Persönlichkeitsstörung / Gestörte Persönlichkeit

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Persönlichkeitsstörungen bilden eine psychische Erkrankung, bei der das Verhalten, die Charaktereigenschaften und andere Merkmale der Persönlichkeitsstruktur drastisch von der Norm abweichen. Die Betroffenen sind in bestimmten Denkmustern und Verhaltensweisen gefangen, die sie von sich aus kaum durchbrechen können.

Definition

Das psychiatrische Krankheitsbild der Persönlichkeitsstörungen (PS) umfasst eine breite Palette von psychischen Erkrankungen, die mit schweren Störungen des Erlebens und Verhaltens einhergehen. Zu unterscheiden sind die krankhaften Störungen der Persönlichkeitsstruktur von auffälligen Merkmalen des persönlichen Lebensstils, die zwar vielen als nicht normal erscheinen mögen, jedoch keine Beeinträchtigung des psychischen Wohlbefindens der Betroffenen und keine übermäßige Belastung ihres sozialen Umfelds mit sich bringen. Diese Persönlichkeitsmerkmale sind nicht als psychische Erkrankung zu verstehen. Die Abgrenzung kann hier allerdings durchaus schwierig fallen, da der Übergang zwischen einem absonderlichen Lebensstil und einer gestörten Persönlichkeit oft fließend ist. In der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird für die anschließend dargestellten Beschwerdebilder die Bezeichnung „spezifische Persönlichkeitsstörung“ verwendet. Ergänzend zu der ICD-10 wird für die Einordnung  oftmals das „Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen“ (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders; DSM) der American Psychiatric Association herangezogen.

Schizophrenie
Bei einer Persönlichkeitsstörung können die Betroffenen mitunter ihr eigenes Verhalten kaum verstehen. Bild: pix4u/fotolia.com

Symptomatik

Eine gestörte Persönlichkeit äußert sich abhängig von dem jeweiligen Typ durch verschiedene psychische Beeinträchtigungen und auffällige Verhaltensmuster. Allgemein lässt sich festhalten, dass es sich dabei meist um bestimmte Persönlichkeitsmerkmale handelt, die in einer extremen Ausprägung auftreten und so zu einer Belastung für die soziale Stabilität der Betroffenen, deren persönliches Wohlbefinden und ihr Umfeld werden. Die Berliner Charité hat hierzu eine Zusammenstellung bereitgestellt, in der die verschiedenen Merkmale des Persönlichkeitsstils und deren übersteigerte Variante als Form einer Persönlichkeitsstörung dargestellt werden. Demnach ist einem gewissenhaften, sorgfältigen Lebensstil die Übersteigerung in Form von Zwangshandlungen beziehungsweise zwanghaftem Verhalten zugeordnet. Ein ehrgeizig, selbstbewusstes Verhalten nimmt bei einer Persönlichkeitsstörung narzisstische Züge an. Expressiv, emotionale Menschen werden histrionisch (theatralisch, egoistisch). Wachsame, misstrauische Menschen werden paranoid und sprunghaft, spontane Menschen zeigen eine Borderline-Persönlichkeit. Einem anhänglich, loyalen Verhalten wird die übersteigerte Form einer dependenten Persönlichkeit zugeordnet, zurückhaltend, einsame Personen werden bei einer Persönlichkeitsstörung schizoid, Abenteurer und risikofreudige Menschen dissozial.

Entsprechend diesem relativ einfachen Schema lassen sich unterschiedliche Formen bestimmen, die jeweils mit speziellen Symptomen einhergehen und anschließend im Einzelnen ausführlicher beschrieben werden. Die Einordnung erfolgt dabei nach der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“. Diese nennt als verschiedene Formen der Persönlichkeitsstörungen (PS) eine paranoide PS, eine schizoide PS, eine dissoziale PS, eine emotional instabile (Borderline) PS, eine histrionische PS, eine anankastische (zwanghafte) PS, eine ängstliche (vermeidende) PS, eine abhängige (asthenische) PS und sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen. Eine weitere, in der ICD-10 noch nicht so lange gesondert betrachtete Variante, bilden die schizotypischen beziehungsweise schizotypen Persönlichkeitsstörungen.

