Chinesen werden durch Verwestlichung krank

Astrid Goldmayer

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Todesursache Nummer eins in China

12.10.2012

Während sich die traditionelle Chinesische Medizin, zu der auch eine gesunde Ernährungs- und Lebensweise gehören, in Europa immer größerer Anerkennung erfreut, scheint in China seit einiger Zeit ein gegenläufiger Trend Ursache für immer mehr kranke und übergewichtige Chinesen zu sein. Durch die Verwestlichung sterben jährlich rund drei Millionen Chinesen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Selbst Kinder litten zunehmend an Übergewicht, berichteten Experten beim Internationalen Kongress für Kardiologie in Peking. Ein großes Problem liege demnach in fehlenden Präventionsmaßnahmen, die im chinesischen Gesundheitssystem bislang nicht vorgesehen seien. Jetzt schlagen Mediziner Alarm.

Jährlich sterben drei Millionen Chinesen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Mit dem rasanten Wirtschaftswachstum kamen auch der Wohlstand und mit ihm die Zivilisationskrankheiten nach China. Durch den veränderten Lebensstil vieler Chinesen – vor allem der Stadtbevölkerung – belegen Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Herzinfarkt und Schlaganfall inzwischen den ersten Platz bei den Todesursachen im „Reich der Mitte“. Laut einer chinesischen Studie, die beim Internationalen Kongress für Kardiologie in Peking vorgestellt wurde, stirbt alle zehn Sekunden ein Chinese an den Folgen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Wissenschaftler sehen vor allem den Lebensstil vieler Menschen, der sich im Laufe der letzten 30 Jahre gravierend verändert hat, als Ursache für die deutliche Zunahme der Zivilisationskrankheiten. So habe sich das jährliche Pro-Kopf-Einkommen innerhalb der vergangenen 30 Jahre fast verachzigfacht. Während ein Chinese im Jahr 1978 noch durchschnittlich 381 Yen verdiente, lag sein Gehalt 2010 im Schnitt bei 29.748 Yen. Hinzu komme die Landflucht, noch vor 30 Jahren leben nur 18 Prozent der chinesischen Bevölkerung im städtischen Raum. Heute gehörten rund 50 Prozent zur Stadtbevölkerung.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden erst im fortgeschrittenen Stadium behandelt
Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Nikotinkonsum seien die Ursache für die dramatische Entwicklung bei Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes, berichten die Forscher. Hinzu komme, dass diese Zivilisationskrankheiten häufig nicht ausreichend oder erst in einem fortgeschrittenen Stadium behandelt würden. „Als Folge sterben jedes Jahr drei Millionen Chinesen an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung", berichtete Studienleiter Dayi Hu, Leiter des Herzzentrums an der Universität Perking, während des Kongresses. Laut Hu gingen inzwischen 40 Prozent der Todesfälle auf das Konto von Herzinfarkt, Schlaganfall und Co. Damit hole China die westlichen Industrieländer auch bei den Gesundheitsproblemen immer weiter ein.

Die Zahl der Raucher sei so drastisch angestiegen, dass mittlerweile etwa jeder zweite Mann und insgesamt 350 Millionen Chinesen Zigaretten oder andere Tabakerzeugnisse rauchten, berichten die Forscher. In China ist das Rauchen an öffentlichen Orten nicht verboten. Hu sieht deshalb die Politik in der Pflicht: „Die Regierung muss Gesetze erlassen, die das Rauchen an öffentlichen Orten verbieten.“ Die chinesische Gesellschaft für Kardiologie plane eine Zusammenarbeit mit der Regierung, um den Tabakkonsum besser zu kontrollieren.

Gesundheitliche Präventionsmaßnahmen in China bisher vernachlässigt
„Prävention hatte im chinesischen Gesundheitssystem bisher keine Priorität", erklärte Hu weiter. Es fehle nicht nur der Bevölkerung an Wissen über die Risikofaktoren von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern auch vielen Ärzten an Fachwissen zur Behandlung dieser „modernen“ Erkrankungen. Deshalb seien in den letzten 20 bis 30 Jahren nur die Endstadien therapiert worden.

