Bis heute verborgene Ursachen für chronische Darmerkrankungen von Forschern entdeckt

Alfred Domke
Alarm im Darm – Forscher entdecken Ursache für chronische Entzündungen
Obwohl chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis Ulcerosa und Morbus Crohn immer häufiger diagnostiziert werden, ist noch immer weitgehend unbekannt, wie es zu solchen Krankheiten kommt. Deutsche Forscher haben nun eine Ursache für chronische Entzündungen entdeckt.

Neuer Mechanismus aufgedeckt
Experten zufolge beruhen chronische Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn auf Fehlern der körpereigenen Immunabwehr. Die Folge sind oft schubartige auftretende Beschwerden wie Bauchschmerzen, -krämpfe oder Durchfall. Wo genau die entscheidenden Ursachen liegen, ist noch immer Gegenstand der Forschung. Deutsche Forscher haben nun einen neuen Mechanismus aufgedeckt, der die Entzündung im Darm verursacht.

Die Ursachen für chronische Darmerkrankungen sind noch immer weitgehend unbekannt. Forscher haben nun einen Mechanismus aufgedeckt, der die Entzündung im Darm verursacht. (Bild: ag visuell/fotolia.com)

Ein Auslöser für chronische Darmerkrankungen
Ein Team um Dr. Nadine Hövelmeyer und Univ.-Prof. Dr. Ari Waisman von der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz hat zusammen mit Dr. Elke Glasmacher vom Helmholtz Zentrum München aufgedeckt, dass „zu viel“ des bekannten Onkogens Bcl-3 zu chronischen Darmerkrankungen führt.

Wie genau dies das Immunsystem aus dem Gleichgewicht bringt, beschreiben sie im Fachmagazin „Nature Communications“.

„Gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern konnten wir zeigen, dass das Protein Bcl-3, das auch bei verschiedenen Krebserkrankungen eine Rolle spielt, im Darm von Colitis-Patienten erhöht und tatsächlich ein Auslöser der Krankheit ist“, so Dr. Nadine Hövelmeyer, Arbeitsgruppenleiterin am Mainzer Institut für Molekulare Medizin, in einer Mitteilung der Klinik.

Seine Wirkung auf die Darmgesundheit entfaltet Bcl-3 der Studie nach in den sogenannten regulatorischen T-Zellen (Tregs). Sie sind eigentlich dafür zuständig, überschießende Reaktionen des Immunsystems zu verhindern und eine Toleranz gegenüber dem eigenen Körper aufzubauen.

Neue Angriffspunkte für Therapien
„Wir konnten zeigen, dass Bcl-3 die Aktivierung von Tregs unterbindet, indem es das Ablesen dafür notwendiger Gene verhindert“, erklärte Glasmacher, Arbeitsgruppenleiterin am Münchner Institut für Diabetes und Adipositas und Wissenschaftlerin im Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD).

„Denn Bcl-3 interagiert mit dem Transkriptionsfaktor p50, der für die Aktivierung zuständig wäre, und blockiert ihn.“

Die regulatorischen T-Zellen bleiben in der Folge passiv, das Immunsystem wird nicht mehr reguliert und die Entzündungsprozesse kommen in Gang.

„Im Modellversuch hatte sich gezeigt, dass bei erhöhten Mengen an Bcl-3 bestimmte Zellen in den Darm einwandern und dort starke Entzündungen auslösen“, erläuterte die Erst-Autorin der Publikation Dr. Sonja Reissig, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universitätsmedizin Mainz.

„Die Ergebnisse tragen wesentlich zu unserem Verständnis von chronischen Darmentzündungen bei und sollen langfristig neue Angriffspunkte für Therapien aufdecken“, sagte Hövelmeyer.

Ihr Kollege Univ.-Prof. Dr. Ari Waisman, Leiter des Instituts für Molekulare Medizin der Universitätsmedizin Mainz, ergänzte: „Aktuell befassen wir uns mit der Suche nach neuen Wirkstoffen, die die Interaktion zwischen Bcl-3 und p50 verhindern und so die normale Treg-Funktion erhalten.“ (ad)