Paranoide Persönlichkeitsstörung

Paranoide Störungen äußern sich in einem durch Misstrauen geprägten Verhalten, dass nicht selten in Verschwörungstheorien gipfelt und mit einer auffälligen Streitsucht einhergeht. Auch normale Handlungen der Mitmenschen werden vielfach als feindlich oder verachtend empfunden. In der Beziehung führt eine paranoide Persönlichkeitsstörung oftmals zu massiver, unbegründeter Eifersucht. Das Misstrauen macht auch vor Familienangehörigen und langjährigen Freunden keinen Halt. Ihre Handlungen und Treue werden von paranoiden Personen regelmäßig in Frage gestellt. Auf Dauer sind mit der paranoiden Persönlichkeitsstörung daher erhebliche soziale und persönliche Beeinträchtigungen verbunden. Gemäß der ICD-10 sind bei einer paranoiden Persönlichkeitsstörung mindestens vier der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen feststellbar: Misstrauen und eine feindselige oder verachtende Interpretation neutraler oder freundlicher Handlungen; überhöhte Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisungen; häufige, ungerechtfertigte Eifersucht; Neigung zu Verschwörungstheorien; Streitsucht und das Bestehen auf eigenen Rechten; eine allgemein überhöhte Selbstbezogenheit (oft in Verbindung mit Überheblichkeit) sowie die Unfähigkeit subjektiv erlebte Verletzungen zu vergeben.

Abzugrenzen ist die paranoide Störung von der paranoiden Schizophrenie und Wahnvorstellung in Form der Paranoia, die beide nach der ICD-10 eigenständige psychische Erkrankungen bilden. Menschen mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung zeigen oft weitere psychische Störungen, wobei hier insbesondere die schizotypische Persönlichkeitsstörung, die narzisstische Persönlichkeitsstörung, die Borderline-Störung und die passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung zu nennen sind.

Schizoide Persönlichkeitsstörung

Schizoide Störungen der Persönlichkeit sind geprägt durch eine Vernachlässigung der sozialen Kontakte, mangelndes emotionales Mitgefühl und Probleme beim Äußern der eigenen Emotionen. Die Betroffenen neigen dazu, sich zurückzuziehen und sind oftmals Einzelgänger. Ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber Mitmenschen kann auch hier Teil des Beschwerdebildes sein. Gemäß der ICD-10 ist von einer schizoiden Störung auszugehen, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt sind. Patienten zeigen eine emotionale Distanziertheit, sind unfähig Freude zu empfinden beziehungsweise haben nur an sehr wenigen Tätigkeiten Freude, können ihre Gefühle nur begrenzt zum Ausdruck bringen, sind gegenüber Lob oder Kritik unempfänglich, bevorzugen Einzelbeschäftigungen, sind introvertiert und neigen zu Phantastereien, pflegen keine engen Freundschaften oder vertrauensvolle Beziehungen und zeigen kaum Interesse an sexuellen Erfahrungen. Auch sind ihnen die sozialen Normen und Konventionen wenig vertraut, was zu entsprechend auffälligem Fehlverhalten führen kann.

Das ICD-10-System klassifiziert die unterschiedlichen psychischen Erkrankungen. (Bild: vege/fotolia)

Trotz der Begriffsähnlichkeit sind die schizotypischen Störungen und die Schizophrenie, welche gemäß der ICD-10 jeweils eigenständige psychische Erkrankungen bilden, klar von den schizoiden Persönlichkeitsstörungen abzugrenzen.

Dissoziale Persönlichkeitsstörung

Wesentliches Merkmal der dissozialen Persönlichkeit ist ein egozentrisches, rücksichtsloses Verhalten gegenüber Mitmenschen, das von einer gewissen Gefühlskälte und mangelnder Reue begleitet wird. Gesellschaftliche Normen und Verpflichtungen werden regelmäßig missachtet und die Betroffenen können das Verhalten auch bei drohenden Sanktionen nicht abstellen. Sie sind vermehrt aggressiv und mitunter auch gewalttätig gegen Mitmenschen. Oftmals wird die Schuld für das eigene Fehlverhalten bei der Gesellschaft gesehen oder zumindest so argumentiert. Verantwortungsbewusstsein und Schuldgefühle sind bei den Betroffenen nicht vorhanden. Von der ICD-10 vorgegebene Kriterien zur Bestimmung der dissozialen Persönlichkeitsstörung sind die Missachtung sozialer Normen, eine fehlende Empathie, Bindungsstörungen, eine niedrige Frustrationstoleranz und impulsives Verhalten, die Unfähigkeit zu sozialem Lernen, vorgeschobene Rechtfertigungen des eigenen Verhaltens und eine dauerhaft erhöhte Reizbarkeit. In der Klassifikation der DSM wird diese Form der Persönlichkeitsstörung als antisoziale Persönlichkeit bezeichnet. Die antisoziale Persönlichkeitsstörung kann sich in überlegten Handlunge äußern, die zum Beispiel eine gezielte Bereicherung auf Kosten der Mitmenschen umfassen, oder auch durch impulsives Handeln bestimmt werden, über das die Betroffenen keine Kontrolle haben.

