien des Internets;
  • eine einfache und allgemeinverständliche Kennzeichnung von Lebensmitteln, damit Verbraucher die besseren Produkte schnell erkennen können.

Wissenschaft, Gesellschaft und Politik müssen zusammenarbeiten

Insgesamt müssen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik nach Ansicht der Stiftung Kindergesundheit enger zusammenarbeiten, „um die dickmachende Lebenswelt der Kinder zu verändern.“ Dabei sei auch die Umsetzung regelmäßiger Bewegungsaktivitäten in Kitas, Schulen und in der Freizeit wichtig, betont Professor Koletzko. Denn Kinder und Jugendliche sollten sich laut Aussage des Experten mindestens 90 Minuten am Tag bewegen. Darüber hinaus sollten Eltern die Nutzung audiovisueller Medien ihrer Kinder auf höchstens zwei Stunden am Tag begrenzen, so Professor Koletzko weiter. Und nicht zuletzt müssen Kinder, Eltern und Betreuende Kenntnisse und praktische Kompetenz zu Getränken, Ernährung und Gesundheit erhalten. (fp)