Biochemiker: Frühstück soll das neue Rauchen sein?

Dr. Utz Anhalt
Der englische Biochemiker Terence Kealey füllt derzeit die Schlagzeilen mit einer steilen These. Seinem Buch „Breakfast is a dangerous meal“ zufolge, heize Frühstück den Blutzuckerspiegel an und sei ebenso schädlich wie Zigaretten.

Ein Autodidakt gegen Diabetes
Basis für das Buch ist seine eigene Erfahrung. Kealey leidet an Diabetes 2 und wollte vermeiden, dass er an Herzinfarkt oder Schlaganfall stirbt.
Darum notierte er akribisch seinen Zuckerlevel und bemerkte, dass dieser nach dem Frühstück Höchstwerte erreichte. Er verzichtete auf das Frühstück und konnte, so meint er, so seinen Blutzucker senken.

Ein üppiges Frühstück gilt als gesund. Ist es aber so gefährlich wie Rauchen? (lunamaria/fotolia.com)

„Frühstück schadet wie Rauchen“
Kealey behauptet, auch Nicht-Diabetiker schadeten sich mit der frühen Mahlzeit. Denn durch Frühstück entwickelten Menschen eine Insulinresistenz – die arteriellen Gefäße würden erkranken, die Menschen würden fett, litten unter Bluthochdruck und bekämen letzlich Diabetes. Auf die Gefäße habe Frühstück den gleichen Effekt wie Rauchen.

Gibt es ein Frühstück für jeden?
Die britische Wissenschaftlerin Amelia Freer hält Kealeys These nicht für pauschal haltbar, gerade weil alle Menschen verschieden seien: „Es gibt kein Konzept, das allein passt.“

Freer zufolge sollte jeder für sich entscheiden, ob er Frühstück isst oder nicht. Wer sich mit Frühstück besser fühle und insgesamt gesund sei, sollte es zu sich nehmen. Wer hingegen morgens keinen Hunger habe, der sollte auch nicht essen.

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„Frühstück ist nicht gleich Frühstück“
Die Nahrungsforscherin Dagmar von Cramm zieht die Linie bei dem Was und nicht dem Ob. Entscheidend sei, was man zum Frühstück esse. Kalorienreiches Frühstück, nicht Frühstück allgemein, fördere das Übergewicht.

Hingegen hätte zum Beispiel Vollkornmüsli mit Obst und Nüssen keine negativen Folgen, im Unterschied zu weißen Brötchen mit Marmelade. Die ließen den Blutzucker tatsächlich schnell steigen.

Sie warnt Schwangere, Stillende, Kranke und Menschen mit Ess-Störungen sogar davor, irgend eine Mahlzeit bewusst auszulassen.

Mythos Frühstück
Das Frühstück als wichtigste Mahlzeit des Tages ist eine moderne Erfindung. Menschen in den meisten Kulturen legten historisch wenig Wert auf eine reichliche Mahlzeit nach dem Aufstehen.

Landarbeiter in Deutschland aßen meist lediglich einen Teller Haferbrei, bevor sie sich an die Feldarbeit machten. Die erste richtige Mahlzeit verspeisten sie erst, wenn sie schon einige Stunden gearbeitet hatten.

Auch die bayrische Brotzeit lässt sich nur bedingt als Frühstück bezeichnen. Genau genommen handelt es sich eher um einen brunch, denn der Brauch ist besonders bei Handwerkern verbreitet, die sich mit Weizenbier und Brezeln stärken, wenn sie die erste längere Pause bei der Arbeit machten.

Fischsuppe und Stutenmilch
Die Japaner aßen morgens meist nur eine heiße Fisch- oder Seetangsuppe, die Mexikaner Tortillas, die Tibeter salzigen Tee mit Yakbutter, die Mongolen tranken Stutenmilch.

Italiener und Franzosen bevorzugen noch heute ein leichtes Frühstück, das vor allem aus Kaffee besteht, dazu Crossant oder Süßgebäck, im Iran gibt es Tee und Fladenbrot.

Die alten Ägypter völlten hingegen zum Frühstück. Insbesondere begannen sie den Tag mit viel Bier und Brot.

Üppig im Norden
Verbreitet war ein üppiges Frühstück vor allem in nördlichen Ländern, in Großbritannien und Skandinavien. Dort aßen die Menschen morgens reichlich, mittags kaum und abends wieder ordentlich.

