Frauen bekommen häufiger Psychopharmaka verordnet

Astrid Goldmayer

Barmer GEK Arzneimittelreport 2012: Frauen werden häufiger Psychopharmaka verordnet als für Männer

29.06.2012

Dass Frauen und Männer verschieden sind, ist nicht neu. Eine Untersuchung im Auftrag der Barmer GEK hat jetzt gezeigt, dass Ärzte bei der Verschreibung von Medikament möglicherweise geschlechtsspezifische Unterschiede machen. Während Frauen häufiger Psychopharmaka verordnet werden, erhalten Männer öfter Herzmittel wie Betablocker.

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Bei Frauen leidet die Seele, bei Männern das Herz
Ein relativ neuer Forschungszweig ist die Gender-Medizin. Sie beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Erkrankungen und Therapien und dem Geschlecht des Patienten. Denn Männer und Frauen sind unterschiedlich krank, sie zeigen andere Symptome bei derselben Erkrankung. Während Herzinfarkte früher fast reine Männersache waren, holen Frauen inzwischen bei dieser Diagnose auf, zeigen aber andere Symptome als männliche Patienten. Dennoch bleibt das Herz ein überwiegend männliches Problemorgan, während Frauen häufiger psychische Leiden haben. Dieser Schluss lässt sich zumindest aus einer Untersuchung im Auftrag der Barmer GEK ziehen, nach der Ärzte Männern viel häufiger Herz-Kreislauf-Medikamente verordnen, während Frauen zwei- bis dreimal so oft Antidepressiva, Tranquilizer oder Schlafmittel verschrieben werden.

Ein Team um Studienleiter Gerd Glaeske von der Universität Bremen hat die Untersuchungsergebnisse genauer untersucht und ist der Frage nachgegangen, ob die unterschiedliche Medikation immer medizinisch gerechtfertigt ist oder ob Rollenklischees im Spiel sind, wenn Frauen häufiger Psychopharmaka verordnet werden als Männern. Dieser Verdacht bestätigte sich. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Verordnung von Medikamenten medizinisch häufig schwer zu begründen sind. Für die Frauen besteht zudem durch die Psychopharmaka ein erhöhtes Abhängigkeitsrisiko. Glaeske rät dringend zu mehr Untersuchungen zur geschlechtsspezifischen Reaktion auf Medikamente. Es seien zu wenig Daten zur möglicherweise anderen Wirkweise von Medikamentenbestandteilen im weiblichen Organismus vorhanden. Die Verstoffwechselung erfolge unter Umständen anders als bei Männern. „Wir brauchen eine Negativliste, die Ärzte verlässlich über Wirkstoffe informiert, die bei Frauen gefährliche Effekte auslösen können.“ Die Auflistung könnte nach dem Vorbild der Priscus-Liste erfolgen, die gefährliche Wirkstoffe für Ältere beinhaltet.

Leitlinien für Medikamentenverordnung werden zu wenig beachtet
Ein weiteres Ergebnis des Arzneimittelreports zeigt, dass Ärzte häufig nicht nach den Leitlinien für Medikamente handeln. Demnach verordnen Zahnärzte ihren Patienten an Stelle des empfohlenen Amoxicillin vorzugsweise eine teureres Antibiotikum. Auch bei Schmerzmitteln werde häufiger ein Kombi-Präparat statt des empfohlenen Mono-Präparats verschrieben.

Zudem würden viel zu oft cholesterinsenkende Medikamente zur Vorbeugung verordnet. Der Nutzen dieser Medikamente sei jedoch nicht erwiesen. Laut Report verschreiben Ärzte generell zu viele kostenintensive Medikamente, deren Wirksamkeit nicht eindeutig belegt ist.

Frauen werden 22 Prozent mehr Medikamente verschrieben als Männern. Für 100 Frauen werden durchschnittlich 937 Rezepte ausgestellt. Die Kosten für Medikamente verteilen sich jedoch annähernd gleichmäßig auf beide Geschlechter. Bei Frauen fallen durchschnittlich 449 Euro an und bei Männern 411 Euro. Die Zahlen aus dem Report beziehen sich ausschließlich auf Versicherte der Barmer sowie auf Rezepte, die im Rahmen von Kassenleistungen abgerechnet werden.

Barmer GEK gab vier Milliarden Euro für Arzneimittel aus
Laut Arzneimittelreport 2012 hat die Barmer GEK im letzten Jahr rund 3,9 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben. Weitere 400 Millionen Euro wurden in Rezepturen und importierte Arzneimittel investiert. Etwa 32 Prozent der Ausgaben entfielen dabei auf neue, kostenintensive Spezialpräparate gegen Krebs, Rheuma oder Multiple Sklerose, obwohl diese nur knapp drei Prozent der Verordnungen ausmachten, teilte die Barmer GEK mit. Die Entwicklung der Arzneimittelausgaben sei jedoch insgesamt positiv, erklärte Dr. Rolf Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Barmer GEK. Durch das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) sei der teilweise legere Umgang mit Ausgaben im Arzneimittelmarkt gebremst worden, betonte Schlenker. Deshalb sollte das AMNOG nach Meinung des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden keinesfalls wieder aufgeweicht werden. (ag)