ADHS: Viele Erwachsene leiden unbewusst daran

Fabian Peters

Zahlreiche Erwachsene haben ADHS und wissen davon nichts

28.08.2012, aktualisiert

Immer häufiger wird die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (AHDS) auch bei Erwachsenen gestellt. Viele ältere Menschen leben seit Jahren mit ADHS, ohne sich dessen bewusst zu sein, erläuterte der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen in Trier, Dr. Alexander Marcus, gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. ADHS kann das Berufs- und Privatleben der Betroffenen stark beeinflussen. Viele Patienten leiden beispielsweise unter einer Drogenabhängigkeit oder einem nicht-konstanten Berufsleben.

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ADHS gilt im Allgemeinen als psychische Erkrankung von Kindern und Jugendlichen, die mit zunehmendem Lebensalter von alleine wieder verschwindet. Doch dies ist nicht zwangsläufig der Fall. Heute leiden laut Aussage der Experten auch immer mehr Erwachsene an ADHS – oftmals ohne von ihrer Erkrankung zu ahnen. Nicht selten hat ADHS einen maßgeblichen Einfluss auf den Lebenslauf der Betroffenen, was sich beispielsweise in vermehrter Drogenabhängigkeit oder unsteten beruflichen Laufbahnen äußern kann. Mit therapeutischer Unterstützung könne den erwachsenen ADHS-Patienten jedoch geholfen werden, erläuterte Dr. Alexander Marcus.

Bis zu drei Prozent der Erwachsenen leiden an ADHS
Nach Einschätzung des Chefarztes der Kinder- und Jugendpsychiatrie in dem Trierer Klinikum haben bundesweit zwei bis drei Prozent der Erwachsenen krankhafte Schwierigkeiten mit der Konzentration und Aufmerksamkeit. Bei Kindern schätzt Dr. Marcus den Anteil auf fünf bis sechs Prozent. Erst in den letzten Jahren sei den Experten bewusst geworden, „dass ADHS auch im Erwachsenenalter eine große Rolle spielt.“, erläuterte der Experte. Ursprünglich sei man davon ausgegangen, dass ADHS mit dem Ende der Pubertät nachlasse. Heute ist hingegen klar, dass die erkennbare motorische Unruhe zwar zurückgeht, doch die „innere Anspannung, diese Ablenkbarkeit, diese Unruhe, das Sich-Nicht-Dauerhaft-Mit-Etwas-Auseinandersetzen-Können“ bleibt, so der Mediziner weiter. Den meisten Betroffenen könne mit einer Kombination aus psychotherapeutischer Behandlung, Medikamenten und Beratung geholfen werden. Voraussetzung ist allerdings eine entsprechenden Diagnose.

Mögliche Anzeichen für ADHS
Hinweise auf ADHS bei Erwachsenen können laut Aussage des 61-jährigen Chefarztes der Kinder. und Jugendpsychiatrie zum Beispiel die unsteten Verhaltensweisen der Betroffenen sein. Jugendliche, die immer wieder ihre Ausbildung abbrechen und eine andere anfangen, Hausfrauen, die stets neuen Beschäftigungen nachgehen, ohne eine davon zu Ende zu bringen oder Berufstätige die auffällig oft ihren Job wechseln – all dies können Anzeichen von ADHS sein. Die Betroffenen setzen sich ständig unter Druck und denken, sie leisten nichts, dabei haben sie „unheimlich viel gemacht, nur nichts zu Ende gebracht“, so Dr. Marcus, in dessen Klinik derzeit über 100 ADHS-Patienten betreut werden. Hinzu komme, dass Erwachsene mit ADHS einem erhöhten Risiko der Drogenabhängig und der Gesetzeskonflikte unterliegen, denn „es wird einfach ausprobiert, ohne sich über mögliche Konsequenzen im Klaren zu sei“, erläuterte der Experte. Zu den Straftaten könne es auch auf anderem Wege kommen, zum Beispiel wenn im Geschäft einfach das Bezahlen vergessen wird. Hier sei unter Umständen ebenfalls ADHS der Grund. Eigentlich wollten die Betroffenen normal bezahlen, doch sie haben dies aufgrund ihrer mangelnden Konzentrationsfähigkeit bis zu Kasse schlichtweg vergessen. „Das glaubt einem natürlich niemand“, erläuterte Dr. Marcus.

ADHS bedingt auch Probleme im Umgang mit Emotionen
Ein höherer Intellekt hilft den Betroffenen, ihre ADHS-bedingten Schwierigkeiten länger zu kompensieren, doch irgendwann treten auch hier die typischen Beschwerden auf, berichtet der Fachmann. Zwar tragen die Patienten die Krankheit seit ihrer Kindheit in sich, doch „je schlauer jemand ist, desto später fällt es auf.“, betonte Dr. Marcus. Im Studium stoßen die Betroffenen zum Beispiel beim Lernen fürs Examen schließlich an ihre Grenzen. „Dann geht es plötzlich nicht mehr. Das kriegt man nicht hin“, erläuterte der Trierer Chefarzt. Auch könne ADHS bei den Patienten deutlich mehr als eine verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit bedingen. Die Betroffenen haben laut Aussage des Experten häufig „ein Riesenproblem“ ihre Emotionen zu regulieren. Ohne erkennbaren Grund seien „sie plötzlich traurig, wütend, zornig oder ängstlich“, so Dr. Marcus. ADHS-Patienten haben laut Aussage des Experten außerdem oftmals Probleme Gesprächen zu folgen und vergessen nicht selten wichtige Termine.

ADHS-Therapie bei Erwachsenen
Mit einer therapeutischen Behandlung könne den meisten jedoch geholfen werden, wobei die erwachsenen ADHS-Patienten es heute noch schwer haben, einen Arzt für die Behandlung ihrer Beschwerden zu finden. „Es gibt immer noch eine zu geringe Zahl“ von Ärzten für die ADHS-Behandlung im Erwachsenenalter, so Dr. Marcus. Im Jahr 2010 hatte der Forschungsverbund zur Psychotherapie der Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes- und Erwachsenenalter eine Studie durchgeführt, die zu dem Ergebnis kam, dass die zur Behandlung von ADHS „im Kinder- und Jugendalter etablierten Behandlungsmethoden auch bei Erwachsenen sinnvoll“ seien. Allerdings wird die anhaltende medikamentöse Therapie von der Jugend bis ins Erwachsenenalter durchaus kritisch bewertet. Denn die langfristigen Folgen der kontinuierliche Behandlung mit dem gängigen Wirkstoff Methylphenidat (Ritalin) sind bislang unklar. Welche Nebenwirkungen durch die jahrzehntelange Einnahme drohen, lässt sich bisher kaum abschätzen.

Fragwürdige Verschreibungspraxis bei ADHS-Medikamenten
Die Sicherung der Diagnose ist bei ADHS aufgrund der im Zweifelsfall über Jahre anhaltenden anschließenden Medikation besonders wichtig. Nicht ohne Grund hatte sich der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) im Jahr 2010 für eine Änderung der Verschreibungspraxis von Ritalin ausgesprochen. Viel zu häufig beruhte diese bis dato auf einer Falschdiagnose. Nach Auffassung des G-BA sollten Allgemeinärzte ohne zusätzliche Ausbildung daher nicht mehr über die Verschreibung von methylphenidat-haltigen Arzneimitteln entscheiden. (fp)