Borderline Störung

Störungen des emotional instabilen Typs sind geprägt durch äußerst spontanes, impulsives Verhalten, Stimmungsschwankungen, Wutausbrüche sowie mitunter gewalttätige Aggression und Autoaggression. Das Verhalten der Betroffenen ist für ihre Mitmenschen oftmals nicht nachvollziehbar, zumal die Konsequenzen in Augenblicken der impulsiven Steuerung vollständig ausgeblendet werden. Entsprechend konfliktreich und instabil sind die zwischenmenschlichen Beziehungen bei Menschen mit einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung. Obwohl sie beim Umgang mit anderen Menschen oftmals erhebliche Schwierigkeiten haben, zeigen viele Betroffene eine ausgeprägte Angst vorm Alleinsein. Begleitend leiden die Patienten oftmals unter Depressionen und sie neigen vermehrt zu einem exzessiven Suchtverhalten. In der ICD-10 werden emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen in einen impulsiven Typ und einen Borderline-Typ unterschieden. Die DSM-Klassifikation kennt eine solche Unterscheidung jedoch nicht und verwendet hier den Begriff „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ als alleinige Bezeichnung.

Bei einem Borderline-Syndrom sind laut Angaben der DSM mindestens fünf der folgenden Verhaltensmerkmale zu beobachten: Angst vorm Verlassenwerden, instabile – dennoch intensive – zwischenmenschliche Beziehungen, gestörtes Selbstbild, Impulsivität, suizidale Handlungen, ein anhaltendes Gefühl der Leere, unkontrollierte Wut, paranoide Vorstellungen und dissoziatives Verhalten bei Belastung sowie eine affektive Instabilität (Reizbarkeit, Verstimmungen).

Histrionische Persönlichkeitsstörung

Prägend für das histrionische Störungsbild ist ein extrem egozentrisches Verhalten und der Hang zur Theatralik. Die Betroffenen neigen zur Dramatisierung, haben stets den Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen, und zeigen eine geringe Frustrationstoleranz. Die ICD-10 nennt als Merkmale für eine Histrionische Persönlichkeitsstörung, neben dem theatralischen Auftreten und der dramatischen Selbstdarstellung, eine leichte Beeinflussbarkeit und das stetige Streben nach aufregenden Erlebnisse, um mit diesen im Mittelpunkt zu stehen. Zudem würden die Betroffenen besonderen Wert auf ein attraktives Äußeres legen und sich vermehrt unangemessen verführerisch oder provokant verhalten. Auch manipulatives Verhalten ist oftmals Bestandteil dieser psychischen Erkrankung.

Zwanghafte Persönlichkeitsstörung

Auffälligstes Merkmal der zwanghaften Störung ist ein ausgeprägter Perfektionismus, der es den Betroffenen oftmals nahezu unmöglich macht, Aufgaben und Vorhaben abzuschließen, da das angestrebte Ziel nicht erreichbar ist. Zudem verlieren sie sich häufig in Details, einer pedantischen Befolgung von Regeln und den Zweifeln an der eigenen Leistung, wodurch das eigentliche Vorhaben in den Hintergrund tritt und die Aufgabenerfüllung zusätzlich erschwert wird. In der ICD-10 werden der übermäßige Zweifel, die ständige Beschäftigung mit Details und Regeln, der Perfektionismus und die Pedanterie ebenfalls als wesentliche Merkmale der Anankastischen Persönlichkeitsstörung genannt. Auch die Rigidität (Starrsinn, unflexible Charakterstruktur) der Patienten bildet ein maßgebliches Kriterium zur Einordnung der zwanghafte Störung, wobei von den Mitmenschen erwartet wird, dass sie sich den Gewohnheiten der Betroffenen unterordnen. Das Delegieren von Aufgaben fällt den Patienten äußerst schwer und sie neigen zu intensiven Kontrollen. Ihr Leben ist äußerst leistungsbezogen und tendenziell werden die zwischenmenschlichen Beziehungen ebenso vernachlässigt, wie das persönliche Vergnügen. Kritik an den eigenen Leistungen können die Patienten nur schwer verkraften und sie reagieren nicht selten verletzt. Begleitend zu der zwanghaften Störungsbildern leiden viele Patienten an weiteren psychischen Problemen wie beispielsweise Depressionen oder einer Zwangsstörung.