English Breakfast
Der britische „Lunch“ hat noch heute im Vergleich zum „Breakfast“ eine untergeordnete Bedeutung und besteht oft aus einem kalten Sandwich.
Im frühen 19. Jahrhundert etablierte das englische Bürgertum das „full English Breakfast“ mit Rühr- oder Spiegelei, gebratenem Speck, Blut- und Bratwürsten, aber auch gebratenen Nieren und Räucherfisch.

Die britischen Einwanderer brachten dieses opulente Mahl mit nach Amerika, wo Erdnussbutter, Pfannkuchen mit Ahornsirup, und später Cornflakes, Donuts und gezuckerter Orangensaft dazu kamen.

Ein Service für Touristen
Reiseländer für Mittel- und Nordeuropäer, in denen es heiß ist und die Sonne scheint, mussten sich auf die Bräuche der Touristen erst einstellen: Indische Hotels bemühen sich, „English Breakfast“ zuzubereiten, während die Inder selbst Tee mit Milch trinken.

Ein üppiges Frühstück gilt als gesund. Ist es aber so gefährlich wie Rauchen? (lunamaria/fotolia.com)

Ein Dauerbrenner
Die Rolle des Frühstücks für eine gesunde Ernährung ist unter realen und vermeintlichen Experten ein Dauerbrenner. Manche Diät-Ratgeber empfehlen, das Frühstück auszulassen, um so gleich Kalorien zu sparen. Andere halten das Frühstück gerade für notwendig, weil der Körper sonst Heißhunger entwickle.

Gesundes Vollkorn
Die gängigste These stellt Vollkornprodukte in den Vordergrund: Wer diese morgens konsumiere, bleibe den Vormittag über fit, weil langkettige Kohlenhydrate ihre Energie nur langsam abgeben.

Böse Kohlenhydrate?
Andere raten dazu, Kohlenhydrate nicht nur zum Frühstück, sondern generell bleiben zu lassen und statt dessen mehr Obst und Gemüse zu essen.

Brauchen wir morgens Energie?
Befürworter der Kohlenhydrats-These argumentieren folgendermaßen: Der Körper braucht den Energieschub am Morgen, um genug Energie zu haben, die er verbrauchen kann. Folgerichtig sind Kohlenhydrate vor dem zu Bett gehen schlecht, weil der Körper sie ansetzt, morgens aber gut, weil wir sie verbrauchen. Sie seien gewissermaßen das Benzin, das der Motor braucht.

Was ist mit Salz und Wasser?
Logisch ist das nicht. Der menschliche Körper verfügt nämlich über Energiereserven für fast sechs Wochen. Wer in der Wildnis auf sich allein gestellt überleben muss, kann die Energie locker aus seinen Fettreserven ziehen – nicht aber Salz und Wasser.

Flüssigkeit und Mineralien
Traditionelle Kulturen in unwirtlichem Klima legen zwar wenig Wert auf ein opulentes Mahl, um den Tag zu beginnen. Worauf sie aber nicht verzichten, sind Wasser und Nährstoffe: Tibeter versorgen sich mit salzigem Tee und Yakbutter mit Fett, Wasser und Salz; Berber in Marokko mit frischem Minztee mit Wasser und Vitaminen, Indios in den Anden sorgen mit Mate-Tee für Wasser und Gerbstoffe, Inder führen sich mit Tee und Milch Wasser, Fett und Mineralien zu.

Eine britische Besonderheit?
Ist Kealeys These durch seine Erfahrungen in Großbritannien bestimmt? Engländer und Schotten gehören nämlich in den westlichen Industrieländern zu den Menschen mit der ungesündesten Ernährung.

Das klassische „Englisch Breakfast“ mit einem Übermaß an Fett und einfachen Kohlenhydraten oder das normale englische Frühstück mit Marmelade, gezuckertem Kaffee oder gezuckertem Tee, nährstoffarmen Weißbrot empfiehlt kein Ernährungswissenschaftler als gesund.

Das liegt indessen nicht notwendig daran, dass es sich um Frühstück handelt. Weit verbreiteter Alkoholmissbrauch ist ebenfalls ein Faktor, der dazu führt, dass die Lebenserwartung in Schottland weit niedriger liegt als in vergleichbaren Industrieländern.

Zu viel Fett und Zucker ist nie gesund
Britische Ernährungswissenschaftler schlagen seit Jahren deshalb Alarm und Schulkantinen versuchen, eine ausgewogene Kost anzubieten. Das ist allerdings wenig erfolgreich, weil viele Schüler stattdessen lieber zum nächsten Imbiss gehen, um für ein Pfund „Roll and Chips“ zu kaufen, also frittierte Brötchen aus Weißmehl mit frittierten Pommes Frites, Ketchup und Majo.

