Fische im All: Der Reisekrankheit auf der Spur

Erforschung der Reisekrankheit im All mit Fischen

Fische sollen dabei helfen, die Geheimnisse der Reisekrankheit zu lüften. Ein deutsches Forscherteam wird eigens hierfür Barsche in das Weltall befördern.

Fische im All sollen Reisekrankheit erklären

19.04.2013

Jedes Jahr zur Urlaubszeit ist sie wieder präsent: die Reisekrankheit – quälend für viele Urlauber, die während der Autofahrt, auf dem Schiff, im Bus oder Flugzeug unter anderem mit Übelkeit und Erbrechen zu kämpfen haben. Dabei treten zunächst in vielen Fällen Müdigkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten oder Stimmungsschwankungen auf, bis sich dann die eigentliche Reisekrankheit neben der Übelkeit durch Symptome wie Blässe, Mattigkeit, Herzrasen, einem niedrigen Blutdruck oder Schwindel äußert. Deutsche Wissenschaftler schicken nun Fische und Schnecken ins All, um die kaum erforschte Reisekrankheit besser zu erforschen.

 

Fische werden ebenso reisekrank wie Menschen
Die Ursachen der so genannten „Reisekrankheit“ (oder auch Bewegungskrankheit, fachsprachlich Kinetose) sind jedoch bis heute nicht vollständig geklärt – daher starten Forscher der Universitäten Erlangen-Nürnberg und Hohenheim am kommenden Freitag ein ganz besonderes Experiment: So wollen die Wissenschaftler Fische und Schnecken ins All schicken, da diese ebenso „reisekrank“ werden können wie Menschen. Ergänzt werden soll die außergewöhnliche Besatzung der Sojusrakete dabei um verschiedene Algen, um möglicherweise anhand von Zellveränderungen im Zustand der Schwerelosigkeit Hinweise zu bekommen, warum bei Astronauten die Einsätze so stark an die körperliche Substanz gehen.

Ursachen der Reisekrankheit bisher nicht eindeutig geklärt
Auch wenn in Hinblick auf die Ursache der Reisekrankheit noch Forschungsbedarf besteht – bisher gehen Forscher davon aus, dass "die Beschwerden durch ungewohnte Beschleunigungen (zum Beispiel bei Wellengang auf Schiffen) ausgelöst werden, die über verschiedene Reize auf das Gleichgewichtsorgan im Innenohr wirken". Werden diese Bewegungen nicht die ganze Zeit über mit den Augen verfolgt, kann das Gehirn diese nicht mehr zuordnen und verbucht sie als Fehlermeldung, wodurch schließlich die bekannten Symptome der Reisekrankheit wie Übelkeit oder Schwindel ausgelöst werden. Dies gelte laut Peter Richter von der Universität Erlangen sowohl für Menschen als auch für Fische, denn „gerade das Innenohr der Fische hat sehr große Ähnlichkeit mit dem menschlichen Ohr.“

Schwerelosigkeit verhindert Ausgleich durch das Gehirn
Schon in früheren Untersuchungen sei laut Richter herausgefunden worden, dass gerade die Fische besonders starke Symptome zeigten, deren Gehörsteinchen in den Ohren unterschiedlich groß waren. Dies sei normalerweise kein Problem, denn befindet sich Mensch oder Fisch in gewohnter Umgebung, würde dieser Unterschied vom Gehirn ausgeglichen. Wird die gewohnte Umgebung jedoch verlassen, greift dieser Mechanismus nicht mehr – so eben auch im All, denn dann würden nach Richters Erklärung die Fische versuchen, durch Reflexe, die vermeintliche Fehllage zu korrigieren – eben so wie Menschen, die im Falle von Schwindel probieren, durch Gegenbewegungen einen Sturz zu vermeiden.

Geschlossenes Ökosystem für vier Wochen ins All
Für ihr neues Experiment haben die Wissenschaftler nun vier Wochen angesetzt, in denen sie unter anderem Erkenntnisse darüber gewinnen möchten, wie sich die Schwerelosigkeit auf die Bildung von Gehörsteinen sowie auf Knochen und Muskeln der Fische auswirkt. Dafür soll nun zum ersten Mal ein in sich geschlossenes Ökosystem ins All geschickt werden – mit 40 Buntbarsch-Larven, Posthornschnecken, der Algenart Euglena gracilis und der Wasserpflanze Hornkraut.