Ängstlich (vermeidende) Persönlichkeitsstörung

Ein ausgeprägtes Gefühl der Minderwertigkeit bildet bei der ängstlich vermeidenden Persönlichkeitsstörung die Basis für eine anhaltende innere Anspannung, Besorgtheit, Unsicherheit und Selbstzweifel. Die Betroffenen sind in ihren Handlungen gehemmt, sind schüchtern, fühlen sich unattraktiv und fürchten Zurückweisung genauso wie Kritik. Dies führt nicht selten zu einem Vermeidungsverhalten, dass die zwischenmenschlichen Kontakte erheblich belasten kann. Unter Umständen resultiert so aus der Angst vor Kritik und Zurückweisung eine zunehmende soziale Isolation, die von den Betroffenen selbst ausgeht. Ihre Mitmenschen haben in der Regel keine Probleme im Umgang mit den Patienten, da diese meist bescheiden, zurückhaltend oder auch leicht unterwürfig auftreten. Ihr fehlendes Selbstvertrauen zeigt sich zudem häufig in einer besonderen Aufopferungsbereitschaft, die von den Mitmenschen ebenfalls positiv wahrgenommen wird.

Wenn vier der folgenden Verhaltensmerkmale vorliegen, ist gemäß der ICD-10 von einer ängstlich (vermeidenden) Persönlichkeitsstörung die Rede: Die Betroffenen leiden unter einem anhaltenden intensiven Gefühle der Anspannung und Besorgtheit, sie empfinden sich selbst als minderwertig und unattraktiv, haben eine übertriebene Sorge vor Kritik und Ablehnung, meiden Aktivitäten mit intensiven zwischenmenschlichen Kontakten, zeigen ein ausgeprägtes Bedürfnis nach körperlicher Sicherheit, das Einschränkungen des Lebensstils bedingen kann, und pflegen persönliche Kontakte nur, wenn sie sich sicher sind, dass die Akzeptanz durch ihre Mitmenschen gewährleistet ist.

Abhängige Persönlichkeitsstörung / asthenische PS

Auch bei der abhängigen Persönlichkeitsstörung ist ein geringes Selbstbewusstsein ein wesentliches Persönlichkeitsmerkmal der Betroffenen. Hieraus resultiert ein extrem niedriges Durchsetzungsvermögen bis hin zu unterwürfigem Verhalten. Aufgrund übertriebener Trennungs- und Verlustängste klammern Menschen mit einer asthenischen PS sich oftmals eng an Personen, die ihnen wichtig sind. Alleine fühlen sie sich hilflos und inkompetent. Der ICD-10 zufolge sind bei einer abhängigen Persönlichkeitsstörung mindestens vier der folgenden Verhaltensmerkmal gegeben: Die Betroffenen überlassen vorzugsweise Anderen die wichtigsten Entscheidungen für das eigene Leben. Sie ordnen ihre Bedürfnisse grundsätzlich denen der für sie wichtigen Personen unter. Sie können ihre Ansprüche nur unzureichend äußern, haben übertriebene Angst, verlassen zu werden, fühlen sich alleine nicht überlebensfähig und können kaum Entscheidungen treffen, ohne vorher zahlreiche Ratschläge einzuholen.

Sonstige Störungen

Neben den bereits genannten Störungsbildern können verschiedene weitere Formen auftreten, wobei an dieser Stelle insbesondere die passiv-aggressive PS, die narzisstische PS und kombinierten PS erwähnenswert sind. Die passiv-aggressive Störung ist vor allem geprägt durch einen passiven Widerstand gegenüber äußeren Leistungsanforderungen. Die Leistung wird vielfach schlichtweg verweigert, ohne dies zu begründen oder zu thematisieren. Eine exakte Klassifikation dieser speziellen psychischen Krankheiten nach ICD-10 liegen bislang (noch) nicht vor. Gleiches gilt für die narzisstische Persönlichkeitsstörung, welche durch eine extrem überzogene Bewertung der eigenen Fähigkeiten und Person gekennzeichnet ist. Sie geht in der Regel auch erheblich zu Lasten der Mitmenschen, die tendenziell weniger wichtig bewertet werden, als die eigene Person. Den Betroffenen fehlt es an Empathie und sie zeigen häufig ein arrogantes Verhalten gegenüber Anderen. Kritik können Menschen mit narzisstischer PS nur sehr schlecht verkraften, da diese ihr eigenes unrealistisches Selbstbild stört.