Essen und Energieverbrauch
„Das“ Frühstück für jeden Menschen gibt es nicht. Das nordische Frühstück, reich an Kalorien, Kohlenhydraten und Fett erfanden die Einheimischen nicht, weil sie sich so gerne ungesund ernähren, sondern weil es ihren Bedürfnissen entsprach.
Wer in Kälte und Regen härteste körperliche Arbeit als Fischer oder Bauer leistete, der verbrauchte Kalorien in weit höherem Ausmaß als heutige Computer-Potatoes. Und es war sinnvoller, sich diese Kalorien vor der Arbeit zuzuführen als danach.
Auch im Harz gibt es zum Beispiel die so genannte Holzfällerwurst, die nahezu aus purem Fett besteht, denn genau das brauchte jemand, der täglich mehrere tausend Kalorien umsetzte.

Ein flexibler Magen
Der menschliche Organismus erwies sich in der Evolution als sehr flexibel. Ein Grund für unseren Erfolg liegt darin, dass wir fast jede Nahrungsquelle verwerten können – in zubereiteter Form.

Unsere Vorfahren, die Jäger und Sammler, kannten kaum feste Essenszeiten. Mahlzeiten richteten sich nach dem, was da war, und das auch im Wechsel der Jahreszeiten.

So verschlangen American Natives auf Bisonjagd unmittelbar nach der Jagd Innereien wie Herz und Leber mit einem Heißhunger, der europäische Zeugen verwunderte.

Essen, wenn man Hunger hat
In den Industrieländern kennen wir kaum noch das Gefühl, Hunger zu haben. Die meisten Menschen nehmen mehr Energie zu sich, als sie durch körperliche Tätigkeit wieder verbrauchen. Diese Situation ist für die Mehrheit der Menschen historisch einzigartig.

Der Körper ist der beste Indikator
Selbst innerhalb dieser Fülle ist unser Körper aber nach wie vor der beste Indikator, für das, was wir brauchen. Wenn wir uns angewöhnen, nur zu essen, wenn wir Hunger haben, und die körperlichen Bedürfnisse nicht ständig mit einem Übermaß an Zucker, Fett und einfachen Kohlenhydraten überfrachten, teilt der Organismus uns nicht nur mit, ob wir Nahrung brauchen, sondern auch, was uns gut tut.

Möhrensaft statt Red Bull
Als Hausregel heißt das: Wenn wir morgens ein Glas frisch gepressten Möhrensaft trinken, Nüsse und ein Vollkornbrötchen essen und danach das Bedürfnis haben, uns auf das Fahrrad zu schwingen, weil der Körper Bewegung will, ist das Risiko für einen erhöhten Blutzuckerspiegel nicht allzu groß.

Wer zum Frühstück indessen einen, Red Bull trinkt, dazu eine Kindermilchschnitte und ein Schoko-Crossant isst, und das Morgenmahl mit einem Nutella-Toast abschließt, der sollte Kealey’s Warnung ernst nehmen. Für ihn ist es vermutlich wirklich besser, ganz auf das Frühstück zu verzichten.

Studien fehlen
Kealeys These, dass Frühstück zu einer Insulinresistenz führe, würzt die Debatte mit einem neuen Aspekt. Um sie zu be- oder zu widerlegen fehlen indessen belastbare Studien. Kealeys Eigenerfahrung ist, ohne seine Seriosität in Frage zu stellen, wissenschaftlich wertlos.

Ob seine Erfahrungen sich als allgemeine Regel formulieren lassen, oder ob sich auch nur sein eigener Blutzuckerspiegel senkte, weil er auf das Frühstück verzichtete, müssten umfassende Studien belegen.

Dazu bräuchte die Forschung eine Gruppe von Proband_innen mit unterschiedlichem Alter, Herkunft und Geschlecht und unterschiedlichem Frühstück, die über einen Zeitraum von mehreren Monaten gänzlich auf Frühstück verzichtet, und deren Blutzuckerspiegel zuvor nach dem Frühstück gemessen wurde, und während der Studie ohne Frühstück weiter gemessen wird.Erst dann entstünden Ergebnisse, mit denen sich arbeiten ließe.

Das Raucherfrühstück
Auch ein „Belmondo-Frühstück“ mit Kaugummi, filterloser Zigarette und schwarzem Kaffe widerspricht einer gesunden Lebensweise. Da hat Kealey Recht: Wenn das Frühstück aus einer Zigarette besteht, ist es ebenso gefährlich wie Rauchen. (Dr. Utz Anhalt)