Besonders Ärzte würden ein schlechtes Vorbild abgegebenen, denn immerhin „die Hälfte der männlichen Mediziner raucht und viele sind übergewichtig", erläutert Hu. Sogar Kardiologen, denen es nicht an Wissen über derartige Erkrankungen mangelt, lebten zum Teil sehr ungesund. „Meiner Überzeugung nach wird es keine gesunde Bevölkerung geben, solange es keine gesunden Ärzte gibt", mahnt der Studienleiter.

Besonders dramatisch ist auch die gesundheitliche Entwicklung bei den chinesischen Kindern. Viele sind ähnlich ihrer westlichen Altersgenossen aufgrund von Bewegungsmangel und ungesunder Ernährung inzwischen übergewichtig bis stark adipös. „Wir sollen mit mehr gesundheitlicher Aufklärung und Erziehung bereits sehr früh bei den Kindern beginnen, um die Menschen dabei zu unterstützen, sich mehr zu bewegen und gesund zu ernähren“, sagte Hu.

Der Wissenschaftler rät zu einer salzarmen Ernährungsweise. „In China sollten wir die Bevölkerung über das Fernsehen dazu erziehen, weniger Salz zu essen. Zudem müssen wir gesundes, salzarmes Cafeteria-Essen fördern, denn viele Kinder essen häufiger in Schulkantinen und Arbeitnehmer nehmen ihr Mittag- und Abendessen öfter in firmeneigenen Cafeterien zu sich als zuhause“, sagte Hu.

92 Millionen Chinesen leiden an Diabetes
Auch in China leiden immer mehr Menschen an Bluthochdruck und Diabetes. Beide Erkrankungen gehören zu den Hauptrisikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall. Es gebe inzwischen 92 Millionen Zuckerkranke im Land, so Hu. Besonders in den Städten sei die Zahl dramatisch – um 50 Prozent – gestiegen. Aufgrund einer ungenügenden Behandlung von Diabetes in China, würden 16mal so viele Diabetiker aufgrund von Komplikationen in Krankenhäusern behandelt werden wie beispielsweise in den Niederlandern, ergänzt Hu. „Die Anzahl der Betroffenen ist riesig, aber Maßnahmen finden kaum statt.“

Ähnlich sehe es bei der Versorgung von Bluthochdruck-Patienten aus. Nur einem Drittel der Betroffenen in China sei überhaupt bekannt, dass ihr Blutdruck zu hoch sei, während es in den USA 80 Prozent seien. Nur 24 Prozent dieser chinesischen Patienten würden gegen Bluthochdruck behandelt werden. Dem stünden 74 Prozent in den USA gegenüber. Letztlich würden nur sechs Prozent der Bluthochdruck-Patienten in China ihre Werte in den Griff bekommen, während es in den USA immerhin 50 Prozent seien.

Bluthochdruck (Hypertonie) wird häufig erst spät entdeckt, weil er über einen langen Zeitraum keine Symptome zeigt oder mit nur mäßigen, unspezifischen Beschwerden einhergeht. Ist der Blutdruck jedoch stark erhöht, kann es zu Nervosität und weiteren vegetative Symptomen, morgendlichen Kopfschmerzen, Atembeschwerden bei Belastung und starkem Schwindel kommen. Treten zudem auch akutes Nasenbluten, starkes Herzklopfen und anfallartige Kopfschmerzen auf, könnte bereits eine Hochdruckkrise eingetreten sein. In diesem Fall ist sofortige notfallmedizinische Hilfe erforderlich. Die schwerwiegendsten Folgen einer Hypertonie sind Herzinfarkt und Schlaganfall. (ag)

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Bild: Benjamin Thorn / pixelio.de