Die kombinierten Störungsbilder sind als Beschwerdebilder zu verstehen, bei denen einzelne Verhaltensmerkmale zwar derart ausgeprägt auftreten, dass von einer psychischen Störung ausgegangen werden kann, allerdings keine Zuordnung zu einer exakten PS nach ICD-10 oder DSM möglich ist. Nicht selten treten kombinierte psychische Störungen in Kontext mit anderen psychischen Erkrankungen wie Phobien oder Affektstörungen in Erscheinung. Die Diagnose kombinierter Persönlichkeitsstörungen ist aufgrund der wenig eindeutigen Verhaltensmerkmale besonders schwierig.

Eine weitere Form bildet die schizotypische PS, welche allerdings nicht den spezifischen Störungen nach der ICD-10 zugeordnet wird. Insbesondere im zwischenmenschlichen Umgang haben die Betroffenen erhebliche Probleme. Sie sind anderen gegenüber extrem misstrauisch, haben Schwierigkeiten enge Bindungen einzugehen und aufrechtzuerhalten, zeigen äußerst exzentrische Wesenszüge (in Erscheinungsbild und Sprache), ungewöhnliche Denkweisen (zum Beispiel Glaube an Magie) und sind in ihrem Affekt eingeschränkt, was sie oftmals kalt und unnahbar wirken lässt.

Ursachen

Ein allgemein gültiges Erklärungsmodell für die Entstehung von Persönlichkeitsstörungen liegt bislang nicht vor. Allerdings besteht in der Fachwelt weitgehende Einigkeit darüber, dass als Ursache bei den meisten Patienten eine Kombination aus genetischer Veranlagung und psychischen Belastungen durch Umweltfaktoren die Entwicklung der PS verursacht. Insbesondere Ereignissen in der frühen Kindheit, wie einer starken emotionalen Vernachlässigung, elterlicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch, wird hier eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Chaotisch-instabile soziale Verhältnisse gelten als generelle Risikofaktoren für die Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung. Leiden die Eltern an einer psychischen Störung, ist die Wahrscheinlichkeit der Kinder, eine PS zu entwickeln, ebenfalls erhöht. Des Weiteren wird die Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen vermehrt in Zusammenhang mit exzessivem Drogenkonsum gebracht. Die biologischen und sozialen Faktoren können bei der individuellen Entstehungsgeschichten der PS in äußerst unterschiedlicher Ausprägung auftreten, wodurch eine direkte Zuordnung bestimmter Persönlichkeitsstörungen zu einzelnen Kombinationen von Umweltfaktoren und genetischen Veranlagungen nicht möglich ist.

Häufigkeit

Die einzelnen Formen der PS treten unterschiedlich häufig auf, wobei viele Formen wie beispielsweise die Schizoide PS oder die ängstlich (vermeidende) PS weniger als ein Prozent der Bevölkerung betreffen. Andere Formen wie zum Beispiel die Borderline PS oder auch die zwanghafte PS sind hingegen deutlich häufiger. „Neuere Studien haben gezeigt, dass circa zehn Prozent aller Menschen die Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung erfüllen“, berichtet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Universitätsmedizin Berlin. Demnach ist davon auszugehen, dass insgesamt rund acht Millionen Menschen in Deutschland an einer Störung der Persönlichkeit leiden.

Diagnose

Die Diagnose erfolgt anhand der vorgegebenen Kriterien der ICD-10 und der DSM-Klassifikation. Allerdings bedarf es zur Feststellung der Kriterien oftmals mehrerer Sitzungen bei einem Psychiater oder Psychotherapeuten, da sich zum Beispiel kombinierte Persönlichkeitsstörungen oftmals nur schwer diagnostizieren lassen.

