Warum können wir uns nicht selbst kitzeln?

Junge Frau kitzelt ihr Baby auf einer Blumenwiese

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Forschende entschlüsseln das Phänomen der Kitzligkeit

Kitzlig sind die meisten Menschen, doch können wir uns nicht selbst kitzeln. Auch wohnt dem Kitzeln eine gewisse Ambivalenz inne, die sich zum Beispiel darin äußert, dass Kinder sich heftig wehren, wen sie gekitzelt werden, aber nach mehr verlangen, sobald das Kitzeln aufhört. Forschende der Humboldt-Universität zu Berlin sind dem Phänomen nun auf den Grund gegangen und haben eine Erklärung dafür gefunden, warum man sich nicht selbst kitzeln kann.


Bereits 350 v. Chr. habe Aristoteles die Frage aufgeworfen, warum wir uns nicht selbst kitzeln können, berichtet das Forschungsteam um Professor Dr. Michael Brecht von der Humboldt-Universität. In einer aktuellen Studie haben die Forschenden nun anhand von Ratten untersucht, welche Mechanismen der Kitzligkeit zugrunde liegen und sie stießen dabei auf durchaus überraschende Zusammenhänge. Ihre Ergebnisse haben sie in der Fachzeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht.

Junge Frau kitzelt ihr Baby auf einer Blumenwiese
Warum wir uns selbst nicht kitzeln können, haben Forschende in einer aktuellen Studie untersucht – mit überraschendem Ergebnis. (Bild: Christin Lola/fotolia.com)

Kitzligkeit ein mysteriöses Phänomen

Die Kitzligkeit ist ein auf vielen Ebenen mysteriöses Phänomen, das bis heute nur unzureichend aufgeklärt wurde. Es blieb unklar, warum wir uns nicht selbst kitzeln können und warum mitunter bereits „die reine Annäherung einer kitzelnden Hand ohne Berührung Lachen hervorruft“, erläutert das Forschungsteam. Auch die Ambivalenz zwischen Freude und Ablehnung beim Kitzeln war bislang nicht erklärbar. In Versuchen an Ratten haben die Forschenden nun versucht, Erklärungen zu finden.

Auch Ratten können lachen

Frühere Studien hatten bereits zeigten, dass Ratten mit einer Art „Lachen“ im Ultraschallbereich reagieren, wenn sie von Menschen gekitzelt werden, berichten die Forschenden. Vermittelt werde dieses „Lachen“ durch den somatosensorischen Kortex, die größte taktile Repräsentation im Gehirn. Das Kitzeln durch andere führt zu einer Aktivierung in dieser Gehirnregion, die bei Selbstberührung nicht auftritt. Bisher gingen die Erklärungsversuche hier davon aus, dass dies darauf basiert, dass das Gehirn zwischen Selbstberührung und der Berührung durch Andere unterscheiden kann.

Einfacher Mechanismus verhindert Selbst-Kitzeln

Doch in ihren aktuellen Untersuchungen kamen die Forschenden zu dem Schluss, dass ein einfacherer Mechanismus dafür verantwortlich ist, dass wir uns selbst nicht kitzeln können. Die Vokalisationen, also das Lachen, wurde ebenso wie die Aktivität des somatosensorischen Kortex bei den Ratten während einer Selbstberührung (beispielsweise dem Putzen) unterdrückt. Bei der Berührung und dem Kitzeln durch die Forschenden seien Vokalisation und Kortex-Aktivität hingegen verstärkt worden.

Unterdrückung im Gehirn

Erfolgten die Selbstberührung und die Berührung durch Andere zur selben Zeit, wurden die Vokalisationen und die Aktivität des somatosensorischen Kortex ebenfalls unterdrückt, berichten die Forschenden. Dies deute darauf hin, dass das Gehirn der Ratte hier nicht zwischen Selbstberührung und der Berührung durch Andere unterscheidet. Sobald sie die zuständigen Neuronen pharmakologisch blockierten, blieb auch bei gleichzeitiger Selbst- und Fremdberührung die Empfindung des Kitzelns.

Ambivalenz des Kitzelns

In weiteren Versuchen brachten die Forschenden den Ratten bei, wie sie eine Kitzel-Interaktion anfordern können und obwohl die Ratten dies freiwillig taten, brachen sie „diese Initiation des Kitzelns manchmal vorzeitig ab und zeigten Fluchtverhalten, Schreckstarre und für gewöhnlich mit negativen Emotionen assoziierte Vokalisationen.“ Eine vergleichbar rätselhafte Ambivalenz wie bei dem oben beschriebenen Verhalten von Kindern. Warum Kitzeln bereits funktionieren kann, bevor eine Berührung stattgefunden hat, konnten die Forschenden ebenfalls entschlüsseln. So sei eine tief liegende Schicht des somatosensorischen Kortex bei der Eigen-Initiation aktiviert worden, noch bevor die Kitzel-Interaktion begonnen habe.

„Inhibitorische Bremse“ bei Selbstberührung

Den Angaben der Forschenden zufolge legen die die Studienergebnisse den Schluss nahe, dass bei Selbstberührung eine „inhibitorische Bremse“ im somatosensorischen Kortex aktiviert wird, so dass wir uns nicht selbst kitzeln können. Die die Ambivalenz in Bezug auf Kitzeln sei zudem offenbar eine Verhaltensreaktion, die von Ratten und Menschen geteilt werde. Und nicht zuletzt habe die Studie gezeigt, dass im somatosensorischen Kortex nicht nur bei Berührung, sondern bereits bei der Erwartung, gekitzelt zu werden, eine Aktivierung erfolgt. (fp)

Autor:
Dipl. Geogr. Fabian Peters
Quellen:
  • Shimpei Ishiyama, Lena V. Kaufmann, Michael Brecht: Behavioral and Cortical Correlates of Self-Suppression, Anticipation, and Ambivalence in Rat Tickling; in: Current Biology (veröffentlicht 26.09.2019), cell.com/
  • Humoldt-Universität zu Berlin: Warum können wir uns nicht kitzeln? (veröffentlicht 26.09.2019), hu-berlin.de

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.