Auch Algen sollen neue Erkenntnisse liefern
Neben den Fischen stehen auch die Algen im Fokus der Beobachtung, denn laut Richter sei schon länger bekannt, „dass sich schon nach wenigen Sekunden in der Schwerelosigkeit sowohl das Ablesen der Gene im Zellkern als auch die Proteine in den Zellen verändern.“ Daher bestehe nun der nächste Schritt darin, die dahinterliegenden Mechanismen zu untersuchen“, so der Experte, denn diese Vorgänge würden starke Ähnlichkeiten zu den körperlichen Reaktionen von Astronauten aufweisen: „Sobald Menschen längere Zeit im Weltall sind, wird relativ schnell das Immunsystem geschwächt, die Knochen werden – ähnlich der Osteoporose – schwach, und es kommt zu Muskelschwund.“

Ungewöhnliche Besatzung startet am Freitag
Am kommenden Freitag soll nun die Reise für die außergewöhnliche Besatzung der Sojusrakete vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur aus starten - in der Vorbereitung hatten die Wissenschaftler Fische, Algen sowie die gesamte Technik in einer Box der Größe einer Bierkiste unterbringen und gegen schädliche Einflüsse wie der Weltraumstrahlung absichern müssen. Die vollautomatische Durchführung des Experiments liegt dabei auf der Hand: Denn würde das Aquarium unerwartet Wasser verlieren, so sei dieses laut Projektleiter Michael Lebert, in der Schwerelosigkeit sehr schwer wieder einzusammeln – zudem bestehe das Risiko, dass die Bord-Elektronik an Bord dadurch massiv beschädigt werden könne.

Übelkeit und Erbrechen als überlebensnotwendige Reaktion
Neben dem Thema „Reisekrankheit“ beschäftigen sich die Forscher auch mit Erbrechen infolge von übermäßigem Alkoholkonsum – denn nach Ansicht der Wissenschaftler könnte der Mechanismus hinter beiden Phänomenen der gleiche sein. So könne vermutet werden, dass historisch betrachtet Übelkeit und Erbrechen eine überlebensnotwendige Reaktion wären, da Menschen früher beim Probieren unbekannter Pflanzen auch immer wieder an giftige Nahrungsmittel gerieten. Daher sei Erbrechen laut Projektmitarbeiter Ferdinand Haag "bei allen oral aufgenommenen Giften ein sehr hilfreicher Reflex" – der bei der Reisekrankheit vermutlich auf gleiche Weise wirken würde – nur dass hier eben nicht die Vergiftung, sondern ungewohnte Bewegungen der Auslöser wären.

Frauen häufiger von Reisekrankheit betroffen als Männer
Auch wenn also im Prinzip jeder Mensch mit einem gesunden Gleichgewichtsorgan reisekrank werden kann, so wird davon ausgegangen, dass etwa 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung hier eine besonders hohe Empfindlichkeit haben - so sind zum Beispiel Frauen häufiger betroffen als Männer, vor allem zu Beginn der Menstruation oder in der Schwangerschaft. Auch bei Menschen, die unter Flugangst leiden oder die von Vornherein eine Übelkeit z.B. beim Autofahren erwarten, tritt die Reisekrankheit tatsächlich relativ oft auf, ebenso sind Migräne-Patienten sehr anfällig.

Vorbeugung möglich mit einfachen Mitteln
Doch auch wenn die Reisekrankheit weit verbreitet ist – in den allermeisten Fällen verschwinden die Beschwerden wie Übelkeit oder Schwindelgefühl von selbst wieder, sobald der Betroffene nicht mehr den ungewohnten Bewegungen ausgesetzt ist bzw. wenn wie auf Seereisen meist nach etwa zwei Tagen eine Gewöhnung einsetzt. Dennoch gibt es verschiedene Möglichkeiten, der Reisekrankheit nicht-medikamentös vorzubeugen: So empfiehlt es sich ganz allgemein, immer in Fahrtrichtung zu sitzen, vor der Reise keinen Alkohol zu trinken, starke Kopfbewegungen zu vermeiden und wenn möglich, selbst das Steuer zu übernehmen – denn die Reisekrankheit betrifft zumeist nur Beifahrer. Darüber ist es bei Fahrten in Auto oder Bus ratsam, geradeaus auf die Fahrbahn zu schauen, auf eine kontrollierte und regelmäßige Atmung zu achten und Lesen sowie aus den Seitenfenstern zu schauen zu vermeiden. Auf Schiffsreisen ist es oft hilfreich, den Horizont bzw. die Küste fest mit den Augen zu fixieren und sich bei großen Fahrzeugen in der Mitte des Schiffs aufzuhalten sowie eine Kabine mit Fenster zu buchen. Und auch im Flugzeug kann der Reisekrankheit entgegengewirkt werden: Hier wird häufig empfohlen, einen Sitzplatz in der Nähe der Tragflächen zu wählen. (nr)


Bild: Gerd Altmann / pixelio.de