Im Internet kursieren zahlreiche verschiedene Tests, mit denen eine Störung der Persönlichkeit beziehungsweise die Neigung zu einer PS ermittelt werden soll. In den Tests werden die Teilnehmer unter anderem zu ihrer Reaktion auf bestimmte Alltagsprobleme wie beispielsweise das morgendliche Verschlafen oder Ärger mit dem Chef befragt. Anhand der Antworten wird auf eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur geschlossen. Allerdings ist die Aussagekraft dieser Tests oftmals eher zweifelhaft und ohne fachärztliche Unterstützung lassen sich hieraus ohnehin keine Behandlungsoptionen ableiten.

Behandlung

Grundsätzlich bieten sich zur Behandlung in erster Linie psychotherapeutische Verfahren an, wobei allerdings eine gezielte Heilung oftmals kaum möglich ist, sondern lediglich eine Reduzierung der Verhaltensauffälligkeiten erreicht werden kann. Vermehrt zur Anwendung kommt die kognitive Verhaltenstherapie, aber auch die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Analytische Psychotherapie können gegen die Persönlichkeitsstörungen eingesetzt werden. Erschwert wird die Therapie oftmals durch die speziellen Verhaltensmerkmale der verschiedenen Persönlichkeitsstörungen. So habe zum Beispiel Patienten mit einer schizoiden PS Schwierigkeiten, die erforderliche Bindung beziehungsweise das Vertrauen zu den Therapeuten aufzubauen, Patienten mit Histrionischer Persönlichkeitsstörung versuchen oftmals die Therapeuten beziehungsweise den Therapieverlauf zu manipulieren und Borderline-Patienten neigen zu Therapieabbrüchen.

Zur Vermeidung besonders schwerwiegender Symptome der verschiedenen PS ist gegebenenfalls auch eine Anwendung von Psychopharmaka möglich, wobei hier aufgrund der drohenden Nebenwirkungen ein zurückhaltender Einsatz angeraten wird. Bei begleitenden psychischen Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen oder Angststörungen kommen oftmals entsprechende Arzneien für deren Behandlung zur Anwendung. Wissenschaftlich Belege für eine mögliche Heilung der PS mit Hilfe von Psychopharmaka liegen bislang allerdings nicht vor. Sie dienen hier daher lediglich einer Linderung besonders gravierender Symptome.

Da die Interaktion mit dem engen sozialen Umfeld durch die PS oftmals erheblich belastet wird, kann unter Umständen eine Einbeziehung der Familie beziehungsweise einzelner Familienmitglieder in die psychotherapeutische Behandlung angebracht sein. Gegebenenfalls bietet sich auch eine zusätzliche Familientherapie an. Des Weiteren stehen für einige Formen der PS spezialisierte psychotherapeutische Behandlungsansätze zur Verfügung (zum Beispiel Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) bei Emotional instabiler PS), die an dem individuellen Beschwerdebild der Betroffenen ausgerichtet werden.

Naturheilkunde

Die klassische Naturheilkunde kann bei der Behandlung der beschriebenen psychischen Störungen zwar nur begrenzt einen Beitrag leisten, doch wird insbesondere der Homöopathie vielfach eine durchaus überzeugende Wirkung gegen die besonders ausgeprägten Symptome der PS zugeschrieben. So findet in der Naturheilkunde bei extremen Gefühlsschwankungen zum Beispiel das homöopathische Mittel Ignatia Anwendung, bei ausgeprägter Unsicherheit gegenüber Mitmenschen kann Lycopodium zum Einsatz kommen, Wut und Gewaltausbrüche sollen durch Aurum metallicum gelindert werden und gegen impulsives Verhalten wird mit Argentum nitricum vorgegangen. Die Auswahl des geeigneten Mittel ist in Abhängigkeit von dem individuellen Beschwerdebild der Betroffenen zu treffen und sollte erfahrenen Therapeuten vorbehalten bleiben. Die homöopathischen Mittel dienen in erster Linie der Symptomlinderung und können keine Heilung der Persönlichkeitsstörung erreichen.

Als weitere Methode aus dem Bereich der Naturheilkunde kommt insbesondere bei Patienten mit histrionischer PS gelegentlich Hypnose zur Anwendung. Ihr Einsatz bei der Behandlung ist jedoch bis heute eher umstritten, obwohl aus der Praxis vermehrt von Erfolgen berichtet wird. Zeigen die herkömmlichen psychotherapeutischen Methoden nicht den gewünschten Erfolg, kann daher in Absprache mit dem Therapeuten eine Hypnotherapie durchaus in Betracht gezogen werden. (fp)



Bild1: Anne Garti / pixelio.de